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Tatjana Czepurnyi

Portrait: Tolstoi e. V.

"Die eigenen Wurzeln nicht vergessen"

Seit fast 25 Jahren pflegt der Verein die russische Kultur in Hannover, unterstützt Jugendliche und veranstaltet Konzerte oder Theaterfestivals.

  Konrad Boidol | 26.04.2018

Musik, Theater, Jugendarbeit und Pflege der russischen Kultur in Hannover: Mit seinem vielfältigen Angebot bereichert „Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk Hannover e. V.“ seit 1994 das kulturelle Leben in der Landeshauptstadt. Zentral ist das Thema Integration bei gleichzeitiger Wahrung des kulturellen Hintergrundes: „Wir wollen, dass sich die Leute hier zuhause fühlen und sich integrieren, aber auch ihre Wurzeln nicht vergessen oder meinen, dass sie sie ablegen müssen“, erläutert Dr. Tatiana Czepurnyi, Vorsitzende und Gründerin des Vereins. Menschen mit Migrationsgeschichte sollten sich aktiv am Leben in Deutschland beteiligen, anstatt „geschlossene Gesellschaften“ mit ihren Landsleuten zu bilden. „Es muss von beiden Seiten Interesse entwickelt werden“, sagt sie.

Gerade hat der Verein die achte Auflage des Internationalen Kammertheaterfestivals MOST erfolgreich umgesetzt. Erstmals arbeiteten die Veranstalter dazu mit Live-Synchronübersetzung über Kopfhörer: „Das Stück war auf Litauisch und wurde auf Deutsch und Russisch übersetzt – die Technik war professionell und es hat wunderbar geklappt“, sagt Czepurnyi über das Experiment. Im kommenden Jahr tritt ein Ensemble aus Israel auf, das sein Stück auf Hebräisch vorstellt: „Da wird es auf jeden Fall wieder eine Übersetzung in zwei Sprachen geben“, so die Vorsitzende.

Jugendliche musizieren

Die Kulturarbeit von „Tolstoi“ umfasst auch eine Jugend-Big-Band, die bereits auf einige erfolgreiche Auftritte zurückblicken kann. In diesem Jahr spielte sie beispielsweise in Berlin. 45 Jugendliche bringen dort ihre musikalischen Fähigkeiten ein. Gespielt werden unter anderem Jazz-Stücke oder Themen aus Musicals wie „Cats“ oder „Phantom der Oper“. Das vor vier Jahren gestartete Projekt richtet sich an bildungsbenachteiligte Jugendliche. „Bei uns sind viele Kinder, deren Eltern alleinerziehend sind oder die aus kinderreichen Familien stammen“ erklärt Czepurnyi – demnach sei das Geld für Gruppenunterricht häufig knapp. Die Bigband ist dann eine Möglichkeit für Kinder aus solchen Familien, im Zusammenspiel ihre musikalischen Fähigkeiten zu verbessern.

Meister am Piano

Ein weiteres musikalisches Highlight ist das jährlich stattfindende Konzert „Die Stars von morgen aus Moskau“. Dabei treten junge Meisterpianisten aus Russland im Alter zwischen acht und 17 Jahren in Hannover auf. In der Landeshauptstadt spielen sie praktisch als Generalprobe vor ihren Auftritten beim Rheingau Musik Festival. „Das Konzert ist immer sehr gefragt“ erklärt die Vereinsvorsitzende. In diesem Jahr ist der Konzerttermin am 17. August. Gespielt wird in der Friedenskirche.

Angebote für Kinder

Damit Kinder aus Familien russischer Herkunft nicht die Sprache ihrer Eltern verlernen, bietet „Tolstoi“ den Kinderclub Filipok an. Spielerisch und kindgerecht werden dort einmal in der Woche Sprachkenntnisse vermittelt oder besondere Veranstaltungen wie Stadtführungen auf Russisch angeboten. Ein weiteres spannendes Angebot für Kinder ist das Trickfilm-Projekt. 2017 vertonten sie einen Film aus Russland neu. Grundlage dafür boten selbstverfasste deutsche Texte. In diesem Jahr drehen die Kinder selbst einen Film: Mit abfotografierten Zeichnungen und Knetfiguren.

Stadtführungen in russischer Sprache

Russischsprachige Stadtführungen stehen ebenfalls auf dem Programm des Vereins – nicht nur in Hannover, sondern auch im Rahmen von Ausflügen ins europäische Ausland. In Belgien, Holland oder Luxemburg machten Vereinsmitglieder ihre Mitreisenden bereits mit Sehenswürdigkeiten vertraut. Russischsprachige und professionell gestaltete Stadtführer in Buchform sowie eine edel gestaltete Veröffentlichung zu Hannovers Gartenlandschaften auf Deutsch, Englisch und Russisch sind ebenfalls über den Verein erschienen.

Vereinsgründung vor fast 25 Jahren

Der Gedanke zur Vereinsgründung kam Tatiana Czepurnyi, nachdem sie 1983 von Frankfurt nach Hannover gezogen war. Als Tochter des Leiters einer russischen Druckerei mit angeschlossenem Verlag war sie schon früh mit der Arbeit an kulturellen Themen in Kontakt gekommen: „Der Verlag gab eine Kulturzeitschrift und eine politische Zeitschrift heraus sowie viele Bücher, die in der Sowjetunion nicht erlaubt waren“, erzählt sie. Auch habe es dort immer kulturelle Veranstaltungen gegeben und Schriftsteller seien eingeladen worden. Als sie nach Hannover übersiedelte, vermisste sie diese kulturelle Vielfalt – nur die Kirche habe Angebote gemacht, aber dort seien wenige Jugendliche aktiv gewesen. Also ergriff sie selbst Initiative: „Ich habe ein paar Musiker kennengelernt, wir haben uns zusammengesetzt und gesagt: wir müssen etwas Kulturelles machen.“ Das Konzept lieferte ein Verein aus München: Dort gab es das Tolstoi Hilfs- und Kulturwerk, das aus dem Nachlass der Tolstoy Foundation hervorgegangen war. In Absprache konnte der Verein unter demselben Namen (nur mit dem Zusatz „Hannover“) in der Landeshauptstadt gegründet werden. Allerdings ist die Organisation in Hannover vollkommen eigenständig und unabhängig.

Weitere Informationen zu der Vereinsgeschichte und den Aktivitäten des „Tolstoi Hilfs- und Kulturwerkes Hannover e. V.“ sind auf der ausführlichen Internetpräsenz zu finden.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover