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Can Dündar_Verräter. Von Istanbul nach Berlin_Buchcover

Buchbesprechung

Der „Landesverräter“ ist ein furchtloser Journalist

Der prominente Autor Can Dündar kritisiert die ängstliche Flüchtlingspolitik Europas gegenüber der Türkei.

  Jürgen Castendyk | 01.08.2018

„Es brennt bei uns, seht Ihr das denn nicht?“

Um es mit drei Worten des Journalisten Can Dündar auf den Punkt zu bringen: „Europa hat Angst“. Es ist die Angst, es könnten Millionen von Flüchtlingen nach Europa stürmen, den Menschen hier die Arbeit wegnehmen und ihr Leben auf den Kopf stellen. Laut Dündar sehen Europäer nur einen Ausweg: der Türkei Milliarden Euro für die weitere Aufnahme von Flüchtlingen zu überweisen.

Sie sollen so daran zu gehindert werden, mit Booten weiter nach Griechenland zu fliehen. Die Türkei ist damit zum bezahlten Wächter über die Flüchtlinge geworden. Europa verzichtet hingegen auf eine wirkungsvolle Kritik bei der Abschaffung von Menschenrechten.

Dündar hat erlebt, dass in Gesprächen die europäischen Regierungen die Augen verschlossen und die Köpfe abwandten. Europa verlor damit seine Glaubwürdigkeit, demokratische Werte zu verteidigen. Dündar stellt dazu fest: „Ihr Schweigen bedeutete Unterstützung für die Repression.“ Daraus ergibt sich für ihn eine böse Vermutung: „Offensichtlich sieht man in einigen Hauptstädten und Kapitalkreisen ein stabiles repressives Regime in der Türkei lieber als demokratische Instabilität.“ Diese Haltung Europas enttäuscht nicht nur Dündar, sondern Millionen von Menschen in der Türkei, die Repressalien durch das Regime von Präsident Erdoğan erlitten. Es waren diese Menschen, die für Menschenrechte und Pressefreiheit eintraten. Sie fühlen sich von Europa verraten.

„Der Hass blendete die Rechtsprechung“

Als Chefredakteur der kritischen Tageszeitung Cumhuriyet (Republik) aus Istanbul war Can Dündar ein prominenter Verteidiger der Pressefreiheit. Unter seiner Leitung deckte Cumhuriyet mehrere politische Skandale auf. 2015 berichtete die Zeitung über illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an den sogenannten IS in Syrien oder ein mitgeschnittenes Telefongespräch, in dem Erdoğan seinen Sohn fragte, ob er „das Geld im Haus“ habe verschwinden lassen. Später wurde bekannt, dass bei staatlichen Großaufträgen Unternehmer von der Regierung unter Druck gesetzt wurden. Sie sollten als Gegenleistung oppositionelle Medien aufkaufen. Danach wurden sie in Propaganda-Instrumente der Regierung umgewandelt. „All das waren Staatsgeheimnisse; schmutzige Geheimnisse, über die die Menschen im Land doch unterrichtet werden mussten.“ Die Reaktionen von Erdoğan und der von ihm gelenkten Justiz kamen nicht unerwartet. Präsident Erdoğan stellte Strafanzeige wegen Spionage und forderte lebenslange Haft. Vom Vorsitzenden der Stiftung, die Cumhuriyet herausgibt, bis zum Chefredakteur, vom Kolumnisten bis zum Karikaturisten, vom Buchhalter bis zum Anwalt wurde die gesamte Führungsriege der Zeitung am 31. Oktober 2016 festgenommen. Die Anklage der Justiz war bedrohlich: „Aufdeckung von Staatsgeheimnissen zwecks Versuchs, die Regierung zu stürzen ... "Zweimal lebenslang" lautete die Forderung gegen uns,“ berichtet Dündar. Er wurde zum Landesverräter erklärt, verhaftet, saß monatelang in Einzelhaft im Gefängnis, wurde vor Gericht gestellt und nur aufgrund internationaler Proteste bis zur Fortsetzung des Prozesses kurzfristig entlassen. Vor dem Gerichtsgebäude überlebte Dündar ein Attentat. Danach floh er nach Berlin ins Exil.

„Glücklicherweise besteht der Westen nicht allein aus ängstlichen Regierungschefs ...“

Als prominenter Exilant erfuhr Dündar politische Unterstützung und Hilfe der Zivilgesellschaft. Im In- und Ausland begegnete er Abgeordneten von Parlamenten, Nichtregierungsorganisationen, Berufsverbänden und Journalistenkolleg*innen, die die europäische Politik gegenüber dem Autokraten Erdoğan scharf kritisierten. Es gab zahlreiche Proteste und Demonstrationen gegen die willkürliche Verhaftung und Verurteilung regimekritischer Journalist*innen. Im Jahr 2016 wurde der Tageszeitung Cumhuriyet für ihren mutigen investigativen Journalismus der Alternative Nobelpreis verliehen. Dündar kündigte als Chefredakteur, weil er im Exil bleiben wollte. Vorher hatte er sich über Skype mit seiner Frau abgestimmt, die Istanbul nicht verlassen durfte und mit seinem Sohn, der in London lebte. Sie kamen zu einer gemeinsamen Einschätzung. Von Europa aus könne sich Dündar wirkungsvoller gegen die Zensur und für die Pressefreiheit in seinem Heimatland einsetzen als nach seiner absehbaren Verurteilung zu lebenslanger Haft.

Da völlig mittellos, musste sich Dündar eine neue berufliche Existenz aufbauen. Bei der Wochenzeitung Die Zeit bekam er im Jahr 2016 eine regelmäßige Kolumne. Bis heute berichtet er kritisch über die sich stetig verschlechternde Situation der Menschenrechte in der Türkei, insbesondere nach dem Putschversuch im Jahr 2016.

Özgürüz - Wir sind frei

Mit dem ebenfalls aus der Türkei geflohenen Journalisten Hayko Bagdat gründete Dündar im Januar 2017 das zweisprachige Online-Medium Özgürüz. Die gemeinnützige Journalisten-Plattform Correctiv nahm die Redaktion von Özgürüz auf. Nachdem das türkische Staatsfernsehen darüber berichtet hatte, erhielten die Redakteur*innen Morddrohungen von türkischen Nationalisten. Das Redaktionsgebäude von Correctiv in Berlin musste zeitweise von der Polizei geschützt werden. Es wurde schwierig, freie Berichterstatter in der Türkei zu finden. Als Dündar eine bekannte Journalistin anrief, erhielt er eine Absage. „Völlig unmöglich. Niemand kann das. Allein schon aufgrund dieses Telefonats könnte ich schon verhaftet werden. Am besten, hast du mich gar nicht angerufen.“ Dann legte sie auf. Auch arbeitslose Journalisten im Exil verweigerten die Mitarbeit. Sie hatten Angst, vom türkischen Geheimdienst ausspioniert zu werden. Selbst Politiker, die das Büro von Özgürüz besuchten, wollten lieber keine Fotos machen lassen: „Nicht, dass man mich hier sieht!“ Trotz aller Schwierigkeiten gelang eine dauerhafte redaktionelle Arbeit. Nach dem Crowdfunding-Prinzip wurde eine Finanzierung sichergestellt. Später konnten auch Videos produziert werden. Die Veröffentlichung erfolgt auf Facebook, YouTube und Twitter. Heute gilt Özgürüz als eine verlässliche Informationsquelle.

Informationen zum Buch

Can Dündar "Verräter. Von Istanbul nach Berlin. Aufzeichnungen im deutschen Exil", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017, ISBN 978-3-455-00188-4, 192 Seiten, Preis: 20 Euro.

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