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Absurde Szene

Fotografie

LUMIX 2018: das 6. Festival für jungen Fotojournalismus überzeugte durch grandiose Fotos

40.000 Besucher*innen sahen das Festival vom 20. bis 24. Juni auf dem EXPO-Gelände. Foto: Zen Lefort

  Jürgen Castendyk | 27.06.2018

Im Flüchtlingslager
Fotografie von Acayan Esra auf der LUMIX
Im Flüchtlingslager
Fotografie von Acayan Esra auf der LUMIX

In der Flüchtlingsunterkunft im deutschen EXPO-Pavillon wurden erschütternde Fotos über Flüchtlinge gezeigt.

Im Jahr 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, erwarb die Landeshauptstadt Hannover den ehemaligen deutschen EXPO-Pavillon. Die Feuerwehr errichtete darin ein sogenanntes Flüchtlingsdorf als Notunterkunft. Es besteht aus Zelten für jeweils sechs Asylsuchende. Die Flüchtlinge blieben dort in der Regel zehn Monate. Im August 2016 wurde die Notunterkunft stillgelegt. Die Zelte blieben als Reserve stehen, sollte die Anzahl der Flüchtlinge wieder ansteigen. Zwischen den Zelten wurden während des Festivals Ausstellungen mit Fotos von Flüchtlingen gezeigt. Das eindrucksvolle Ambiente des Ortes verstärkte den Eindruck des Elends der Flüchtlinge auf den Fotos. Der deutsche Fotograf Christian Werner zeigte unter dem Titel „ Road to Ruin“ nicht explodierte Fassbomben auf einer Straße im völlig zerstörten Ostaleppo. Fotos aus Homs verdeutlichten die verheerende Wirkung der Bombenangriffe. In ganzen Stadtvierteln steht kein unzerstörtes Haus. Trotzdem kommen einige Bewohner zurück und versuchen in ihren zerbombten Häusern wieder zu leben. „Donbass: No Man's Land“ hieß die Ausstellung des italienischen Fotografen Alfredo Bosco. Sie dokumentiert das Leben von 200.000 Menschen zwischen den Fronten im Niemandsland. Sie überleben in ehemaligen Sowjetbunkern und ihren teilweise zerstörten Häusern. Jeden Tag kommt es zu Kampfhandlungen mit zivilen Opfern. Die Männer arbeiten in illegalen Minen, um sich und ihre Familien zu ernähren.

Krieg im Nahen Osten
Lorenzo Melonis Fotoserie „The Fall of the Caliphate“
Krieg im Nahen Osten
Lorenzo Melonis Fotoserie „The Fall of the Caliphate“

Der italienische Fotograf Lorenzo Meloni hatte seine Ausstellung mit „The Fall of the Caliphate“ betitelt. Er zeigte zerbombte Quartiere des IS in denen Kinder spielen und fliehende Zivilisten, die während eines Bombenangriffes auf Mossul, fliehen. Der polnische Fotograf Michal Dyjuk veranschaulichte unter dem Titel „Not Our Homeland“ das Flüchtlingselend der Rohingya. Nach Massakern, Brandstiftungen und Vergewaltigungen durch die Armee von Myanmar sind die muslimischen Rohingya zu Hunderttausenden nach Bangladesch geflohen. Nun warten sie in völlig überfüllten Flüchtlingslagern verängstigt auf ausländische Hilfslieferungen.

Aus den 1000 Bewerbungen für den Freelends Award wurden 60 Ausstellungen mit 1.500 Fotos von einer Jury ausgewählt.
„Natürlich spielte die Flüchtlingsproblematik unter den Einsendungen eine große Rolle und das ist richtig so...Aber auch in diesem Jahr haben wir neben ernsten Themen viele poetische und alltägliche Reportagen im Ausstellungsprogramm“, sagte Prof. Rolf Nobel, bis 2016 Hochschullehrer am Fachbereich Dokumentarfotografie und Fotojournalismus an der Hochschule Hannover. Er und Isabel Winarsch bildeten die Festival-Leitung.

Ausgezeichnet mit dem Freelends Award wurde in diesem Jahr der in Hannover geborene Florian Müller. Er studierte an der Hochschule Hannover und erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Preis für seine sozialdokumentarische Reportage „Hashtags Unplugged - Von Lastern und Leitmotiven“. Florian Müller beschäftigt sich mit den heute messbaren Parametern des sozialen Erfolgs: Likes, Follower und Reposts in den sozialen Medien, insbesondere auf Instagram.

Die Liebespuppen
Ein Mann mit seinen Puppen von Monika Hanfland
Die Liebespuppen
Ein Mann mit seinen Puppen von Monika Hanfland

Zur Aufwertung der eigenen Existenz dienen kurzlebige Modeideale, ungezügelte Sexualität und eine maßlose Selbstoptimierung, auch durch Schönheitsoperationen. Anhand von Porträts junger Menschen in ihrer Lebenswelt zeigt Müller in seinen Fotos, wie die öffentliche Selbstenthüllung und Erzähllust die bisher geschützte Privatsphäre sprengen. Ein vergleichbares Thema behandelte Monika Hanfland in ihrer Ausstellung „Bente ist da“. Sie zeigte Männer mit ihren „Liebespuppen“ im Arm. Sie wurden nach individuellen Vorlieben ausgesucht: Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe sowie Stimme.

Unübersehbar war die gestiegene Beteiligung von Fotojournalisten aus weniger entwickelten Ländern.
Unter der Überschrift: “Afrika den Afrikanern“ begründet Rolf Nobel im Vorwort des Kataloges zum 6. Lumix Festival die von der Jury gewollte stärkere Einbeziehung von einheimischen Fotografen aus sogenannten Entwicklungsländern. Nach seiner Meinung konzentriert sich die westliche Berichterstattung einerseits auf Bürgerkriege, Elend und Kriminalität, andererseits auf die Suche nach letzten exotischen Paradiesen. Die „verkitschte Afrikasicht“ blendet nach Auffassung von Nobel immer noch den 400 Jahre währenden Kolonialismus aus. Durch die Herausbildung einer gut gebildeten Mittelschicht in Afrika, Asien und Südamerika konnte sich auch eine bessere Ausbildung in der Fotografie entwickeln.

Feldarbeiter von Yogananthan Vasantha
Feldarbeiter von Yogananthan Vasantha

Die qualifizierten jungen Fotografen*innen haben eine andere Sicht auf die Verhältnisse und das Geschehen in ihren Heimatländern. „Ausgestattet mit genauem Wissen der sozialen und politischen Verhältnisse, der Kultur und nicht zuletzt der Sprache, widmen sich hier die einheimischen Fotografen*innen mehr und mehr den Themen ihrer Länder. Ihre Geschichten bewegen sich häufig jenseits der Vordergründigkeit westlicher Betrachtung,“ schreibt Rolf Nobel. Er plädiert für einen Perspektivwechsel in den weniger weit entwickelten Ländern der Welt durch mehr gut ausgebildete einheimische Fotografen*innen, die ihren Alltag aus einer Innenperspektive heraus zum Thema machen. „Sie leisten einen wichtigen Beitrag dafür, dass wir von einem visuellen Kolonialismus irgendwann einmal zu einer visuellen Selbstdarstellung des Lebens in den Entwicklungsländern kommen,“ kommentiert Nobel. Das dies auf dem Festival mehr als gelungen ist, wurde deutlich durch zahlreiche kritische Fotoreportagen und Multimedia Stories von einheimischen Fotografen*innen aus weniger entwickelten Ländern.

umgebautes Vespa-Familiengefährt
Die Vespa für die ganze Familie von Fadi Muhammad
umgebautes Vespa-Familiengefährt
Die Vespa für die ganze Familie von Fadi Muhammad

Info: Der aufwändig gestaltete Katalog des 6. Lumix Festivals, in dem alle jungen Fotografen*innen mit ihrer Biografie und einer Auswahl ihrer Arbeiten vorgestellt werden, kostet 20 Euro. Er kann über info@fotofestival-hannover.de bestellt werden.

Nachtrag: 2. Fotomarathon Hannover am 8. September 2018. In dem Containerdorf des 6. LUMIX-Festivals warb der Verein Fotografie und Kommunikation für den Foto-Wettbewerb. Es werden bestimmte Aufgaben mit festgelegten Zeiten für den Weg mit der eigenen Kamera durch Hannover gestellt. Die Teilnahmegebühr beträgt 25 Euro. Anmelden kann sich jeder bis kurz vor der Veranstaltung. Vorsitzender der Jury ist Prof. Rolf Nobel. Einzelheiten über www.fotomarathon-hannover.de.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover