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Blumenkohl, Topf, Geschirrtuch

Essen und Kultur(en)

Blumenkohl, Oliven und ein Ave Maria

Warum zaubern Menschen aus einem und demselben Gemüse völlig unterschiedliche Rezepte, und dies, obwohl teilweise identische Zutaten zur Verfügung stehen?

  Nina Iacovozzi | 15.05.2018

Meine Großeltern aus Hamburg heirateten kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Sie hatten so fast nichts: das Hochzeitskleid bestand aus Fallschirmseide, und das Essen beschränkte sich auf Blumenkohl und Laktrone; eine fatale Mischung wie sich herausstellte, denn statt die Hochzeitsnacht zu genießen, verbrachte mein Großvater die Zeit im Badezimmer, um den kulinarischen Irrtum wieder loszuwerden. Kochten Oma und meine Mutter sonst auch mit noch so viel Liebe, behandelten sie Dich, lieber Blumenkohl, stets wie einen ungebetenen Gast, der möglichst bald wieder verschwinden soll. Das klappt am besten unter einem Berg von Bechamelsoße, einem Mangel an Salz und der üppigen Dreingabe von Rührei und Kartoffeln. Ich glaube, die Geschichte mit dem Hochzeitsfiasko hat Dir Oma bis heute nicht verziehen.

Aber heute, lieber Blumenkohl, möchte ich einen Neuanfang wagen. Bevor mein Inneres allzu laut protestieren kann, landest Du in meinem Einkaufskorb. In der Küche ist die Glühbirne defekt und Dich beschimmert nur der Schein der Straßenlampe wie ein kugeliges weißes Geheimnis. Zum ersten Mal sind wir wirklich unter uns.

Doch Halt! Aus den hinteren Windungen meines Gehirns vernehme ich eine aufgeregte Stimme: „Kehre zurück auf den Pfad von Ossobuco alla Romana. Der weiße Brocken führt hier führt Dich direkt ins Verderben. Noch ist es nicht zu spät.“ Wenn es ums Essen ging, war mein italienischer Vater beharrlich wie ein Zeuge Jehovas. Ich höre noch ferne Echo, dann verschwinden Deine weißen Röschen im kochenden Salzwasser.

Der Blumenkohl als Kosmopolit

Dabei bist Du alles andere als universell langweilig-Fast kein anderes Gemüse ist so wandlungsfähig Du. Vielleicht verpasst Dir gerade deshalb jede Kultur ihre eigene kulinarische Verkleidung: Deutschland beispielsweise kennt man Dich mit Muskatnuss, Bechamelsauce, Rührei und Kartoffeln, in Mittel- und Süditalien hat sich das Potpourri aus Blumenkohl, Sardellen, Kapern und Oliven verbreitet. Diese Mischung gipfelt einer erweiterten Zubereitungsvariante, der „Insalta di Rinforzo“, einem neapolitanischen Gericht für Heiligabend.

Warum zaubern Menschen aus einem und demselben Gemüse völlig unterschiedliche Rezepte, und dies obwohl teilweise identische Zutaten zur Verfügung stehen? Sicher bestimmen nicht zuletzt das Klima und das Portemonnaie, was in den Topf kommt, und dennoch bleibt Essen das Ergebnis menschlicher Kreativität.
Kapern und Sardellen beispielsweise sind als blumige Geschmacksgeber nicht nur in der „Insalata di Rinforzo“ zu Hause, sondern auch in den „Königsberger Klopsen“, einem der Top-Ten Gerichte typisch deutscher (preußischer) Küche. Doch während Königsberger Klopse zu ihrer Entstehungszeit im 19.Jahrhundert als Vertreter bürgerlicher Gourmetküche galten, rutscht die Neapolitanische Blumenkohl -Variante samt Oliven, Kapern und Sardellen als Fastenmahlzeit für Heiligabend durch und symbolisiert damit auch ein Stück Verzicht.

Wie kommt es dazu, dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern völlig unterschiedliche Maßstäbe für Genuss und Verzicht entwickeln? Warum stufen die protestantischen Preußen die Königsberger Klopse trotz ihrer mehlsoßenbasierten Dezenz als Gourmetgericht ein, während der „Blumenkohl alla Napoletana“, der eine wahre Geschmacksexplosion produziert, und im Rahmen eines katholischen Fastentages konsumiert wird?

Religion aus dem Kochtopf

Was immer auch auf den Tisch kommt, der religiöse Glaube mischt mit; und beide Konfessionen regeln den Umgang mit Genuss auf ihre eigene Art.

Der Katholizismus ermöglicht es, sich vor Gott durch „gute Taten“ zu rechtfertigen; („Werksgerechtigkeit“.) Der Glaube wird im Vergleich zum Protestantismus stärker nach außen getragen wie beispielsweise durch das Ablegen der Beichte oder die Einhaltung der Fastentage. Allerdings lassen sich Verhaltensregeln auch ohne Verinnerlichung befolgen. Als Kind minimierte mein italienischer Vater den psychischen Input für die Absolution, indem er den Zeitaufwand pro Ave Maria und Pater Noster ermittelte, und diesen per Hochrechnung mit dem aufgebrummten Gebetspensum multiplizierte. Jetzt brauchte er mit Blick auf die Armbanduhr nur lange genug auf der Kirchenbank vor sich hinzumurmeln und fertig war die Vergebung.

Ein Protestant hat es hier schwerer, denn im Idealfall spielt er 24 Stunden am Tag sein eigenes Gewissen: der Reformator Martin Luther war der der Meinung, dass es zwischen Gott und dem Gläubigen keiner „Vermittlung“ durch Dritte bedürfe. Er glaubte, dass das Seelenheil allein von Gottes Gnade abhänge, nicht von der „Veräußerlichung“ der Religion. Dazu muss man wissen: durch den Ablasshandel war der Glaube zur Farce pervertiert und mittels Bescheidenheit versuchte Luther die Religion wieder auf ihren eigentlichen Zweck zurückzuführen. Gleichzeitig schaffte er die Fastentage ab und erlaubte den Fleischverzehr an sieben Tagen pro Woche. Man sollte meinen, die Reformationen hätte die Fleischhandel angekurbelt, doch das Gegenteil war der Fall. Es wurde so viel über den Konsum von Fleisch diskutiert, dass der Absatz schrumpfte. Es ist wie bei einem Witz- entweder man lacht oder versucht ihn zu verstehen.

„Anders als der Protestantismus reguliert der Katholizismus durch die fleischlosen Tage zwar den Verbrauch bestimmter Lebensmittel, aber –und das ist das Entscheidende- bleibt der Genuss“, so die Ernährungshistorikerin Liliane Plouvier.

Sind die unterschiedlichen Blumenkohlrezepte Italien und Deutschlands nun ein Ergebnis des Klimas, der Nachkriegszeit oder der Religion? Hätte der Protestantismus auch zwischen italienischen Feigen- und Olivenbäumen überlebt?

Lieber Blumenkohl, in Kombination mit Kapern kann ich nach wie vor nicht ausstehen, aber heute kann ich Dich zum ersten Mal wirklich verdauen. Liebevoll bestreiche ich Dich mit Olivenöl. Wie Schnee legen sich der zerbröselte Feta auf Deine Oberfläche. Dazu kommen ein wenig Balsamico-creme, Kartoffelscheiben und Oliven mit einem Hauch schwarzem Pfeffer. Das nächste Mal würze ich Dich vielleicht mit frischem Ingwer und sonnengereiften Tomaten, aber nie- nie wieder esse ich Dich, nur weil Du auf den Tisch kommst.

Einige Literaturtipps

  • Allante, Philippe:“Geschichte aus dem Kochtopf“ Folge E03-Bankette der Renaissance. ARTE TV. 2007.
  • Schwanitz, Dietrich: „Bildung. Die Geschichte Europas: Alles, was man wissen muss.“ Eichborn, Frankfurt am Main. 2000
  • Schirrmeister, Claudia: „Bratwurst oder Lachsmousse?: Die Symbolik des Essens - Betrachtungen zur Esskultur“ Transcript Verlag. Bielefeld. 2010

Röger, Kai: „Kohl macht sich fein“ (Ein "Online-Artikel über die Kulturgeschichte des Blumenkohls":https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/essen-trinken/blumenkohl-ist-der-naechste-it-kohl-kohl-macht-sich-fein/13785190.html)

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