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Seenlandschaft im Nordirak

Eine Reise aus Kurdistan

Auch die Autonomie im Nord-Irak ist bedroht

Die junge Kurdin Rejar I. berichtet im Interview über aktuelle Erlebnisse und Eindrücke aus ihrer Heimat.

  Wolfgang Becker | 16.03.2018

Die junge Kurdin Rejar I. hat gerade fünf Wochen im Nordirak verbracht. Auch dort ist die kurdischen Autonomie bedroht. Wir sprachen mit Rejar über ihre aktuellen Eindrücke.

Magst Du etwas zu Deiner Person sagen?

Ich stamme aus der Stadt Cohuk, das ist in der Nähe von Erbil im Nordirak. Meine Familie kam – als ich fünf Jahre alt war – im Jahr 1996 nach Deutschland. Meine Eltern sind damals vor dem Regime von Saddam Hussein geflohen. Ich bin 27 Jahre alt, habe einen deutschen Pass und arbeite in Hannover als freie Journalistin und Mediengestalterin.

Kurdistan - Sonnenaufgang
Kurdistan - Sonnenaufgang

Du bist jetzt gerade fünf Wochen in Deiner alten Heimat gewesen. War die Reise beschwerlich?

Früher gab es einen Direktflug von Düsseldorf nach Erbil. Der internationale Flughafen dort ist jedoch seit geraumer Zeit gesperrt. Deshalb musste ich jetzt erst mal nach Istanbul und dann nach Diyarbarkir fliegen. Von dort bin ich im Auto bis an die türkisch-irakische Grenze gefahren. Das dauerte etwa drei Stunden, dazu kamen die Kontrollen an der Grenze. Von dort bis nach Cohuk sind es nur wenige Kilometer. Die Rückreise hat dann extrem lange gedauert, insgesamt war ich dabei über 40 Stunden wach.

Die Kurden haben sich im Nordirak unter Präsident Masud Barzani weitgehend selbst organisiert. Jetzt ist dieses Autonomiegebiet stark durch die irakische Armee eingeschränkt worden. Wie ist die Lage dort?

Man ist dort sicher, auf jeden Fall. Es kann Dir nichts passieren. Aber die Lage hat sich verschlechtert. Es gibt nicht mehr genug Arbeit, es gibt nicht mehr genug Geld. Die Leute leben nicht mehr so wie vor fünf Jahren, bis der IS in die Gegend kam. Die Islamisten waren damals nur 24 Kilometer von meiner Heimatstadt Cohuk entfernt. Nach dem Sturz von Saddam hat sich im Norden des Iraks ein kurdisches Autonomiegebiet entwickelt, was 2005 auch weitgehende Selbstverwaltungsrechte bekommen hat. Diese Autonomie ist jetzt bedroht.

Kurdistan
Kurdistan

Kannst du darüber berichten, was Du von den Auseinandersetzungen der Peshmerga mit der irakischen Armee weißt?

Die kurdischen Kämpfer sind dauernd in Alarmbereitschaft. Erst gegen den IS und zuletzt auch gegen die irakische Armee. Im Unabhängigkeitsreferendum vom September 2017 haben sich 87 Prozent der Bevölkerung für einen kurdischen Staat ausgesprochen. Seitdem stehen die Peshmerga in Bereitschaft. Es könnte jederzeit so kommen, dass die Araber angreifen: Also die irakische Armee zusammen mit schiitischen Milizen, die auch vom Iran unterstützt werden.

Gibt es im Nordirak Bestrebungen, sich mit anderen Kurdengebieten zusammenzuschließen?

Nicht, dass man das wüsste. Allerdings war der Kampf um die Stadt Kobane in Nordsyrien ein Beispiel für eine Zusammenarbeit. Da sind die Peshmerga hingezogen und haben mit den anderen gemeinsam gegen den IS gekämpft. Zum aktuellen Einmarsch der Türken in Afrin haben die irakischen Kurden bisher nichts gesagt, zumindest nicht offiziell.

Kannst du etwas über die Gründe sagen, weshalb das so ist?

Unter den Kurden gibt es Meinungsverschiedenheiten und Differenzen. Die Kurden sind ein großes Volk, was über vier Länder verteilt ist. Doch die Bedingungen sind von Land zu Land verschieden. Die Kurden im Irak können sich nicht überall einmischen. Sie sind erst mal für sich selbst verantwortlich.

Kurdistan - Hügel mit wenig Vegetation
Kurdistan - Hügel mit wenig Vegetation

Was wäre, wenn die türkische Armee weiter gen Osten ziehen und die Autonomiegebiete im Irak infrage stellen würde? Dann könnte die perverse Situation eintreten, dass mit deutschen Waffen gegeneinander gekämpft würde. Mit Milan-Raketen gegen Leopard-Panzer. Könntest du dir vorstellen, dass die Peshmerga den syrischen Kurden zu Hilfe kommen?

Die würden sie sich erst mal selbst verteidigen, natürlich auch mit deutschen Waffen. Im Kampf gegen die IS war das ja auch so, zum Beispiel in Kobane. Aber aktuell gibt es keinen Grund, sich in Syrien einzumischen. Die irakischen Kurden haben derzeit genug eigene Probleme. Natürlich finden die das nicht ok, was im Kanton Afrin passiert. Aber viel können sie ja nicht machen.

Hast Du eine Vision für Kurdistan?

Also mein Traum wäre, dass wir im Nordirak wirklich unabhängig werden und dass Präsident Barzani weiter regiert. Entweder der Vater Masud oder dessen Sohn. Das ist für mich die einzige Partei, die immer für die Kurden gekämpft hat und der wir die weitgehende Autonomie verdanken. Ich wünsche auch den Kurden in den Nachbarländern, dass sie sich unabhängig machen.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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