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Kamiran Ramo

Künstlerinterview

“Wenn Du "Hallo" sagst, kann es sein, dass Du erstochen wirst”

Zeichner Kamiran Ramo spricht über sein Hauptthema „Die Wunden des Herzens“ und Unterschiede zwischen Syrien und Deutschland.

  Abdulrahman Afif | 16.04.2018

Kannst Du Dich unseren Leser*innen kurz vorstellen?

Ich heiße Kamiran Ramo. Mein Geburtsjahr unterscheidet sich von dem auf meinem Ausweis. Dort, wo ich herkomme, gibt der Vater die Kinder immer als jünger an, als sie eigentlich sind. Sie denken, ihr Sohn kann ihnen dann länger zuhause bei der Arbeit helfen. So denken die Väter und Großväter dort. Ich bin am 4. Januar 1979 geboren.

Wann hast Du mit der Kunst angefangen?

Vor 15 Jahren.

Was ist zu diesem Zeitpunkt passiert, warum hast Du begonnen zu zeichnen?

Aus einer Laune heraus. Damals ist etwas passiert: Ich habe jemanden getroffen, der sehr geprahlt hat. Er hatte ein paar Zeichnungen und er hat sie übermäßig gelobt, obwohl es nur ganz einfache Zeichnungen waren. Ich habe mir dann gedacht: Ich kann es besser.

Welches Bild hast du daraufhin als erstes gezeichnet?

Das war ein Vogel, ein Mensch mit Flügeln. Es wurde von einem Bild von Picasso inspiriert.

Was bedeutet es für Dich?

Picassos Vorstellung davon war, dass es unseren Propheten Jesus Christus, Frieden sei mit ihm, darstellt. Ihm sollen Federn gewachsen sein und er ist geflogen. Dieser Glaube steht hinter dem Bild. Ich bin genauso damit umgegangen, wie Picasso es tat.

Ist der Mensch auf dem Bild ein Engel?

Ja, das war Picassos Vorstellung von dem Bild.

Ich habe bemerkt, dass Du viele Mädchen und junge Männer gezeichnet hast, deren Herzen bluten oder die verwundet sind …

Diese Wunden symbolisieren meine alten Wunden. Drei Viertel meiner Bilder behandeln das Thema, das Du beschrieben hast. Ich mag aber auch Augen und deren Bewegungen. Besonders die Augen von jungen Frauen. Außerdem zeichne ich gerne die Köpfe von Vögeln.

Was für Vögel zeichnest Du?

Meistens zeichne ich den „freien Vogel“, also den Adler. Ich zeichne ihn aber niemals komplett. In den meisten Fällen nur seinen Kopf.

Du zeichnest immer mit Bleistift, magst Du Farben nicht?

Farben interessieren mich nicht. Der Ausdruck des Bleistifts bietet bereits viele Möglichkeiten – er stellt die Wunden und Schmerzen der Menschen sehr gut dar. Wenn man mit dem Bleistift zeichnet, kann man das Bild zum Sprechen bringen: Warum es gezeichnet wurde und was das Ziel war, geht so aus dem Bild selbst hervor. Es zeigt uns dann seine Leiden auf. Was die Farben betrifft: Ich könnte sie zwar mischen und ein Bild daraus malen, aber das ist nicht mein Anliegen, es interessiert mich nicht.

Wer oder was beeinflusst Dich bei Deiner Kunst? Bist Du von der Natur in Derbassia, Deiner Heimatstadt, oder anderen Gemälden beeinflusst?

Nein, nicht von der Natur in Derbassia, eher der künstlerischen Aura bestimmter Kunstwerke. Die Lebensbedingungen und die Atmosphäre hier sind anders als dort, wo ich herkomme.

Was meinst Du damit?

In diesem Land geht es den Menschen besser, dort sind sie immer beherrscht von Mängeln.

Wenn ein Künstler in Derbassia ein schönes Mädchen zeichnet, mangelt es ihm dann daran?

Ja, so ist es. Wenn Du zu einem Mädchen „Hallo“ sagst, kann es sein, dass Du erstochen oder geköpft wirst. Solche Dinge passieren dort.

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Manchmal finden die Betrachter*innen in Deinen Bildern fantastische Welten, als ob sie Deine Träume widerspiegeln. Man spürt ein Schönheitsideal.

Genauso ist es. Das Bild, das gemalt wird, soll selber über sich sprechen können. Der Maler braucht nichts darüber zu sagen.

Wo hast Du diese Bilder, die du mir zeigst, gezeichnet?

In Syrien und dem Irak.

Und hier in Deutschland zeichnest Du fast gar nicht mehr, fehlt Dir der Platz oder die Zeit?

Nein, Platz habe ich, das ist nicht das Problem. Ein Quadratmeter reicht mir zum Malen. Es gibt auch Gelegenheiten dazu, aber ich fühle mich, als ob ich ersticken würde.

Dann ist es ein seelisches Problem …

Richtig – so ist es. Wenn es dem Menschen nicht gut geht, ist es schwierig, kreativ zu sein.

Meinst Du damit Deine Familie?

Genau, ich vermisse meine Familie, ihre Abwesenheit belastet mich. Es betrübt mich immer mehr. Dadurch kann ich mich nicht konzentrieren, es klappt nicht richtig, ich muss stetig an sie denken. Wenn ich etwas zeichne, entsteht nun immer etwas anderes, als ich mir eigentlich wünsche.

Gibt es Unterschiede zwischen Deinen Bildern, die du hier gemalt hast und denen, die in Syrien entstanden sind?

Die Schmerzen und das Leid, die auf den Bildern von dort zu sehen sind, sind größer.

Welche Themen haben die Bilder, die Du hier gezeichnet hast?

Die Bilder aus meiner Heimat behandeln die Unterdrückung des syrischen Volkes. Aber hier geht es den Leuten besser. Sie haben alles, aber sie wollen ständig aus ihrem Alltag fliehen. Oft lachen sie, aber ich glaube nicht, dass sie glücklich sind. Oft sind sie in Wirklichkeit genervt oder bedrückt. Wenn Du Dir ein 15-jähriges Mädchen anschaust, kommt es Dir vor, als trage sie die gesamte Last der Welt auf ihren Schultern. Ihr Gesicht wirkt ernster und sie dadurch älter, als sie tatsächlich ist. Sie sieht aus wie eine 25-Jährige in Syrien. Das gesellschaftliche Leben ist oft unterkühlt, deshalb flüchten die Menschen aus ihrer Wirklichkeit.

Aber das Leiden der Menschen hier hast Du noch nicht gezeichnet? Wirst Du es machen, wenn Du die Gelegenheit dazu hast?

Ja, unbedingt.

Hattest Du in deiner alten Heimat Beziehungen zu Künstlern*innen aus anderen Städten, beispielsweise aus Amuda oder Qamischli?

Nein, ich bin immer nach Damaskus gegangen und habe dort meine Bilder verkauft, die meisten davon an britische Touristen. Sie haben gut dafür bezahlt.

Möchtest du hier in Hannover Ausstellungen machen, wenn Du die Möglichkeit dazu hast?

Zunächst suche ich dringend eine Arbeit, damit ich meine Familie hierherbringen kann. Das hat derzeit die höchste Priorität. Das Malen und Zeichnen wird wiederkommen. Zunächst muss ich hier auf eigenen Beinen stehen. Wenn ich einen Job hätte, würde ich auch wieder eine Ausstellung machen.

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