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Das Ihme-Zentrum

Zwischenruf

Ihme-Zentrum - das bekannte Unwesen

Beim Ihme-Zentrum läuft es seit Langem unrund. Spekulanten tragen zum Niedergang des einst stolzen Komplexes bei. Statt zu investieren, wartet die Landeshauptstadt ab.

  Wolfgang Becker | 20.01.2017

Die 1974 erbaute Großimmobile – „Brückenkopf der Moderne“ im Stadtteil Linden – macht seit Jahren Schlagzeilen. Zuletzt auch mit einer Zukunftswerkstatt, dem Dokumentarfilm „Traum, Ruine, Zukunft“ und eines Fotoprojekts des Kulturzentrums FAUST e. V.. Utopien gibt es viele, die Realität sieht anders aus: Neben all dem Hype geht es beim morbiden Betonklotz vorrangig um's Geschäft.

„Geld regiert die Welt“ - dieser Spruch gilt auch an der Ihme. „Israelis kaufen Ihme-Zentrum“, titelte das Branchenblatt „Immobilien Zeitung“ nach der Zwangsversteigerung im Amtsgericht Hannover im Februar 2015. 16,5 Millionen Euro bezahlte die Projekt Steglitzer Kreisel Berlin Grundstücks-Gesellschaft – eine Objektgesellschaft der Berliner Newtown Property Management – an die Gläubiger um die Landesbank Berlin für 83 Prozent der Lindener Großimmobilie.

Passage des Ihme-Zentrums
Passage
Passage des Ihme-Zentrums
Passage

„Immobilienhaie“ scheuen die Öffentlichkeit
Intown-Invest – so der neue Name von Newtown – wurde nach Angaben der „Immobilien Zeitung“ laut Handelsregister als Sun Blue Investment III GmbH 2012 von der Mabronia Ltd. aus Zypern gegründet, seither verschiedentlich umbenannt. Nun sei eine Patherola Ltd. aus Nikosia, Zypern, als Eigentümerin vermerkt. Geschäftsführerin ist die Unternehmerin Efrat Abuav. Die weltweiten Verbindungen sind schwer nachvollziehbar.

Innenleben des Ihme-Zentrums
Innenleben des Ihme-Zentrums
Innenleben des Ihme-Zentrums
Innenleben des Ihme-Zentrums

„Abuav ist unter gleicher Adresse beim Projektentwickler PBM Construction Germany erreichbar, dessen Geschäftsführer Amir Dayan (42) ist“, schreibt das Branchenblatt. Auf den Israeli Dayan ist auch die Objektgesellschaft für das Bürohaus Möckernstr. 139-141 in 10963 Berlin eingetragen, in dem neben Dutzenden anderen Gesellschaften auch die Intown-Invest residiert. Geschäftsgegenstand der meisten Firmen: „Der Erwerb von Grundstücken im eigenen Namen und auf eigene Rechnung sowie deren Verwaltung“.
Intown-Geschäftsführerin Abuav, eine 39 Jahre alte Israelin mit Wohnsitz in Berlin, ist laut Handelsregisterauszügen des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg in zahlreichen weiteren Immobilien-Firmen leitend tätig. Die meisten von ihnen haben ihren Sitz im tristen Kreuzberger Bürohaus an der Möckernstraße. Journalisten bekommen dort in der Regel keine Auskünfte: „Damit gehen wir nicht an die Öffentlichkeit“, heißt es auf Anfrage.

Wendeltreppe im Ihme-Zentrum
Wendeltreppe im Ihme-Zentrum

Außer bunten Plänen bisher keine Investitionen …
Investor Dayan lässt sich auch in Hannover kaum in die Karten schauen. In den bald zwei Jahren als Eigentümer des Ihme-Zentrums legte er außer bunten Architektenbildern noch kein Sanierungskonzept vor. Die beiden „Ankermieter“ Landeshauptstadt Hannover (LHH) und Stadtwerke AG – zusammen für eine Jahresmiete von 3 bis 4 Millionen Euro gut – haben mittlerweile die Geduld verloren: Die Stadtwerke werden den Mietvertrag für den 22-geschossigen Büroturm nicht verlängern, die Stadt hat ein letztes Ultimatum gestellt.

In die Räumlichkeiten des LHH-Fachbereichs Jugend und Familie regnet es an einigen Stellen hinein, der Sanierungsstau ist immens. Schon vor Jahren schätzte ihn das Baudezernat auf mindestens 200 Millionen Euro. Dass es endlich mal losgeht, erhoffen insbesondere die rund 800 privaten Wohnungseigentümer. Sie haben den Investor verklagt: Er soll zunächst die durch vorangegangene Spekulanten angerichteten Bauschäden beseitigen. Dagegen klagen nunmehr der Großeigentümer und die Stadt Hannover. Man scheint sich einig gewesen zu sein.

Treppe im Ihme-Zentrum
Eine Treppe im Ihme-Zentrum
Treppe im Ihme-Zentrum
Eine Treppe im Ihme-Zentrum

Auch beim Maritim gute Geschäfte – mit Flüchtlingen
Das war man sich auch beim ehemaligen Maritim Grand Hotel. Auch diese Problemimmobilie gegenüber vom Neuen Rathaus hat Intown-Invest vor Jahr und Tag erworben und mit der Stadt einen perfekten Deal gemacht: Als Zwischennutzung bis zur angeblichen Wiedernutzung als Luxushotel sind dort Geflüchtete eingezogen. Derzeit leben dort 410 Menschen, der Mietvertrag wurde über zwei Jahre geschlossen und endet im Frühjahr 2018. Mietkosten für diesen Zeitraum laut Presseberichten: 5,5 Millionen Euro.

Gedankenspiel zum Flüchtlingsthema: Warum hat die Stadt nicht vor zwei Jahren das Ihme-Zentrum selbst ersteigert und in den dafür geeigneten Räumlichkeiten Geflüchtete untergebracht? Die Millionen dafür hätten offenbar an anderer Stelle gespart werden können. Doch statt die Sache selbst in die Hand zu nehmen – was in anbetracht der gut 4.000 Flüchtlinge in Hannover und dem ehrgeizigen kommunalen Wohnungsbauprogramm angezeigt wäre – setzen die Stadtoberen beim Ihme-Zentrum seit langem auf private Investoren: Nach Engel und Carlyle jetzt eben auf Intown. Und wenn es mit einem nicht klappt, kommt der nächste. „Der Hund bellt, die Karawane zieht weiter“.

Tiefgarage im Ihme-Zentrum
Tiefgarage im Ihme-Zentrum

Der Kaufpreis von 16,5 Millionen für die Großimmobilie ist sicher dank sprudelnder Mieteinnahmen bald abbezahlt. Der Restwert lässt sich abschreiben. Die Frage ist, wer das Riesengebäude – schon die Terroristen der RAF nannten ihre konspirative Wohnung darin sinnhaft „Klotz“ – noch retten kann. Ein Sanierungsgebiet wie von Architekten und Planern gefordert, möchte die Stadt nicht. Vielleicht bleibt doch nur irgendwann der von manchem favorisierte Abriss dieser Spekulationsruine.

Fotos: Martin Tönnies

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover