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Ein Tisch für zwei Personen bitte. Zeichnung: Ein Kellner steht links und guckt unerfreut. Ein Mann, der rechts neben einer Frau steht, macht mit zwei Fingern seiner rechten Hand ein V.

Die Fettnäpfchen-Kolumne

Ein Tisch für zwei Personen bitte!

Zur Bedeutung von zwei ausgestreckten Fingern

  Helga Barbara Gundlach | 15.05.2018

Lauren und ihr Freund waren in London und sahen sich die Stadt an. Sie hatten Hunger und betraten ein Restaurant. Es war voll und recht laut. Sie versuchten dem Ober verständlich zu machen, dass sie einen Tisch für zwei Personen suchten. Aufgrund des Geräuschpegels verstanden sie sich nicht. Also zeigten sie dem Ober mit zwei Fingern, dass sie zwei Plätze bräuchten.
Der Ober schaute sie entrüstet an. Dann veränderten sich seine Gesichtszüge. Er hatte wohl erkannt, dass er es mit zwei Ausländern zu tun hatte und wies die beiden auf ihren Fehler hin.

Was war passiert?
Lauren und ihr Freund hatten die Zahl „2“ mit dem ausgestreckten Zeigefinger und Mittelfinger in V-Form gezeigt, mit dem Handrücken noch vorne zum Gegenüber, also dem Ober. Dies gilt in Großbritannien als derbe Beleidigung, etwa wie andernorts der ausgestreckte Mittelfinger.
Die Geste geht auf eine Anekdote des Hundertjährigen Krieges im 14./15. Jahrhunderts zurück. Während dieses Krieges trafen etwa 6.000 Engländer, die nur mit Pfeil und Bogen ausgestattet waren, auf etwa 25.000 französische Ritter und Fußsoldaten. Die Franzosen drohten ihren Gegnern siegessicher mit dem Abhacken der beiden Finger, die für das Bogenschießen notwendig waren: Zeige- und Mittelfinger. Nachdem jedoch die englischen Bogenschützen die deutlich größere französische Armee schlagen konnten, zeigten sie als Schmähung ihre beiden unversehrten Finger – mit dem Handrücken nach außen (so, wie auch ein Bogen gespannt wird).
Zudem symbolisiert das gezeigte „V“ den Schambereich bzw. die gespreizten Beine einer Frau, die demjenigen nahe steht, dem diese Geste gilt. Auch das gilt als üble Beleidigung.
Beide Aspekte sind nicht (mehr) unbedingt jedem Engländer/Briten bewusst. Dennoch lernen sie von klein auf dem Gegenüber diese Handgeste nicht zu zeigen, es sei denn, man möchte bewusst provozieren und beleidigen.
Im weiteren englischsprachigen Raum ist es teilweise ebenfalls von Bedeutung, ob der Handrücken oder die Handinnenseite in Kombination mit den beiden Fingern gezeigt wird. Manchmal ist auch beides unangebracht.

Was hätte anders laufen können?
Dem Ober ist nichts vorzuwerfen. Er hat schnell die Lage erkannt und Lauren und ihrem Freund den Tipp gegeben, dieses Zeichen in Zukunft besser nicht mehr zu verwenden. Andere Urlauber hatten da weniger Glück und sind durch diese Geste in Schlägereien verwickelt worden.
Lauren und ihr Freund hätten sich allerdings vor ihrer Reise über anders als in ihrer Heimat interpretierte Handgesten informieren können. Doch wer macht das schon? Ein Kurztrip übers Wochenende ins nicht weit entfernte London? Und in der Schule jahrelang Englisch-Unterricht gehabt? Was soll da groß schiefgehen, werden viele denken. Doch auch in geographisch relativ nah liegenden und bekannt erscheinenden Kulturen lauern Fettnäpfchen und es lohnt sich, sich damit vorher zu befassen. Schön wäre es, einige dieser Gesten auch frühzeitig standardmäßig im Englisch-Unterricht zu behandeln.

Lauren arbeitet in der Verwaltung.

Was bedeutet "Fettnäpchen" eigentlich?

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