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Kundgebung von Kurden

Kurden in Afrin

Mit dem Assad-Regime gegen die Türken kämpfen „ist weniger bitter“.

„Die Kurden in Afrin haben keine andere Wahl“ – Ein Gespräch mit Tengezar Marini.

  Jürgen Castendyk | 12.03.2018

Es gibt unterschiedliche Meinungen der Kurden über das demokratische Modell in Afrin
Das scheinbar basisdemokratische Modell der Kurden in den drei sogenannten Kantonen an der syrischen Grenze zur Türkei wird nicht nur positiv bewertet. Der Dichter und Journalist Tengezar Marini, im syrischen Kurdistan geboren, sprach mit mir über seine kritischen Überlegungen zum Thema. Seiner Auffassung nach haben die Verantwortlichen ein zentralistisches und hierarchisches Denken. Sie beteiligen nicht alle Kurden in Syrien an ihren Entscheidungsprozessen. Aufgrund der dramatischen Situation in dem Kanton Afrin verzichteten wir auf weitere Erörterungen politischer Strategien. Stattdessen konzentrierten wir uns auf die Hintergründe und Folgen der türkischen Invasion.

Ohne die Unterstützung des Assad-Regimes wäre der Krieg um Afrin für die Kurden verloren
Im Gespräch mit Marini ging es um die zentrale Frage, warum in Afrin die Partei der demokratischen Union (PYD) mit ihren Verbündeten das Assad-Regime um militärische Hilfe gebeten hat. Für ihn hat es historische Gründe: Zwar habe das Regime von 1962 an rund 150.000 Kurden wahllos ausgebürgert. Die Spaltung der Kurden und der Hass zwischen Arabern und Kurden waren dabei die politischen Ziele. Trotz dieser Repressionen haben die Kurden die Beziehungen zum Assad-Regime aber nie unterbrochen. Auch in den Kantonen gibt es bis heute Einrichtungen des Assad-Regimes. Im Gegensatz zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei, wollten die syrischen Kurden keinen eigenen Staat, berichtet Marini. Stattdessen sollte durch eine Art Föderalismus in Nordsyrien mehr Autonomie für die Kurden erreicht werden. Das Assad-Regime unterstützte die PKK seit Anfang der 1990-er Jahre, auch nach der späteren Verhaftung ihres Führers Abdullah Öcalan. Das haben die syrischen Kurden nicht vergessen. Die syrische Armee in Afrin um Unterstützung zu bitten, wäre nach Einschätzung von Marini politisch richtig, wenn es zum Ende der türkischen Invasion führen würde. Es sei „bitter, mehr bitter wäre es, allein zu kämpfen.“ Man habe gedacht, dass das Assad-Regime eine Bremse sein könnte – gegen den Einmarsch der Türkei und der mit ihr verbündeten radikal-islamischen Gruppen. Leider sei dies nicht der Fall. Der Kampf gegen die türkische Armee, ohne die Unterstützung des Assad-Regimes, bedeutet für Marini „den Untergang der Kurden in Afrin.“

„Der türkische Krieg gegen die syrischen Kurden ist rechtswidrig – und die Welt schaut zu“
Auf die Frage nach der Unterstützung der Amerikaner wurde Marini skeptisch. In der Nähe des Kantons Afrin, in Manbidsch, seien zwar amerikanische Truppen stationiert, aber beim Kanton handele es sich nicht um amerikanisches Interessengebiet. Anders wäre es, wenn die Türken in Richtung Rakka und Kobane vorrücken würden. Da amerikanische Truppen in Kobane und Kamischli stationiert sind, würden sie sich dem Vormarsch entgegen stellen.
Auf die Frage nach der Unterstützung durch die Europäer fällt die Antwort von Marini knapp aus: „Europa hat kein Konzept.“

Tengezar Marini hat als Lyriker bisher 15 Bücher veröffentlicht
Tengezar Marini wurde 1959 in Tirbespi, Westrojava, im syrischen Kurdistan geboren. Heute liegt seine Geburtsstadt im Kanton Dschazina. Die Grenze zum Irak ist nicht weit entfernt. Er hat eine besondere Beziehung zur Stadt Afrin. Dort hat er seinen Militärdienst abgeleistet und zeitweise auch studiert. Weitere Studienorte waren die Universitäten in Damaskus und Aleppo. Im 1986 kam Marini nach Deutschland und studierte unter anderem Journalistik an den Universitäten in Braunschweig und Hannover. Von 1997 bis 2007 arbeitete er als Redakteur bei Radio Flora. Er organisierte gleichzeitig zahlreiche Kulturprojekte, darunter: „Kurdische Kulturtage“, „Kunst-Literatur-Musik“ (KuLiMu) und „Meine Stadt ist Vielfalt“ – in Kooperation mit dem IIK e. V.
Heute arbeitet er als Sozialpädagoge und Dolmetscher in der Landeshauptstadt. Von den zahlreichen Büchern mit Gedichten ist ein Band auf Deutsch erschienen: „Funken des Nebels“, erschienen im IIK-Verlag Hannover.

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