Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Zeichnung zur Fettnäpfchen-Kolumne Ein Cappuccino zur falschen Zeit

Die Fettnäpfchen-Kolumne

Ein Cappuccino zur falschen Zeit

Wo, wann und warum trinkt man/frau was

  Helga Barbara Gundlach | 05.04.2017

Karin besuchte einen guten Freund in Italien, der sich dort häufiger aufhielt. Sie aßen in einem guten, teuren Restaurant und waren begeistert. So kamen sie ein zweites Mal dahin. Wieder war das Essen vorzüglich. Der Koch ließ es sich zudem nicht nehmen persönlich seine Gäste zu fragen, wie es ihnen geschmeckt hätte und ob sie noch etwas wünschten. Karin sagte mit ihren geringen Italienisch-Kenntnissen „Ja“ und bestellte einen Cappuccino. Schlagartig kippte die Laune des Kochs wie des Kellners.

Was war passiert?
Karin hatte zur „falschen“ Zeit die „falsche“ Art von Kaffee bestellt. In Italien wird nach dem Essen ein Espresso („caffè“) bestellt. Dieser soll wach halten bzw. beim Verdauen helfen und wird ab der Mittagszeit bis in den späten Abend hinein getrunken bzw. schnell hinunter gekippt. Eine Tradition des gemütlichen längeren Kaffeegenusses am Nachmittag oder nach dem Essen gibt es nicht.
Ein Cappuccino wird eher einzeln oder zu einem leichten Frühstück morgens oder vormittags getrunken. Aufgrund des Milchanteils gilt er quasi als Mini-Mahlzeit. Ihn nach einem ausführlichen Essen zu bestellen bedeutet, dass man/frau nicht satt geworden ist. Und das war natürlich eine starke Kritik am Restaurant, Koch und Kellner.

Was hätte anders laufen können?
Wenn man/frau sich nicht sicher ist, was in einer anderen Kultur (ob geographisch oder eine andere Art bzw. Preisklasse von Restaurant) angebracht ist zu bestellen, liegt man immer gut, den Kellner zu fragen, was er empfiehlt. Ein Missverständnis kann so verhindert werden und man kann ja immer noch Nein sagen oder um Alternativen bitten, wenn einem die Vorschläge nicht behagen. Ebenso kann man andere Gäste an Nachbartischen beobachten, was diese bestellen und wie sie es zu sich nehmen.

In diesem Fall war das für Karin nicht leicht. Denn gefühlte tausend Mal hatte sie schon beim Italiener (in Deutschland!) gegessen und ebenso oft anschließend einen Cappuccino bestellt. In Deutschland sind italienische Kaffeesitten jedoch „eingedeutscht“ worden. Dies gilt für Speisen und Getränke anderer Kulturkreise, die sich dem deutschen Geschmack angepasst haben, ebenso. Karin fühlte sich sicher und sah keine Veranlassung den Kellner oder den Freund zu fragen. Der Freund hätte sie natürlich vorher auf diesen Unterschied hinweisen können, aber in der netten Stimmung hat er vermutlich nicht daran gedacht.

Koch und Kellner hätten etwas gelassener reagieren können. Vermutlich war Karin nicht die erste, der die Sitten nicht vertraut waren (wie auch ein Blick in zahlreiche Internetseiten verrät, in denen Deutsche explizit auf den „richtigen“ italienischen Kaffeegebrauch hingewiesen werden, wenn sie nicht unangenehm als Touristen auffallen wollen). Karins Lob des Essens und auch das zweimalige Kommen verrieten, dass sie das Restaurant schätzte.

Karin arbeitet in der Stadtverwaltung.

Was bedeutet "Fettnäpfchen"?

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover