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Rechte Parolen kompetent kontern_Buchcover

Buchbesprechung

Helga B. Gundlach: Rechte Parolen kompetent kontern

Ein Wegweiser für die psychosoziale und pädagogische Arbeit.

  Jürgen Castendyk | 02.02.2021

Die studierte Religionswissenschaftlerin lebt in Hannover und durchlief nach ihrem Abschluss zahlreiche Fort- und Weiterbildungen in der Erwachsenenbildung, als Interkulturelle Trainerin, im psychologischen und Beratungsbereich und zu weiteren Themen. Gundlach ist eine gefragte Trainerin und Beraterin für interkulturelle Kompetenz, Diversity und interkulturelle Öffnungsprozesse sowie Dozentin für Kommunikation und Konfliktmanagement. Seit Jahren veranstaltet Gundlach auch Workshops zum kompetenten Umgang mit rechten Parolen. Den Leser*innen von Welt-in-Hannover.de ist sie bekannt geworden durch ihre „Fettnäpfchen-Kolumnen“. Sie berichtet darin über alltägliche Konfliktsituationen durch Missverständnisse in der interkulturellen Kommunikation.

„Dieses Buch ist aus der Praxis für die Praxis geschrieben“

Im Vorwort macht die Autorin deutlich, was die Leser*innen erwartet: „Grundlagen des Buches sind Erfahrungen aus meiner Arbeit als Trainerin und Moderatorin, aber auch Erlebnissen aus privaten Bereichen.“ Um gesellschaftliche Kontexte zu verstehen erläutert Gundlach im ersten Kapitel kurz und prägnant theoretische Hintergründe als Voraussetzungen, um gegen rechte Parolen vorgehen zu können. Ihr Schwerpunkt liegt dabei in der Analyse von Hintergründen in verschiedenen Gesprächssituationen. Dazu gehört vor allem die Selbstreflexion unserer Sozialisation. Welche Wirkungen haben durch Eigen- und Fremdgruppen erlernte Pauschalierungen, sogenannte Stereotypen. Sie begegnen uns in Spielzeug, in Witzen, in Büchern, in Kinofilmen, in der Werbung und in Nachrichtensendungen. „Niemand kann sich dem entziehen. Glauben Sie also nicht, Sie hätten keine Schubladen, und versuchen Sie auch nicht, diese krampfhaft zuzudrücken. Das klappt sowieso nicht,“ schreibt die Verfasserin dazu. Sie plädiert für eine „vorurteils-bewusste Pädagogik“ in der die eigenen Stereotypen selbstkritisch wahrgenommen und reflektiert werden.

Der Begriff Kultur wird von Rechten missbraucht

Alle Menschen werden in kulturelle Gruppen hineingeboren. Sie unterscheiden sich durch Nationalität, Ethnie, Religion, Region und sozialem Milieu. Die Kulturalisierung dieser Gruppen ist aber längst nicht mehr statisch und vor allem nicht mehr homogen. Gundlach vertritt deshalb einen flexiblen „transkulturellen Kulturbegriff.“ Danach prägen zwar früh erlernte kulturelle Elemente die Identität von Einzelnen und von Gruppen. Aber ebenso müssen persönliche Eigenschaften sowie die jeweilige Situation die das persönliche Handeln beeinflussen in Gesprächssituationen berücksichtigt werden.

Der Begriff der Kultur wird von Rechten als politischer Kampfbegriff missbraucht. Zugewanderte werden hämisch und abwertend als „Kulturbereicherer“ bezeichnet. Grundsätzlich fordern die Rechten: Eingewanderte müssen sich der deutschen „Leitkultur“ unterordnen. Die deutsche „Volkskultur“ muß von fremden Einflüssen „rein“ gehalten werden. Das ist für die Autorin eine typische Parole der Rechten im Kulturkampf gegen Einwanderer.

„Messermänner“, „Kopftuchchmädchen“, „Bahnhofsstoßer“

Neue Kombinationen von Wörtern sollen Einwanderer bewusst beleidigen. Die Rechten unterfüttern ihre Wortschöpfungen mit Frames, um negative Stimmungen und Botschaften zu erzeugen und Ängste vor „Überfremdung“ zu schüren. Sie funktionieren, weil sie auf Vorurteile durch abgespeichertes Wissen und Erfahrungen der Adressaten zurückgreifen können. „Wiederholen sie daher keine Frames Ihres Gegenübers, sonst sorgen Sie nur für deren Verbreitung. Nutzen Sie stattdessen eigene Metaphern und Frames, Bilder und Rahmen,“ empfiehlt die Verfasserin als eine von vielen Anleitungen für den Umgang mit rechten Parolen.

Praktische Beispiele und Handlungsideen

Wie in ihren Kolumnen beschreibt Gundlach im zweiten Teil ihres Buches verschiedene Situationen aus den Arbeits- und Lebensbereichen in denen rechte Parolen und Botschaften aufkommen oder thematisiert werden. Dazu gehören Gespräche am Arbeitsplatz, in Läden, in Kneipen, Sportvereinen, aber auch in Situationen als Lehrende in allen Teilen des Bildungssystems. Sie skizziert auch wirklichkeitsnahe Settings und Gespräche im privaten Bereich. Im zweiten Schritt zeigt sie durch gesonderte Kommentare zielführende Handlungsoptionen auf. Dabei spricht die Autorin die Leserin oder den Leser immer direkt an.

So können Sie allein üben oder zu zweit

Im letzten Kapitel ihres Buches gibt Gundlach Anregungen für Übungen. Dazu gehören das Hinterfragen eigener Stereotype und das Aufspüren eigener Ängste. Wie kann ich Schockstarre überwinden, den eigenen Körper kontrollieren, Begriffe klären, Werte definieren und eigene Bilder und Metaphern erfinden, die nicht diskriminierend sind. Zu zweit kann man Situationen nachspielen. „Wechseln sie die Rollen, tauschen Sie sich aus, inwiefern sich ihre Mimik, Gestik, Haltung jeweils verändert haben,“ schlägt Gundlach dabei vor. Sie sagt über Übungen aber auch: “Aber nichts kann ihnen ein Gegenüber wirklich ersetzen. Darum nehmen sie auch an Fortbildungen teil, üben sie mit Vertrauten, tauschen Sie sich mit Gleichgesinnten aus und erproben Sie sich im Alltag.“

Fazit: Das Buch von Helga B. Gundlach will keine politische Streitschrift gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit sein. Ihr Anliegen als engagierte Pädagogin ist es, Anregungen und Hilfen zu geben, wie man sich gegen rechte Parolen in der Öffentlichkeit und im Privatem kompetent wehren kann. Das ist der Autorin auf überzeugende Weise gelungen.

Das Buch verfügt über ein Glossar und bietet weiterführende Literaturtipps.

Info: Helga B. Gundlach: Rechte Parolen kompetent kontern. Ein Wegweiser für die psychosoziale und pädagogische Arbeit, Vandenhoeck & Ruprecht Verlage, Göttingen 2020, 178 Seiten, ISBN: 978-3525459195, Preis: 18,- €

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