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Schuhe aus! Zeichnung: Drei Männer stehen in einer Wohnung

Die Fettnäpfchen-Kolumne

Schuhe aus!

Von der Grenze zwischen weltlichem und religiösem Leben

  Helga Barbara Gundlach | 05.04.2017

Anja ist im Quartiersmanagement tätig und war in „ihrem“ Stadtteil unterwegs. In diesem Fall war sie die Ansprechpartnerin für den Aufbau eines kleinen Festes am Markt. Trotz vorheriger Abfrage benötigte ein Akteur spontan Strom. Sie kannte sich eigentlich gut dort aus und wollte schnell im benachbarten Kulturverein nach einem Zugang fragen. Der Verein lag in einem ehemaligen Laden. Sie schaute sich noch nach einem Ansprechpartner um und ehe sie es sich versah, gestikulierten die Besucherinnen und Besucher von drinnen und deuteten auf den Fußboden und die Tür.

Was war passiert?
Anja hatte eine Grenze überschritten. Sie stand plötzlich in einer Moschee – ohne es zu merken. In Deutschland gibt es viele Moscheen, die zumindest äußerlich als solche nicht gleich erkennbar sind. Es sind keine gebauten Moscheen, sondern umfunktionierte bestehende Räume. Oft sind diese in Hinterhöfen oder Gewerbegebieten zu finden. Eine Moschee ist aber meist mehr als nur ein religiöser Ort. Das Gemeindeleben vieler Menschen findet dort, nicht nur zum Gebet, statt. Es gibt zuweilen auch Cafés und Restaurants, Freizeiteinrichtungen für Jugendliche, kleine Druckereien oder andere Betriebe, und eben Einkaufsläden. Somit ist von der Straße oft nur ein Geschäft zu sehen, nicht aber die angrenzende Moschee.

Anja war der Vorfall peinlich, gerade weil sie weiß, wie man/frau eine Moschee betritt (ohne Schuhe und in der Regel mit Kopfbedeckung für Frauen) und dies respektiert. Sie fühlte sich entsprechend missverstanden.

Was hätte anders laufen können?
Anja ist es gewohnt, ihre Umgebung möglichst genau wahrzunehmen. Aber an der direkten Türschwelle zum öffentlichen Platz hatte sie einfach nicht weiter auf „Besonderheiten“ geachtet. Wir können nur versuchen, auch in Eile und in vermeintlich gewohnten Umgebungen, noch genauer zu beobachten.
Die Betreiber einer Moschee sollten davon ausgehen, dass nicht jeder Nachbar hierzulande weiß, dass er in einer Moschee gelandet ist. Das ist von außen – zumindest für Religions- oder Sprachfremde – oft nicht erkennbar. Sie könnten entsprechende Hinweisschilder (Piktogramme oder Schilder in verschiedenen Sprachen) anbringen und vielleicht etwas weniger heftig reagieren. Nicht jede/r, die/der einen religiösen Ort „falsch“ gekleidet oder mit „falschem“ Verhalten betritt, tut dies absichtlich und respektlos. Viele Menschen trauen sich auch gar nicht, im Alltag einen unbekannten religiösen Ort zu betreten, aus Angst zu stören oder etwas falsch zu machen. Sie besuchen Moscheen, Kirchen, Tempel usw. eher im Rahmen touristischer Programme im Urlaub im Ausland, als hierzulande spontan im eigenen Stadtteil.
Daher reden viele Menschen oft mehr übereinander als miteinander. Es liegt eine Chance darin, Menschen, die nachbarschaftlichen Kontakt aufnehmen wollen, freundlich einzuladen, kurz auch einen Blick in die Moschee zu werfen, sie auf das Ausziehen der Schuhe o. ä. hinzuweisen und über den ersten Fehltritt hinwegzusehen. Diese gegenseitige Offenheit brauchen wir nicht nur am 3. Oktober – dem Tag der Offenen Moscheen – sondern jeden Tag, in allen Religionen.

Anja arbeitet als Quartiermanagerin in Hannover.

Was bedeutet "Fettnäpfchen"?

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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