Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Hanna Legatis bei der Moderation des Antirassismus-Workshops

Workshop im kargah-Haus

Rassistisch? Ich doch nicht!?

Am 17. Oktober begrüßte Hanna Legatis die Teilnehmenden. Es war eine von drei Einzelveranstaltungen mit inhaltlich gleicher Themenstellung.

  Jürgen Castendyk | 03.11.2020

Die Workshops entstanden als ein Projekt mit dem Flüchtlingshilfefond e. V. Julian Eslami gab als Vertreter der Geschäftsführung einen Einblick in das Leitbild von kargah. Alle 80 Projekt-Mitarbeiter*innen und 30 Ehrenamtlichen haben für ihre Arbeit die Vision eines friedlichen Zusammenlebens ohne Rassismus.

Ursprünge des Rassismus

Die Schauspielerin und frühere Redakteurin beim NDR, Hanna Legatis, schlug in ihrem theoretischen Eingangsreferat einen weiten Bogen zur Historie von Sklaverei und Rassismus. Seit Jahrtausenden sind beide Phänomene weltweit verbreitet. Mit der Entdeckung Amerikas begann für sie der europäische Kolonialismus und mit ihm die Versklavung von Menschen. Geschätzte 12 Millionen Afrikaner und Afrikanerinnen wurden als Sklaven nach Amerika verschifft. Zivilisierung durch Arbeit und die Bekehrung zum christlichen Glauben waren für Legatis die ideologisch besetzte Gründe für die Versklavung. Ende des 19. Jahrhunderts wurde begonnen, die Unmenschlichkeit auch wissenschaftlich zu legitimieren. Es entstand eine Rassentheorie, bei der die weiße Rasse natürlich als überlegen herausgestellt wurde. Die Überlegenheit wurde biologisch und anthropologisch begründet. Abgeleitet wurde daraus der Machtanspruch, Kolonien zu erobern und die Ureinwohner zu versklaven. Auch das Deutsche Reich wollte nach dem Sieg über Frankreich 1870/71 Kolonien in Afrika. Die deutsche Kolonialpolitik war nach Legatis genauso menschenfeindlich wie die der anderen europäischen Kolonialmächte. Ein Aufstand der Hereros und Namas im heutigen Namibia wurde von deutschen Kolonialtruppen niedergeschlagen. Geschätzte 64 Tausend Menschen wurden erschossen oder verdursteten in der Wüste. „Das war Völkermord aus rassistischen Motiven“, sagte Legatis dazu. Die Bundesrepublik hat zwar Ausgleichszahlungen für die Hinterbliebenen gezahlt, aber sich für das Verbrechen bisher nicht offiziell entschuldigt.

Die Nazis übernahmen die Rassentheorie als offizielle Politik und fügten als weiteres das Instrument die Rassenhygiene hinzu. Um zukünftig „rassenreine“ Generationen in Deutschland aufwachsen zu lassen, sollte unerwünschtes Erbgut von minderwertigen „Untermenschen“ vernichtet werden. Um dieses perverse Ziel zu erreichen, starben durch den Holocaust Millionen von Menschen in Konzentrationslagern.

Obgleich es wissenschaftlich bewiesen ist, dass die Wiege der Menschheit in Afrika stand und das Genom des modernen Menschen weltweit gleich ist, wird wieder in Europa rassistisches Gedankengut verbreitet. Es richtet sich nun gegen Flüchtlinge und Migrant*innen. In Deutschland wird von der AfD gesprochen über eine „Umvolkung“ durch Einwanderung.

Rassismus im Alltag

Besonderes Augenmerk richtete Legatis auf die Mikroaggressionen im Alltag. Eine andere Hautfarbe, eine andere Sprache, ein anderer Habitus oder Gestus und eine andere Religion führen zu Ablehnungen, im schlimmsten Fall zu Hass gegenüber Einwanderern. Dieser alltägliche Rassismus gegenüber Flüchtlingen und Migrant*innen wird verstärkt durch rechtsradikale Gruppen und deren Äußerungen in den sozialen Medien. Einen strukturellen Rassismus gibt es nach Meinung von Legatis bei der Polizei (Racial Profiling) und durch rechtsradikale Netze in Sondereinheiten der Bundeswehr.

„Niemand wird als Rassist geboren. Rassismus wird erlernt und kann durch Wissen auch wieder verändert werden“. Das waren zentralen Aussagen von Legatis. Vergiftete Informationen müssten dabei erkannt und bekämpft werden. Selbst unreflektierte Geschichten könnten den Menschen die Würde nehmen. „Rassismus bei mir? Ich doch nicht.“ Dieser Abwehr widersprach Legatis. Spuren von Rassismus sind häufig unerkannt in unseren Emotionen zu finden. Deshalb ist es für Legatis wichtig, mit Empathie fremde Menschen neu kennenzulernen. Dazu gehört, Frisur, Kleidung, Stimme, Sprache, Gebräuche und Rituale erst einmal unvoreingenommen zu akzeptieren und nicht mit einem Gefühl der Überlegenheit zu bewerten.

Besuch in der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem
Besuch in der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem
Besuch in der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem
Besuch in der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem

Exkursion zur Mahn- und Gedenkstätte Ahlem

Nach kurzer Diskussion stiegen die Teilnehmenden in einen Bus und fuhren in die Mahn- und Gedenkstätte für die ehemalige Israelitische Gartenbauschule nach Ahlem. Da der Samstag im Judentum der Sabbat ist, also ein Feiertag, konnte das Museum der Gedenkstätte nicht besucht werden. Hanna Legatis erläuterte im Außengelände die Entwicklung und Bedeutung der Bildungseinrichtung für junge Juden - nicht nur aus dem Raum Hannover. Viele kamen aus eingewanderten Familien aus Osteuropa. Von 1893 bis 1919 war es eine Israelitische Erziehungsanstalt in Internatsform mit 100 Ausbildungsplätzen. Es wurde in den Bereichen Gartenbau, Landwirtschaft und Handwerk ausgebildet. Ab 1900 kam der Hauswirtschaftsbereich für Mädchen hinzu. Dafür wurde ein eigenen Haus gebaut. Unbenannt wurde die Einrichtung im Jahr 1919 in Israelitische Gartenbauschule Ahlem. Von 1933 bis 1942 blieb die Schule von den Nazis relativ unbehelligt, da die Jungen und Mädchen für die Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden. Nachdem die Schule 1942 von den Nazis geschlossen wurde, diente das Gelände als zentralen Sammelstelle von Juden aus den Regierungsbezirken Hannover und Hildesheim. Über zweitausend Juden wurden vom Bahnhof Linden-Fischerdorf in die Konzentrationslager in Osteuropa deportiert und später ermordet. Von 1943 bis 1945 war die Gartenbauschule Gestapo-Dienststelle und -gefängnis. Über tausend Zwangsarbeiter*innen und Kriegsgefangene wurden inhaftiert, denen Verfehlungen zur Last gelegt wurden. Die „Laubhütte“ als Veranstaltungsort für das jüdische Laubhüttenfest wurde umgebaut als Hinrichtungsort von Gefangenen. Daran erinnern 59 Gedenktäfelchen mit den bekannten Namen der Ermordeten in einem überdachten Arkadengang. Seit 1987 ist die Gartenbauschule eine Mahn- und Gedenkstätte. Nach dem Umbau und der Erweiterung durch ein Museum wird dort seit 2014 die Geschichte des Ortes sowie die der Einwohner jüdischen Glaubens der Stadt Hannover und der Region Hannover dokumentiert.

Das Carl-Peters-Denkmal auf dem Bertha-von-Suttner-Platz, Hannover
Das Carl-Peters-Denkmal auf dem Bertha-von-Suttner-Platz, Hannover
Das Carl-Peters-Denkmal auf dem Bertha-von-Suttner-Platz, Hannover
Das Carl-Peters-Denkmal auf dem Bertha-von-Suttner-Platz, Hannover

Kolonialdenkmal für Carl Peters (1856 bis 1918) in der Südstadt

Legatis gab vor dem Denkmal einen Überblick über Peters´ Biografie. Der promovierte Philosoph arbeitete als Publizist, Kolonialist und Afrikareisender mit stark rassistischer Einstellung. Er gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Das Deutsche Reich übernahm die unmittelbare Kontrolle über die Kolonie und Peters wurde 1891 zum Reichskommissar für das Gebiet um den Kilimandscharo ernannt. Seine Amtsführung war durch Grausamkeit gegenüber den Afrikaner*innen und die willkürliche Anwendung der Todesstrafe gekennzeichnet. Das führte zu einer unehrenhaften Entlassung aus seinem Amt. Während der Nazizeit wurde Peters als ein „geistiger Vater“ des Nationalsozialismus wiederentdeckt und vielfach geehrt. Der Gedenkstein in Hannover steht auf dem ehemaligen Carl-Peters-Platz. Als Beteiligte erläuterte Legatis den Jahrzehnte langen Kampf einer Bürgerinitiative für die Umbenennung es Platzes und die Entfernung des Denkmals. Es kam zu einem Kompromiss: Der Platz wurde nach der deutschen Pazifistin Bertha von Suttner umbenannt. Das Denkmal erhielt eine erklärende Tafel auf der aber trotzdem das Wort „Rasse“ verwendet wurde. Zur Zeit ist das Wort weiß übermalt.

Schlussfolgerungen

Zurück im kargah-Haus, gab es eine Abschlussdiskussion. Die Veranstaltung wurde von den Teilnehmenden als „absolut gelungen“ angesehen. Es wurde vorgeschlagen, im gesamten Bildungssystem die Politische Bildung auszubauen, um den alltäglichen Rassismus zu bekämpfen. Stadtreisen sollten verstärkt Exkursionen zum Rassismus und Kolonialismus anbieten. Unterstützt wurde die Forderung von NGOs und Migrantenselbstorganisationen, im Grundgesetz, Artikel 3 (Gleichheit vor dem Gesetz), Absatz 3, das Wort „Rasse“ zu ersetzen.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover