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Fest vorm Laden der Gemeinwesenarbeit in der Stärkestraße

Interkulturelle Initiative

Mietergruppe Linden-Nord: Solidarität gegen Spekulanten - jenseits kultureller Grenzen

Hier fühlte sich jeder willkommen: In einer Broschüre wird die jahrzehntelange Arbeit einer Mietergesellschaft vorgestellt.

  Wolfgang Becker | 12.02.2018

Eine jetzt vom Netzwerk Archive Linden-Limmer herausgegebene Broschüre würdigt die multikulturelle Arbeit einer 1977 gegründeten Mietergruppe. Autorin ist die ehemalige Bezirksbürgermeisterin Anne Barkhoff. „Allen Mitstreitern bleibt das solidarische Miteinander von deutschen, türkischen, spanischen und jugoslawischen Mietern, von Christen und Muslimen, von Akademikern, Studenten und Arbeitern, von Jungen und Alten unvergessen,“ schreibt Anne Barkhoff in ihrem Vorwort: „Die Mieterversammlungen, Gerichtsverfahren, Tänze, Lieder und Feste bleiben in Erinnerung. Das war für die betroffenen Mietparteien eine außerordentliche Erfahrung und war prägend für das Zusammengehörigkeitsgefühl von ausländischen und deutschen Lindenern.“

Mieterbroschüre
Die Broschüre gibt es beispielsweise im Kulturzentrum Faust.
Mieterbroschüre
Die Broschüre gibt es beispielsweise im Kulturzentrum Faust.

In der Broschüre werden die ersten zehn Jahre der 1977 gegründeten Mietergruppe Linden-Nord ausführlich gewürdigt. Ausgangspunkt waren seinerzeit Wohnungen in der Bennostraße, die von der ÜSTRA an einen Frankfurter Spekulanten verkauft worden waren. Über viele Jahre liefen die Aktivitäten der so zusammengeschlossenen Mieter, die u.a. von der städtischen Gemeinwesenarbeit, einem Rechtsanwalt und mehreren ArchitekturstudentInnen unterstützt wurden. Anfang 1990 gründete sich in der Folge der Verein „Internationale Mietergruppe e.V.“, der sich schließlich 2002 auflöste.

Mietergruppenfest im Freizeitheim Linden
Mietergruppenfest im Freizeitheim Linden.
Mietergruppenfest im Freizeitheim Linden
Mietergruppenfest im Freizeitheim Linden.

In der Schrift kommen Beteiligte zu Wort

Besonders beeindruckend sind die Interviews mit Beteiligten, die Anne und ihr Mann Ernst Barkhoff jetzt für die Broschüre geführt haben. So sagt die türkisch-stämmige Lehrerin Meliha Bicakci-Post: „Die Mietergruppe hat mich sehr geprägt und meinen Weg als Gastarbeiterkind in die deutsche Gesellschaft sehr positiv beeinflusst. Ich fühlte mich gebraucht und willkommen.“Die Architektin Alke Warnken ergänzt: „Die Begegnung mit den Menschen in der Mietergruppe war für mich eine großartige neue Erfahrung. Ich lernte Leute aus so unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebenswelten kennen, die einander in der Verschiedenheit respektierten und in ihrem gemeinsamen Anliegen verbunden waren.

Eine mutikulturelle Initiative – auch gegen Spekulanten

„Die Mietergruppe war für mich ein Raum, in dem einige meiner Träume jener Zeit verwirklicht wurden,“ erinnert sich der spanische Arbeiter José „Pepe“ Garcia: „Wir sprachen miteinander auf gleicher Augenhöhe über die Möglichkeit, sich gegen die Spekulanten zu wehren, die ihre Wohnungen lediglich als Bereicherungsmöglichkeit sahen. Um der Ausländerfeindlichkeit etwas entgegenzusetzen wurden in dieser Zeit zahlreiche Arbeitskreise und Ausschüsse gebildet. Man hörte täglich: „Das Boot ist voll“, „Ausländer raus“, „Deutsche Arbeitsplätze den Deutschen“ etc. In der Mietergruppe sind wir ganz anders miteinander umgegangen. In kurzer Zeit entstand eine echte Freundschaft ohne Unterschied von Herkunft und sozialem Status. Wir haben uns alle geduzt. In der Mietergruppe haben wir erlebt, dass der Kontakt mit Menschen anderer Sprachen und Kultur eine Bereicherung ist.“

Emmi Kriese spielt auf
Emmi Kriese spielt auf.
Emmi Kriese spielt auf
Emmi Kriese spielt auf.

„Ich erinnere mich noch gut an die gerichtlichen Auseinandersetzungen,“ sagt der LindenerRechtsanwalt Werner Deckmann: „Insbesondere an die Mieter in der Bennostraße 16, in dem Emmi Kriese sich um ihre Nachbarn und um das Haus kümmerte - eine nette Hausgemeinschaft. Die ÜSTRA hat die Wohnungen ursprünglich wohl als Ausgleich für niedrigere Löhne, ihren Angestellten zu günstigen Mieten zur Verfügung gestellt. Die neuen Eigentümer ließen die Bewohner trotz bestehender Mietverhältnisse neue Mietverträge abschließen. Mithilfe der Mietergruppe und der Sammlung von Geld konnten wir bei den meisten Mietern das Schlimmste abwenden.“

Anne Barkhoff
Anne Barkhoff, Autorin der Broschüre.
Anne Barkhoff
Anne Barkhoff, Autorin der Broschüre.

Die Broschüre ist in Linden kostenlos erhältlich

Anne Barkhoff ist Autorin des gut bebilderten Heftes. Sie war von 1996 bis 2000 für die SPD Bezirksbürgermeisterin von Linden-Limmer. Der 2012 gegründete Verein Netzwerk Archive Linden-Limmer ist Herausgeber der Broschüre. Sie ist an verschiedenen Orten in Linden (Rathaus, Faust, Freizeitheim, Buchläden, etc.) kostenlos erhältlich. Die Herstellungskosten der 48-seitigen Schrift hat das MiSO-Netzwerk Hannover im Rahmen des Projekts „House of Resources“ getragen. Entstanden ist mit der Veröffentlichung ein ausgezeichneter Beitrag zur Stadtgeschichte in Hannover-Linden, besonders aber zum multikulturellen Zusammenwirken seiner Bewohner.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover