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Bildungskonferenz_Symbolbild_Hände halten Tablet mit Screenshot

Digitale Bildung

In der Corona-Pandemie werden Migrant*innen und Geflüchtete bei ihrer Weiterbildung allein gelassen

Nachlese zur bundesweiten Bildungskonferenz vom 15.07.2021.

  Jürgen Castendyk | 29.09.2021

Am 15. Juli dieses Jahres veranstalteten kargah e. V. und die AWO Region Hannover e. V. eine bundesweite Bildungskonferenz zum Thema: „Chancen und Herausforderungen des digitalen Unterrichts für Migrant*innen und Geflüchtete“. Den praxisorientierten Fachvortrag zum Thema hielt Dr. Thomas Fritz (lernraum.wien).

Die Veranstaltung wurde gefördert von der Landeshauptstadt Hannover im Rahmen des Projektes „Wir leben in Hannover - eine bunte Verbindung“.

Einige Zeit später sprach der Autor mit Dr. Peyman Javaher-Haghighi, Koordinator für den Bereich Bildung / Qualifizierung bei kargah und Mitglied im geschäftsführenden Vorstand beim Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (NeMo). Javaher-Haghighi hatte die Konferenz initiiert und mit vorbereitet. Auf Nachfrage war er sehr zufrieden mit der Teilnahme. Bis zu 66 Mitarbeiter*innen von Bildungseinrichtungen waren vertreten, darunter Lehrkräfte aus VHS, Arbeit und Leben, der AWO sowie aus Migrant*innen-Selbstorganisationen, nicht nur aus Niedersachsen.

Meine erste Frage galt den Grundgedanken, die zu der Online-Konferenz führten. „Es sollte im gemeinsamen Austausch eine Zwischenbilanz gezogen werden über die Erfahrungen mit digitalen Unterrichtsformen. Verbunden werden sollte dies mit der Fragestellung, wie digitale Unterrichtsformen gut und vernünftig anzuwenden sind“, sagte dazu Javaher-Haghighi.

Das Smartphone als Basisausstattung für die Kommunikation

Wer sich mit den Lernproblemen von Migrant*innen und Geflüchteten beim digitalen Distanzunterricht beschäftigt, muss sich nach Auffassung von Javaher-Haghighi erst einmal mit dem Bildungshintergrund der Lernenden beschäftigen. Materiell gesehen, geht es um die technische Ausstattung. Ebenso wichtig ist das Knowhow, das heißt, wie ausgeprägt die Medienkompetenz der Lernenden ist. Daraus folgt die Frage, wie diese den Unterricht wahrnehmen.

Verstärkte Lernprobleme in der Coronakrise

Jüngere Migrant*innen und Geflüchtete nutzen fast alle ein Smartphone. Sie sind im Umgang mit Sozialen Medien sehr kompetent und gut vernetzt. Viele hätten aber keine Mail-Adresse und wüssten auch kaum, mit ihr umzugehen. Diese Nutzer*innen könnten keine Anhänge öffnen oder herunterladen. Aus finanziellen Gründen hätten nur wenige der Migrant*innen und Geflüchteten einen eigenen PC. Zudem fehlten bei digitalem Unterricht die notwendigen sozialen Kontakte und Hilfestellungen zwischen den Lernenden. Wegen beengter Wohnverhältnisse gäbe es bei benachteiligten Familien häufig keinen ungestörten Lernort. Durch diese Lernprobleme habe sich in der Coronakrise die Abbrecher-Quote bei den Kursen stark erhöht. Nach langen - durch Corona bedingten - Pausen seien Lerninhalte in Vergessenheit geraten.

Nach Erfahrungen von Javaher-Haghighi müsste auch der Bildungshintergrund der Dozent*innen stärker berücksichtigt werden. Die Eins-zu-Eins-Übernahme spezieller Lernmethoden des Präsenzunterrichts sei für die Lernenden im Distanzunterricht nicht geeignet. „Deshalb müssen Dozent*innen weitergebildet werden“, sagte Javaher-Haghighi. Dabei stellt sich für ihn die Frage, welche Plattformen für den digitalen Unterricht geeignet sind. Die Bildungskonferenz hätte gezeigt, dass die Dozent*innen unterschiedliche Plattformen nutzen und es darüber keinen Austausch zwischen den Bildungseinrichtungen gebe.

Javaher-Haghighi strebt deshalb regionale „Runde Tische“ an, damit sich Dozent*innen verschiedener Bildungseinrichtungen über die Erfahrungen mit digitalen Plattformen austauschen können. Es sollten dabei auch eigene Ideen für die Weiterentwicklung der Plattformen entwickelt werden. Als Perspektive sieht Javaher-Haghighi, jedes Jahr eine Bildungskonferenz für alle Bildungseinrichtungen zu aktuellen Themen durchzuführen. Kargah könnte mit Kooperationspartner*innen diese Aufgabe übernehmen. Daraus könnten sich auch gemeinsame politische Forderungen entwickeln.

Für Kurse für Migrant*innen und Geflüchtete gibt es keine sichere Finanzierung

Die Finanzierung erfolge durch verschiedene öffentliche Geldgeber, erläuterte Javaher-Haghighi. Die Arbeitsverwaltungen und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) finanzieren Deutschkurse als berufsvorbereitende Kurse oder als Integrations-kurse. In Niedersachsen finanziert das Sozialministerium zusätzliche Deutschkurse.

Dieses Programm laufe aber im nächsten Jahr aus. Um die Finanzierung von Kursen für Migrant*innen und Geflüchtete dauerhaft zu sichern, schlug Javaher-Haghighi vor, diejenigen kompetenten Migrant*innen-Selbstorganisationen, welche qualitativ hohe Bildungsangebote machen, anzuerkennen und zu fördern.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover