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SagWasDebatte

Onlinedebatte

Von der Straße in den Hörsaal

Eine spannende Debatte über Chancen und Hürden im deutschen Bildungssystem, aber auch über Vielfalt und gesellschaftliche Verantwortung.

  Claudia Ermel | 15.10.2021

Yigit Muk, der nach einer Kehrtwende auf seinem scheinbar vorbestimmten Lebensweg als typischer „08/15-Kanake“, schließlich Jahre später das beste Abitur in Berlin machte, hat jetzt das Buch „Muksmäuschenschlau“ über seine Erfahrungen veröffentlicht.

SagWas, das Debattenportal der Friederich-Ebert-Stiftung, hat ihn am 13.Oktober 2021 eingeladen, um mit ihm, mit Melike Berfê Çınar, Kolumnistin auf sagwas und mit Robert Trettin, Referent Sozial- und Gesundheitspolitik, SKM Berlin e. V. über Hürden und Chancen in der deutschen Bildungslandschaft zu sprechen. Moderiert wurde die Debatte von Susan Zare.

„Ja, es gibt einen Weg. Ja, er ist steinig.“

Susan Zare fragte die Teilnehmenden, wie ein Kampf um sozialen Aufstieg und Bildungsaufstieg gelingen kann, welche strukturellen Probleme im Bildungssystem bestehen, welche gesellschaftlichen Gegebenheiten sich noch ändern müssten. Dass Abiturient*innen mit Migrationshintergrund aus bildungsfernen Elternhäusern eher selten sind, ist laut Yigit Muk nicht das wesentlichste Hindernis. Er hat jedenfalls plötzlich erkannt, dass der eigene Wille zu einem Neuanfang bereits ein Katalysator sein kann. Sobald dieser stark genug sei, ergäben sich viele Dinge fast zwingend automatisch. "Ja, es gibt einen Weg. Ja, er ist steinig. Aber ich habe begriffen: wenn ich mich verändere, verändere ich auch etwas in meiner Umgebung“. Doch auch die Motivation durch Vorbilder, Lehrkräfte, die an ihn glaubten, war für ihn sehr wichtig. „Unsere einzigen Erfolgserlebnisse hatten wir früher durch Gewalt, das war unsere einzige Profilierungsebene.“ Die ehemaligen Freunde aus Berlin Neukölln, mit denen er einst gemeinsam die Straßen unsicher machte, sind unterdessen teilweise im Gefängnis, drogenabhängig, sozial abgestürzt. Yigit hat gerade noch rechzeitig auf eine Bremse getreten. Seit seiner Kehrtwende hat das ehemalige Gangmitglied nun bereits in Interviews, in Schulen und auf Podien gesprochen, um selbst Vorbild zu sein und um am Beispiel seiner eigenen Geschichte zu zeigen, dass es nie zu spät ist. “Ich lese an Schulen und in Gefängnissen. Ich habe phänomenale Erlebnisse gemacht.“

Jeder ist seines Glückes Schmied

Darüber, dass die Entscheidung zur Veränderung immer von einem selbst kommen muss, erzählte auch Robert Trettin, der im Cafè Rückenwind und auch in seiner Arbeit für die Armutskonferenz jahrelange Erfahrungen in der Sozialberatung hat. Haftentlassene, Obdachlose, Alkoholiker, Spielsüchtige und alle anderen, die einen Neuanfang wagen: “Es ist ganz schwer, es alleine zu schaffen, aber nur man selbst kann die Entscheidung treffen,“ weiß Trettin.

Welche Verantwortung trägt die Gesellschaft?

Auch die noch immer existierenden „Schieflagen“ in der deutschen Gesellschaft wurden angesprochen. „Wir brauchen mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Repräsentanz ist sehr wichtig. Auch das Abgeordnetenhaus ist nicht vielfältig. Allerdings ist Diversität nicht das Wichtigste sondern die menschliche Beziehung, Lehrer sollten ausstrahlen ‚Ich will nur das Beste für Dich‘“, meinte Melike Berfê Çınar.

Für Yigit Muk waren Lehrer*innen früher immer nur Roboter. Irgendwann hat er erkannt, dass es eine Wechselbeziehung gibt. Als er Lehrer als Menschen, als Vorbilder sehen konnte, reflektierte er die eigenen Stereotypen und erhielt schließlich positive Energien zurück. Mit seinem Buch Mucksmäuschenschlau, mit seinen Lesungen und vielleicht auch mit der Sagwas-Debatte ist er heute selbst zum Vorbild geworden, der "Posterboy" für alle Verlorengeglaubten, sozusagen.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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