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Die Fettnäpfchen–Kolumne

Berührt-blamiert

Wie verabschiedet man sich angemessen in der Öffentlichkeit

  Helga-Barbara Gundlach | 01.03.2017

Maike war Schülerin in der 11. Klasse. Relativ spontan erklärte sich ihre Schule bereit, für eine knappe Woche Gastschüler aufzunehmen. Diese kamen aus Südkorea und waren insgesamt drei Wochen in verschiedenen Ländern Europas unterwegs. Eilig wurden Gastfamilien gesucht. Maike meldete sich und zu ihr und ihrer Familie kam der gleichaltrige Chunghee.
Die Gastschüler und die einheimischen Schülerinnen und Schüler machten gemeinsam Ausflüge, erlebten viel und verstanden sich gut.
Es kam die Zeit des Abschiednehmens. Der Bus wartete abfahrbereit auf die koreanischen Schüler. Man tauschte email-Adressen aus, dankte einander für die tolle Zeit und Maike fiel ihrem Gast spontan zum Abschied um den Hals. Chunghee war wie versteinert. Seine Lehrerin guckte zunächst entsetzt, dann besorgt. Chunghee sagt nur schnell „Tschüss“ und eilte in den Bus. Seine Lehrerin erklärte Maike noch, dass sich eine solche Umarmung in der koreanischen Kultur nicht gehöre und verschwand ebenfalls im Bus. Maike blieb peinlich berührt zurück.

Was war passiert?

In manchen Kulturkreisen gehören Berührungen zwischen den Menschen generell oder zwischen Mann und Frau nicht in die Öffentlichkeit. Auch an Bahnhöfen oder Flughäfen gibt es dann keine Umarmungen. Man spricht hier von einem deutlichen kulturell geprägten Verhaltensunterschied bezüglich Nähe und Distanz. Das heißt aber nicht, dass die Menschen nicht genauso Freude oder Trauer über Kennenlernen, Wiedersehen oder Abschied empfinden können. Es gehört sich nur nicht, dies vor anderen zu zeigen. Maike hatte mit ihrer spontanen Geste Chunghee gemäß seiner Kultur vor sich selbst, seinen Mitschülern und seiner Lehrerin blamiert, er hatte sein Gesicht verloren.

Was hätte anders laufen können?

Vor einem Austausch, dem Besuch oder Empfang von Gästen, schadet es nichts, sich ein bisschen zu informieren, auch wenn das immer die Gefahr einer Verallgemeinerung birgt. Da aber der Besuch für die Schule und seine Schülerinnen und Schüler hier relativ spontan kam, war niemand auf „die“ koreanische Kultur vorbereitet.
Umgekehrt gilt natürlich genauso, dass die koreanischen Schüler auf „die“ deutsche Kultur sich selbst hätten vorbereiten können bzw. von ihrer Schule oder mitreisenden Lehrerin hätten vorbereitet werden können.

Und selbst wenn eine solche Vorbereitung erfolgt, heißt das nicht, dass Verhaltensweisen, die den eigenen widersprechen, im ersten Moment nicht doch entsetzte Gesichter und Unwohlsein hervorrufen können. Aber im zweiten Moment kann man sich dann an das Gelernte erinnern und etwas durchatmen. Und generell sollte auf beiden Seiten etwas Gelassenheit einen Austausch begleiten.
Zu hoffen ist, dass die Lehrerin Chunghee und seinen Mitschülern gleich erklärt hat, dass Maikes Umarmung einfach nur eine nette „typisch deutsche“ Geste war, die ihre Freude über die schöne gemeinsame Zeit ausdrücken sollte – mehr nicht. Damit wäre Chunghees Ruf wieder hergestellt. Schöner für Maike wäre es gewesen, wenn eine solche Erklärung in der Gemeinschaft erfolgt wäre und sie nicht so bedröppelt am abfahrenden Bus gestanden hätte.
Trotzdem gab es einen guten Ausgang. Maike und Chunghee hatten anschließend mail-Kontakt und konnten den missglückten Abschied klären.
Maike studiert inzwischen in Hannover Sonderpädagogik.

Was bedeutet Fettnäpfchen eigentlich?

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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