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Ausstellung "Moon Calendar"

Der kurdische Künstler Hiwa K tanzte im Foltergefängnis

Die beeindruckende Ausstellung „Moon Calendar“ im Kunstverein ist noch bis zum 29. Juli geöffnet.

  Jürgen Castendyk | 13.07.2018

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"Pin Down" von Hiwa K. © Courtesy der Künstler, KOW, Berlin und Prometeogallery di Ida Pisani Mailand / Lucca / Foto: Raimund Zakowski
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"Pin Down" von Hiwa K. © Courtesy der Künstler, KOW, Berlin und Prometeogallery di Ida Pisani Mailand / Lucca / Foto: Raimund Zakowski

Flamenco vor Panzern und Kanonen

In der Geburtsstadt von Hiwa K, Sulaymaniya, steht das gefürchtete Gefängnis Amna Suraka. Unter der Diktatur von Saddam Hussein war es ein Symbol für Unterdrückung, Folter und unbeschreibliche Gräueltaten gegenüber der lokalen kurdischen Bevölkerung. Während des Befreiungskampfes im Jahr 1991 stürmten die Kurden das Gefängnis und befreiten die geschundenen Gefangenen. Heute ist es ein Museum. In dem Video „ Moon Calendar“ sieht man den Künstler beim Besuch der ehemaligen Folterstätte. Vor dem Hintergrund von verrosteten Panzern und Kanonen tanzt Hiwa K allein Flamenco. Diesen Tanzstil studierte er nach seiner Flucht aus Kurdistan zuerst in Rotterdam. Mit einem Stethoskop im Ohr hört er seinen Herzschlag. Die schneller werdenden Schläge des Herzens bestimmen den schnelleren Rhythmus des Tanzes. Die Schuhe knattern in winzigen Schritten wie Gewehrfeuer auf dem Pflaster.

Brutal erlebte Geschichte verwandelt sich in Poesie

Die Videos und Installationen von Hiwa K reflektieren seine Erlebnisse im nordirakischen Kurdistan. Dort wurde er 1975 geboren. Trotz technischer Möglichkeiten untersagte die irakische Regierung das Farbfernsehen im Nordirak. Der kurdischen Bevölkerung wurde „das Sehen in Farbe“ entzogen. Der Vater, ein Kalligraf, überklebte im stillen Protest den Fernseher mit einer farbigen Folie. Die in schwarz-weiß übertragenen Sendungen verwandelten sich zu einer einfarbigen Fläche. Daraus entstand die Arbeit „My Father's Color Period“. Es ist eine Installation aus mehreren gebrauchten Fernsehern, die mit Folien beklebt wurden. In der speziell für den Kunstverein geschaffenen Installation „He Who Looks at the Sky Will Go Blind“ dienen statt Fernseher die charakteristischen Fenster des Künstlerhauses als Tragfläche für eine blaue Folie. Besonders bei Sonnenlicht verfärbt sich der Raum variantenreich. Auf dem Boden ist in kalligrafischer Form ein Text gemalt, der eine Geschichte erzählt. Während des Befreiungskampfes der Kurden blickte ein Kämpfer, Freund aus Kindertagen, direkt in die Sonne. Hiwa K. warnte ihn, er könnte dadurch blind werden. Kurze Zeit später erfuhr er, sein Freund war gefallen.

Eine philosophische Diskussion steigert sich zum Ringkampf

In Berlin leben der kurdische Philosoph und Übersetzer Bakir Ali und Hiwa K als Migranten. In der filmischen Arbeit „Pin down“ treffen sie sich In einem Kampfsportring. Dort diskutieren sie über den neoliberalen Kapitalismus, seinen Einfluss auf die weltweite Migration und stellen Fragen zur multiethnischen Identität des „Staates“ Kurdistan im Nordirak. Die erst mal im Sitzen ausgetragene Diskussion verwandelt sich in einen zähen Ringkampf am Boden. Nachdem die Kräfte nachgelassen haben, tauschen die Kontrahenten ihre unterschiedlichen Ansichten wieder im Sitzen aus, ruhig und in alter Freundschaft. Diese Arbeit von Hiwa K kann man als Parabel verstehen. Gesellschaftliche Konflikte können hautnah ausgetragen werden, aber ohne „Sieger“, vor allem ohne Tötungsabsichten.

He Who Stares at the Sky Will Go Blind!
Das Werk "He Who Stares at the Sky Will Go Blind!" - Installationsansicht im Kunstverein Hannover, 2018 / Foto: Raimund Zakowski
He Who Stares at the Sky Will Go Blind!
Das Werk "He Who Stares at the Sky Will Go Blind!" - Installationsansicht im Kunstverein Hannover, 2018 / Foto: Raimund Zakowski

„Heimat, das sind meine Füße“

Hiwa K ist Teil einer Migrantengeneration der 1990er Jahre, die illegal aus Kurdistan zu Fuß nach Europa kam. Die schwierige Orientierung in ungewohnten Umgebungen ist für den Künstler eine erlebte Erfahrung. Mit der Videoarbeit „Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)“ reflektiert er die damalige Flucht. Als Navigationsinstrument dient Hiwa K eine lange Stange mit zahlreichen Fahrrad-, Auto- und Motorradspiegeln. Er balanciert sie auf dem Übergang von Nasenbein zur Stirn. Immer den Blick nach oben gerichtet, geht er durch vertrocknete Landschaften, über eine Brücke, die über einen ausgetrockneten Fluss führt, an der Mauer eines Friedhofs entlang, bis er in eine Stadt am Meer kommt. Scheinbar ziellos balanciert der Künstler die Stange schwankend durch menschenleere Gassen. Die durch die Spiegel entstehenden Bilder bilden nur bruchstückhaft die umliegende Realität ab. Hiwa K verweist damit symbolisch auf eine ungewisse Zukunft in der Fremde, denn der Schreitende kann weder nach vorne noch zurück blicken.

Bücherverbrennung mit dem Brennglas

Die Proteste im Rahmen des irakischen „Frühlings“ wurden von der Regierung blutig niedergeschlagen. In der Heimatstadt Sulaymaniya, wo Hiwa K technische Wissenschaften, europäische Literatur und Philosophie studierte, organisierte er eine Aktivistengruppe. Sie gestaltete eine künstlerische Intervention. Der Film „Do You Remenber What You Are Burning?“ zeigt junge kurdische Menschen auf dem Hauptplatz von Sulaymaniya. Sie verbrennen Zeile für Zeile die Sätze in Büchern mit dem Brennglas. Der Prozess des Löschens von Texten durch Sonnenlicht verläuft langsam, vorsichtig und beinahe meditativ. Es entsteht noch einmal eine intensive Beziehung zwischen den Leser*innen und den brennenden Inhalten der Bücher.

15 Röhren auf der dokumenta 14 ausgestellt, machten Hiwa K berühmt

Noch ist es nicht selbstverständlich: Ein Künstler mit kurdischem Migrationshintergrund vertrat Deutschland auf der 7. Manifesta 2008 in Bozen, der Biennale in Venedig im Jahr 2015 und 2017, auf der dokumenta 14 in Kassel und Athen. Für die dokumenta baute Hiwa K auf dem Außengelände eine Installation mit 15 aufeinander geschichteten Röhren. Der Durchmesser der Röhren erlaubte es in sie hineinzukriechen, um Schutz zu suchen. Der Künstler erinnerte daran, dass Flüchtlinge auf ihrer Flucht in Europa Kanalröhren als provisorische Unterkunft nutzen mussten. Da die Medien das Röhrenkunstwerk als ein Symbol der dokumenta 14 herausstellten, wurde Hiwa K auch einem breiteren Publikum in Deutschland bekannt.

Die ausgezeichnet gestaltete Ausstellung im Kunstverein zeigt die vielfältigen Ausdrucksformen von Hiwa K und ist uneingeschränkt sehenswert.

Öffnungszeiten des Kunstvereins

Dienstag - Samstag 12.00 - 19.00 Uhr,

Sonn- und Feiertag 11.00 - 19.00 Uhr.

Am Freitag ist der Eintritt frei.

Sonntagsführungen finden wöchentlich um 15.00 Uhr statt.

Besucherinformationen im Internet

Titelbild: Hiwa K »Pre-Image (Blind as the Mother Tongue)«, 2017, (Filmstill) / © Courtesy der Künstler, KOW, Berlin und Prometeogallery di Ida Pisani, Mailand / Lucca.

Alle Arbeiten: © Courtesy der Künstler, KOW, Berlin und Prometeogallery di Ida Pisani, Mailand / Lucca.

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