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Schwein gehabt-Zeichnung

Die Fettnäpfchen–Kolumne

"Schwein gehabt!"

Eine tierisch beleidigende Redewendung?

  Helga-Barbara Gundlach | 01.03.2017

Schwein gehabt!
Martina war im Gespräch mit jungen türkeistämmigen Männern, die auf sie einen recht „weltlichen“ Eindruck machten. Irgendwann kommentierte sie die Erzählung eines der Männer mit „da hast du aber Schwein gehabt!“. Er reagierte äußerst aufbrausend und wirkte sehr beleidigt.
Was war passiert?

Martina nutzte eine in Deutschland weit verbreitete Redewendung, die mit „da hast du aber Glück gehabt!“ übersetzt werden kann. Der Ursprung dieser Redewendung ist unklar, es gibt verschiedene Theorien:
1. Bei mittelalterlichen Sportfesten wie dem Augsburger Schießfest erhielten Verlierer ein Schwein als Trostpreis. Sie hatten also Glück, da sie etwas bekamen, ohne gesiegt zu haben.
2. Bei Kartenspielen im 16. Jahrhundert ist auf vielen Kartenspielen auf dem Ass oder einer dem Ass ähnlichen Karte ein Schwein abgebildet gewesen (Saukarte). Damit hatte man Glück, denn diese Karte war die höchste und damit oft spielentscheidend.
3. Der Volksmund wandelte „Swin“ zu „Schwein“. Swin bedeutete Sonne und wem die Sonne scheint, der sei mit Glück gesegnet.
4. In der Stadt Hannoversch Münden zeigen Wandbilder, wie die Menschen ihr Hab und Gut nach Überschwemmungen retteten. Wer dabei ein Schwein retten konnte, hatte noch relativ viel Glück bei einer solchen Katastrophe.
5. Generell hatte man Glück in Zeiten von Hunger noch ein Schwein zu haben, da man es schlachten konnte und nicht verhungerte. Gerade auch zu Beginn des Neuen Jahres werden viele Schweinchen verschenkt, um Glück zu wünschen.

Für Muslime ist das Schwein ein unreines Tier und kein Glückssymbol

Martinas Gesprächspartner kannte diese Redewendung nicht. Für ihn wirkte die Erwähnung eines Schweins irritierend und verletzend. Er war gläubiger Muslim. Entsprechend war das Schwein für ihn ein unreines Tier und kein Glückssymbol.

Zum einen wird im Islam generell in reine und unreine Speisen (halāl und harām) unterschieden. Im Koran findet sich auch eine Sure, die ausdrücklich den Genuss von Schweinefleisch verbietet. Die ursprünglichen Gründe dieser Speisevorschriften werden unterschiedlich interpretiert: Das Schwein ist unrein, da es sich mangels Schweißdrüsen zur Abkühlung im Schlamm wälzt. Es kann Krankheiten wie Trichinose übertragen. Oder es sollte nicht gegessen werden, da es im Gegensatz zu anderen Tieren wie Rindern, Schafen, Ziegen nicht von Gras leben kann und somit zum Nahrungskonkurrenten der zunehmend sesshafter werdenden Menschen wurde. Doch wie auch immer das Schweinefleisch-Tabu genau begründet wurde und wird, in islamisch geprägten Kulturen und Traditionen gilt es als unrein und somit für viele Muslime beleidigend, wenn sie damit konfrontiert werden.

Was hätte anders laufen können?

Martina hatte ihre Gesprächspartner nicht als religiös oder sehr traditionell wahrgenommen, da sie äußerlich keine Symbole zeigten (z.B. Kleidung, langer Bart, Kettenanhänger mit „Allah“-Schriftzug, Gebetskette). Doch zeigt sich eine religiöse bzw. traditionelle Prägung und Einstellung nicht immer äußerlich. Sie hatte hier vorschnell geurteilt.

Für Muttersprachler sind die Redewendungen völlig selbstverständlich, für Fremde oft nicht

Allerdings ist der Gebrauch bestimmter Redewendungen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man/frau nicht gleich aus einer Mücke einen Elefanten machen und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen sollte. Das heißt: auch zugewanderte Menschen müssen verstehen lernen, dass es wie auch in ihrer eigenen Sprache Redewendungen gibt, die oft eine ganz andere Bedeutung als die reinen Worte haben und deren Ursprünge auch den Angehörigen der Kultur oft nicht bekannt sind, selbst wenn sie sie häufig benutzen. Martinas Gesprächspartner hätte nachfragen können, was sie eigentlich gemeint hat.
Martina arbeitet in einem Sekretariat.

Was bedeutet eigentlich "Fettnäpfchen"?

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