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Kochbuch

Kochbuch von Flüchtlingen

Kochen und Selbstportraits - wie passt denn das zusammen?

  Anja Lutz | Abdulrahman Afif | 23.08.2017

Und ob das passt! Den Beweis findet man in einem kleinen Kochbuch, das hier vorgestellt werden soll.

Das Kochbuch ist so aufgebaut, dass hinter den Rubriken “Hauptspeisen: Fleisch und Fisch”, “Hauptspeisen: Teiggerichte”, “Suppen und Salate”, “Vegetarisches” und den “Desserts” zunächst die Köchinnen und Köche mit ihrer Fotografie zu sehen sind. Dem Foto gegenübergestellt ist jeweils das selbstgemalte Portrait, wobei die Qualität der Portraits stark variiert. Und gerade das – sowie die leckeren und oft originellen Rezepte – sorgen dafür, dass es wirklich Spaß macht, sich dieses Büchlein genauer anzusehen.

Der Hintergrund der Entstehung des Kochbuchs “Peiner Lieblingsgerichte” ist aber ein ernster. Es geht zurück auf die Initiative KIP Kunst im Peiner Land e. V., kurz KIP, ein offener Verband meist bildender KünstlerInnen, die in Peine und Umgebung leben und arbeiten.

Im Herbst 2015 waren im Kreis Peine quasi “über Nacht” 400 bis 500 Flüchtlinge in mehreren Hallen und in Gebäuden des dortigen Unternehmensparks einquartiert worden, um dann zunächst auf engstem Raum zusammenzuleben. Viele der Bürgerinnen und Bürger wollten den Geflüchteten helfen, sei es durch Sachspenden, sei es durch die Vermittlung in eine Wohnung oder auch eine Arbeitsstelle.

Wandbild mit Sehenswürdigkeiten aus Peine
Das Wandbild im Wohnheim
Wandbild mit Sehenswürdigkeiten aus Peine
Das Wandbild im Wohnheim

Eine andere Möglichkeit der Unterstützung sahen die Mitglieder des Künstler-Vereins KIP. Ihnen ging es zunächst einmal darum, einen persönlichen Kontakt zu den Flüchtlingen aufzubauen und gemeinsam mit ihnen etwas zu tun. Die Vorsitzende von KIP, Britta Ahrens, ist selbst bildende Künstlerin. Sie ging einfach in das Wohnheim, welches im “Gewerbepark Peine” errichtet worden war und sagte dann: “So, wir malen jetzt zusammen!”.

Die Materialien wurden zunächst von KIP gestellt; die Mal-Stunden an sich fanden in einer abgetrennten Ecke eines großen Raums statt, der im Unternehmenspark von den Geflüchteten als Freizeit- und Aufenthaltsraum genutzt wurde. Britta Ahrens schwärmt noch heute von der Atmosphäre dort, wenn sie erzählt: “Wir haben uns dort getroffen, haben Decken auf die Tische gelegt – und dann war das immer so, als wenn sich eine große Decke auf uns legt. Draußen überall Gewusel, bei uns eine große Ruhe: Jeder malt – Entspannung pur!”

Der Koch Idriss aus dem Kochbuch
Idriss S. / "Dolma"
Der Koch Idriss aus dem Kochbuch
Idriss S. / "Dolma"

Dann wurde Britta Ahrens von Vertretern der Stadt Peine angesprochen, ob sie als KIP, also als Kunstverein, nicht das Innere des Wohnheims verschönern wollten. “Die haben sich wohl vorgestellt, dass wir da Bilder hinhängen”, erzählte Britta. Sie aber schufen stattdessen in gemeinsamer Arbeit ein großes Wandgemälde, an dem alle mitgearbeitet haben. “Die Stadt hat das Material bezahlt und alle haben mitgemacht – und wer nicht mitgemacht hat, hat zugeguckt”, erzählt Britta. Als das Wandbild fertig war, seien die VertreterInnen der Stadt zunächst “etwas überrascht und dann sehr begeistert” gewesen.

Der Koch Nabil aus dem Kochbuch
Nabil B. "Couscous"
Der Koch Nabil aus dem Kochbuch
Nabil B. "Couscous"

Oft brachten Einzelne etwas Essbares mit, und man tauschte sich sowohl über das Essen aus, als eben natürlich auch die Leckereien selbst. Dann ergab es sich, dass einzelne Mitglieder von KIP einige der Geflüchteten zum gemeinsamen Kochen zu sich nach Hause einluden – jede/r kochte, was sie oder er gut konnte und mochte: Bulgur-Suppe, Couscous, Borschtsch, eine Gemüsepfanne, Fleischgerichte und Vegetarisches, …

Aus diesen Zusammenkünften entstand die Idee, ein Kochbuch zu machen, das beide Elemente – Malen und Kochen – verbinden sollte. Mit finanzieller Unterstützung der Stadt Peine und einiger Ehrenamtlicher fanden sich ca. 50 ProtagonistInnen – Geflüchtete und Mitglieder des KIP – zusammen. Jede Person wurde fotografiert und dann gebeten, ein Selbstportrait zu malen. Leuten, die das gar nicht konnten oder wollten, stand Britta hilfreich zur Seite. Dann schrieb jede/r ihr oder sein Lieblingsgericht auf – und das Buch “Peiner Lieblingsgerichte” konnte veröffentlicht werden.

Der Koch Shero aus dem Kochbuch
Shero M. "Lamm mit Huhn aus dem Ofen"
Der Koch Shero aus dem Kochbuch
Shero M. "Lamm mit Huhn aus dem Ofen"

Welt in Hannover traf drei der Köche und möchte diese kurz vorstellen. Alle sind seit etwa eineinhalb Jahren in Deutschland und waren zum Teil vorher in anderen Flüchtlingsunterkünften untergebracht, ehe sie nach Peine kamen.

Idriss S. (aus dem Irak): Hat in seiner Heimat das Abitur abbrechen müssen und lernt nun seit 7 Monaten Deutsch / sein Rezept: Dolma

Shero M. (aus Syrien): Betrieb in Aleppo über 20 Jahre lang selbständig eine Schneiderei, arbeitet jetzt als Orthopädiemechaniker / sein Rezept: Lamm und Huhn aus dem Ofen

Nabil B. (aus Algerien): Hat einen Universitäts-Abschluss in Marketing und macht zurzeit eine Umschulung zum Restaurantfachmann / sein Rezept: Couscous

Das Kochbuch kam bei den Bürgerinnen und Bürgern sehr gut an, so dass nur noch wenige Restexemplare vorhanden sind. Es wurde zu einem Preis von 5,- Euro pro Stück verkauft. Bei Interesse melden Sie sich bitte bei der Redaktion.

Von dem Erlös konnten einzelnen Geflüchteten “Herzenswünsche” erfüllt werden, also – wie Britta erklärte – “irgendwas, was nicht in der Einzelförderung enthalten ist und was sonst keiner bezahlt”. Hierzu gibt es einen kurzen Artikel auf Welt in Hannover.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover