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Rochdi

Interview

"Traum für Touristen - Hölle für die Bevölkerung"

Rochdi E. ist Flüchtling aus Marokko. Wir sprachen mit ihm über seine Fluchtgründe. "Von 'sicherem Herkunftsland' zu sprechen, ist ein großes Unrecht."

  Wolfgang Becker | 07.03.2017

Rochdi E. kam 2015 nach Deutschland. Er wurde vor 26 Jahren in Marrakesch geboren, zuletzt studierte er Klinische Psychologie an der Universität von Rabat. Seit einem Jahr lebt der Marokkaner in Linden-Nord. Er hat ein Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft Steigertahlstraße. Sein Interesse gilt dem Film, er kann mit der Kamera umgehen und Regie führen. Beim IIK (Faustgelände) hat er einen Praktikumsplatz. Bei der Redaktion von Welt-in-Hannover.de ist er ehrenamtlicher Mitarbeiter. Anfang März hat er seine Anhörung im Asylverfahren. Wir sprachen mit ihm über das „sichere Herkunftsland“ Marokko, seine Fluchtgründe und die „nordafrikanischen Intensivstraftäter“.

Das Königreich Marokko wird als attraktives Reiseziel beworben. Ist Deine Heimat ein Touristen-Paradies?

Rochdi: Marokko ist ein Paradies für Touristen, aber die Hölle für die eigene Bevölkerung. Derzeit gibt es verstärkte Werbung für einen Urlaub im Maghreb, gerade auch für das Königreich Marokko und dessen politisches System. Als Mitglied in der Afrikanischen Union macht es Eigenwerbung als Vorbild für ganz Afrika. Der König möchte dieses Image exportieren, aber diese Werbung geht auf Kosten des Volkes.

Nach Plänen der Bundesregierung soll Marokko neben Algerien und Tunesien als „sicheres Herkunftsland“ gelten. Wie passt das zu Deiner Fluchtgeschichte?

Rochdi: Was heißt denn eigentlich sicher? Wenn man Sicherheit definiert, dass es keinen Krieg mit Panzern und Raketen gibt, dann stimmt das für Marokko. Aber es findet ein anderer Krieg statt. Das Regime hat einen Sicherheitsapparat aufgebaut, der diesen Krieg gegen Teile der Gesellschaft führt. Er richtet sich vor allem gegen Denker und Juristen, die für einen Rechtsstaat eintreten und dazu die Bevölkerung aufklären wollen. Krieg geführt wird auch gegen die Unterschicht, die keinerlei Rechte hat. Von Marokko als „sicherem Herkunftsland“ zu sprechen, ist ein großes Unrecht gegenüber allen Menschen, die unter dem dortigen Regime leiden.

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Was waren die persönlichen Motive für Deine Flucht?

Rochdi: Ich befand mich zwischen zwei Fronten: Auf der einen Seite das Regime, auf der anderen Seite die Islamisten. Es begann mit meinem Engagement im Arabischen Frühling. Für mein Engagement in der Organisation „Basisdemokratischer Weg“ bin ich verhaftet worden. Zum Glück hat mich eine „Machtperson“ aus der Regierungspartei geschützt. Später hat mich die Univerwaltung vom Studium ausgeschlossen. Als Atheist war ich zudem Mitglied einer laizistischen Organisation, die sich gegen das Fasten beim Ramadan engagierte. Meine Kameraden dort wurden von Islamisten zusammengeschlagen. Zum Schluss gab es einen Brandanschlag auf mein Zimmer im Studentenwohnheim, danach hatte ich Angst um mein Leben. Es gab für mich keine Ruhe und Sicherheit mehr, deshalb bin ich geflohen.

Seit Silvester in Köln ist das hässliche Wort „Nafris“ bekannt geworden. Die Polizei benutzt es als Abkürzung für „nordafrikanische Intensivstraftäter“. Werden damit Vorurteile bedient?

Rochdi: Psychologisch betrachtet werden ganze Völker der Welt in Schubladen gesteckt, weil viele Menschen die Realitäten nicht richtig einschätzen. Diese Männer in Köln waren auf einem Fest, sie standen unter Alkohol, sexuelle Freiheiten waren ihnen fremd, die Schönheit von Frauen ist ihnen unbekannt. Diese Männer befanden sich zudem unter Gruppenzwang. Diese Faktoren sind für eine Analyse zu beachten. Ich will das Verhalten natürlich nicht rechtfertigen, es ist absolut unakzeptabel. Auch die marokkanische Gesellschaft akzeptiert solche sexuellen Übergriffe überhaupt nicht.

Du lebst seit bald zwei Jahren in Deutschland. Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Rochdi: Ich hoffe auf Frieden und ein gutes Zusammenleben in der ganzen Welt. Persönlich wünsche ich mir, dass alle Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, ernst genommen und genau angehört werden.

Alle Übersetzungen aus dem Arabischen: Abdulrahman Afif

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