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ZOOM-Lesung zum Balkan

Lesung

Zwischen Diaspora und Fremdkehr

Zwei eindrucksvolle Lesungen von Vertreter*innen einer jungen Generation mit Migrationsgeschichten des nördlichen Balkan

  Claudia Ermel | 21.12.2020

Präsentiert vom Flüchtlingsrat Niedersachsen gemeinsam mit der Rosa Luxemburg-Stiftung und der Stiftung Leben und Umwelt stellten Marko Dinić und Elona Beqiraj ihre jüngsten Werke vor.

Die ZOOM-Veranstaltung gehörte zum Begleitprogramm der Ausstellungen Signum mortis und der Installation 40.555, Fotografien und Collagen von Wolf Böwig an den Fensternfronten des Pavillon Hannover sowie auf dem Weißekreuzplatz. Während die Installation 40.555 in Zusammenarbeit mit Seebrücke Hannover die aktuelle Situation an den europäischen Außengrenzen thematisiert, widmet sich Signum Mortis dem nördlichen Balkan, dem ehemaligen Jugoslawien und dessen Nachfolgestaaten. Diese Thematik berührte auch der hier besprochene Online-Leseabend am 17.12.2020.

Protagonist*innen der gelungenen Veranstaltung auf virtueller Bühne waren die beiden vorgenannten Autor*innen sowie die Moderatorin Jehona Kicaj und Kai Weber vom Flüchtlingsrat. Im Onlinechat konnten außerdem Fragen aus dem Publikum gestellt werden, die im gemeinsamen Gespräch zum Ende der Veranstaltung beantwortet und auch diskutiert wurden.

Menschen wurden nur geduldet

Die einführenden Worte von Kai Weber gaben einen kurzen Abriss über den Jugoslawienkrieg, schilderten die seinerzeitigen Umstände und die Situation der damaligen Kriegsflüchtlinge in Deutschland, die nur jahrelange Duldungen erfuhren. „Der Kriegsausbruch in Jugoslawien ist 30 Jahre her“, erläuterte Kai Weber, „(…) Zehntausende Geflüchtete befanden sich jahrelang in einem Zustand einer faktischen Duldung. Ab 2009 fanden dann sogar auch wieder Abschiebungen nach Serbien und in den Kosovo statt.“

Nun kommen die Nachfahren dieser Kriegsgeneration zu Wort. Beide Autor*innen beschäftigen sich in ihren Werken mit der Erinnerungskultur, mit dem Hier und Dort, dem Fremdsein in der Heimat. Die Heimkehr wird zur Fremdkehr, weil die Zugehörigkeit verloren ging. Dabei haben jedoch Elona und Marko für ihre Anliegen ganz unterschiedliche literarische Ausdrucksformen verwendet.

Sie kennen den Krieg nur aus Erzählungen

Bei beiden – dem Roman von Marko sowie einem Lyrikband von Elona - geht es um die Identitätsfindung einer Generation, die sich nirgendwo richtig zugehörig fühlt. Die jüngeren Generationen kennen den Krieg nur aus den Erzählungen von Eltern oder Großeltern. Mit den alten Ressentiments und Feindschaften haben sie nichts zu tun. In der Diaspora sehen sich die vermeintlich einstigen Feinde der gleichen Zerrissenheit gegenüber, erfahren schließlich die Besucher*innen der ZOOM-Veranstaltung.

Elona Beqiraj ist 1997 als Kind albanischer Eltern in Niedersachsen geboren. Aufgewachsen in Verden, studiert sie seit 2018 Politikwissenschaft in Hannover. Marko Dinić ist ein serbischer Autor. Er wurde 1988 in Wien geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad. Marko studierte in Salzburg Germanistik und Jüdische Kulturgeschichte. In ihren jeweiligen Büchern bieten Marko Dinić und Elona Beqiraj literarisch zwei sehr unterschiedliche Zugänge zu den Themen Krieg, Flucht und Exil, Heimat und Diaspora.

Serbien und Kosovo im Zeichen des Konflikts

Die Moderatorin Jehona Kicaj betonte in ihrer Begrüßung das Besondere dieser virtuellen Lesebühne, da die beiden Autor*innen eine jeweils individuelle Perspektive auf zwei Balkanländer haben, die noch bis heute im Zeichen des Konflikts stehen. Die Literaturwissenschaftlerin aus Hannover und Preisträgerin der Victor Rizkallah-Stiftung 2019, wurde ebenfalls im Kosovo geboren. Sie führte umsichtig durch den gesamten Lese- und Diskussionsabend und brachte dabei auch eigene Erfahrungen und Erkenntnisse mit ein.

Im Gespräch Jehonas mit den Autor*innen erfuhren die Besucher*innen, wie ähnlich die Zerrissenheit derer sein kann, deren Vorfahren aus einem Land stammen, das sie selbst nur aus Besuchen kennen. Marko Dinić und Elona Beqiraj, beide nicht persönlich in den jugoslavische Kriegswirren aufgewachsen, dennoch betroffen durch ihre Herkunft, thematisieren jeweils auf ihre ganz eigene Art das Schicksal ihrer Vorfahren, denen sie sich noch immer verbunden fühlen.

Während Elonas Gedichtband sich mit den Besuchen bei den zurückgebliebenen Verwandten im Kosovo beschäftigt, hat Marko einen fiktiven Roman über einen Geflüchteten verfasst, der als Besucher in die Heimat zurückkehrt. Bei beiden geht es um Zugehörigkeit, um Zerrissenheit, um die Suche nach Identität. Das Gefühl, immer zwischen zwei Stühlen zu sitzen, ist beiden nur zu vertraut, erfährt das Publikum. Weder in der Heimat ihrer Vorfahren noch in der Diaspora fühlen sie sich voll angenommen. Elona geht noch einen Schritt weiter, nur wer ebenfalls „fremd“ ist, kann Verständnis haben. „Ich fühle mich in kanackigen Communities ganz oft wieder. Auch die Diaspora kann eine Heimat sein,“ meinte sie im Gespräch.

Was ist für euch Heimat?

Zu der Frage, was denn für ihn Heimat ist, meinte Marko: „Heimat ist dort, wo ich mich schäme. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen für die Gesellschaft, in der man lebt. Dann muss man sich auch mit den unschönen Dingen auseinandersetzen.“

Auch so kann Identität verstanden werden. Elona dreht allerdings den Spieß noch einmal völlig um: „Deutschland kann gar nicht anders, als auch Teile von uns anzunehmen. Früher als Kind habe ich mich so sehr geschämt. keinen deutschen Namen zu haben. Unterdessen hat sich aber so viel verändert. Interkulturell sein gehört einfach dazu. Ich kenne so viele Biodeutsche, die zwanghaft versuchen, sich anderen Kulturen anzugleichen, heute ist es total angesagt, dazuzugehören zu dieser Bubble. Deutsche wollen um jeden Preis kanackig sein. Da hat ein wahnsinniger Wandel stattgefunden. Ich fühle mich auch in meiner Diaspora heimisch, ganz gleich, ob die Menschen aus Bosnien, Serbien oder der Türkei sind - ich muss mich nicht definieren lassen, sondern ich kann mich selbst immer wieder neu definieren.“

Für beide ist anscheinend Heimat längst kein gegebener stiller Ort mehr. Vielmehr wollen sie mitgestalten, was ihre Heimat sein könnte.

Hier der gesamte Mitschnitt auf YouTube

Die Bücher der beiden Autor*innen

„Die guten Tage“ (Marko Dinić)

„und wir kamen jeden sommer“ (Elona Beqiraj)

Gedicht von Elonë Beqiraj
Gedicht von Elonë Beqiraj

Zwei Gedichte von Elona Beqiraj auf facebook

nächtliche träume
werden überbewertet
sie stehlen uns
lediglich

die stunden.

während
tagträume
uns unbemerkt
der kinder berauben.

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