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Klavierspieler

Ein neues Decammerone?

PHASE 5. DIE MUSIK

Was für eine Rolle hat die Musik in dieser Coronazeit gespielt?

  Daniela Lepri | 29.10.2020

[…] begannen sie […] auch selber zu singen, und das Tal, das stets dasselbe Lied sang wie sie, im Widerhall mit Ihnen.
(Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Übers. Albert Wesselski. Bd.2. Leipzig:Insel, 1912, Seite 297)

Der Klang der Stille

Die unglaubliche Stille, die plötzlich Straßen, Plätze und Gassen der Städte auf der ganzen Welt während des Lockdowns im Frühling gefüllt hat, hat einen Bedarf an Geräusche, an Töne, an Lebenszeichen geweckt. Die ersten Betroffenen der Pandemie in Europa waren die Italiener, die bekannterweise ein lautes und musikaffines Volk sind. So ist es auch kein Wunder, dass meine Landsleute, gleich am Anfang des Lockdowns, sich in den sozialen Medien zu regelmäßigen musikalischen Flash-Mobs verabredet haben. Abends haben sich die Leute auf den Balkon begeben und Lieder gesungen. Eines der ersten Lieder, das spontan Symbol für die Bekämpfung der Stille wurde, war das Lied Fai rumore (auf Deutsch: ‚Mach Lärm‘) vom Sänger Diodato. Der Song hatte gerade im Februar den berühmtesten Musikwettbewerb Italiens gewonnen, wurde schnell sehr populär und erzählt von einer Liebesbeziehung, die auseinander gegangen ist. In seinem Refrain, der dann lauthals mitgesungen wurde, geht es um das spürbare Vermissen der Partnerin, bei dem eine Leere und eine Stille entstehen, die nur mit dem Lärm der Vermissten zu ertragen sind.

Musik ist eine Waffe, gegen die Einsamkeit, gegen die Verzweiflung, gegen die Angst.

Das gemeinsame Singen wurde in kurzer Zeit so populär, dass wenig später eine nationale Initiative entstanden ist. Alle Radiosender, öffentlich wie privat, haben dann gleichzeitig berühmte Lieder gestrahlt, die zur musikalischen Tradition Italiens gehören. Dabei, unter anderem, Nel blu dipinto di blu/Volare, Azzurro. Sogar die Nationalhymne hat einen Platz in dieser Hitparade der Lieder für Italien gefunden. Ich habe die Lieder mitgesungen und dadurch kein patriotisches Gefühl in mir gespürt, aber ich habe mich in dem Moment tief mit meinen Landsleuten verbunden gefühlt. Tausende von Kilometern entfernt, durch das Radio, durch die Musik.

Musik bringt Menschen zusammen, Musik fördert die Zusammengehörigkeit.

Am Ostersonntag singt dann der berühmte Weltstar-Tenor Andrea Bocelli kirchliche Musik in dem leeren Mailänder Dom für die Initiative Music for Hope. Am Ende des Konzerts steht er ganz allein vor den gotischen Bauten und stimmt Amazing Grace ein. In dem Video wirkt der leere Platz, wo sonst immer was los ist, surreal. Die Stimme hebt sich und unterstreicht, traurig, die Luftaufnahmen von den leeren Straßen erst von Mailand, dann von Florenz, Venedig, Rom; danach ist aber Paris zu sehen und dann London, New York. Die ganze Welt ist in einer wüstenartigen Leere erstarrt. Nur die warme Stimme des Tenors, mit ihrer anmutigen Klarheit, begleitet die Gedanken, wirkt wie eine Umarmung. Es ist nicht die Stunde des Belcantos, sondern der Empathie, des Mitgefühls.

Musik spendet Trost, setzt Zeichen der Anteilnahme.

Knapp eine Woche später, als es allen klar wird, was für eine Dimension die Pandemie erreicht hat und was für einen wichtigen Job Mediziner und Krankenpersonal leisten, sind wieder Musiker die Protagonisten einer Initiative der Weltgesundheitsorganisation. Pop-Ikone Lady Gaga organisiert das Live-Streaming Event One World Together at Home mit, um den COVID-19 Solidaritätsfond zu unterstützen. Junge Neulinge auf der Musikbühne aber auch alte Rocklegenden machen mit und verbinden sich virtuell, spielen und singen für ein ebenso virtuelles Publikum, gewähren Einblicke in ihren Wohnungen und fordern auf, für die WHO zu spenden. Die Musikbranche war schon immer Teil von einem riesen Business, sie hat sich aber auch immer wieder mit Spendenaktionen engagiert: in den 80er Jahre gegen den Hunger in Afrika oder in den 90er gegen AIDS.

Musik kann gesellschaftskritisch, politisch sein. Musik kann was bewirken.

Es gibt aber auch Musiker, die auf einer intimeren Weise was bewegen und nicht nur den Kontakt zu ihrem Publikum neu definieren, sondern vor allem einfach ihr Können ‚spenden‘ und allen Menschen zur Verfügung stellen. Wenn ein weltberühmter Pianist wie Igor Levit sich für die privateste aller Bühne entscheidet, nämlich sein Wohnzimmer, und 52 Konzerte zwischen März und Mai auf Twitter veranstaltet, macht er es nicht aus Eitelkeit. Das hat er gar nicht nötig. Deswegen sitzt er einfach mit Socken an seinem Klavier oder steht einmal kurz auf, vor laufender Kamera, um das Fenster zu schließen. Er führt das Stück ein, das er für den Abend ausgewählt hat, mit einfachen Worten, um jeden Menschen zu erreichen, der irgendwo vor einem Laptop oder Smartphone sitzt und sich auf so ein Geschenk freuen darf. Und dann spielt er, mit derselben Hingabe und Leidenschaft, mit denen er in dem Konzertsaal eines berühmten Theaters oder vor einem prominenten Publikum spielen würde.

Der Musik zuliebe. Weil es nicht um ihn, sondern um die Musik und die Liebe zur Musik geht. Um Levit selbst zu zitieren, der mit seinem virtuellen Publikum über das, wörtlich, Ungreifbares von Musik redet: „Musik ist frei. Sie gehört euch und mir.“

Musik ist demokratisch. Musik ist ein allgemeines Gut.

Berlin, Anfang September, auf dem Bebelplatz gibt es das kostenlose Open-Air Klassikkonzert Staatsoper für alle. Es herrschen Corona-Auflagen. Nur ein Bruch der vielen Sitzplätze darf belegt werden. Im Publikum sitzen berühmte Schauspieler und ganz normale Bürger, die meisten sind warm eingemummelt: der nordeuropäische Sommer wird bald einem kühlen Herbst weichen. Auf dem Programm steht als letztes die Neunte Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Fast haben wir es in diesem 2020 vergessen, dass das auch Beethoven-Jahr ist, seinen 250. Geburtstag. Der Chor steht, wegen Ansteckungsgefahr, nicht wie üblich auf der Bühne mit dem Orchester, sondern verteilt am Rande des Platzes links und rechts von den Sitzplätzen. Als aus dem letzten Satz die Hymne an die Freude ertönt und die Energie dieses Stück mit ihrer Gewalt den ganzen Platz erobert, weiß man, warum diese Sinfonie ein Meisterwerk der Musikgeschichte ist und sich überall auf der Welt großer Beliebtheit erfreut.

Musik ist Ausdruck unseres menschlichen Könnens.

Musik ist nur eine der vielen Formen der Kunst und Kunst ist, letztendlich, was uns gekennzeichnet, als Mensch, als Spezies auf diesem Planeten. Wir teilen unser Erbgut mit verschiedenen Lebewesen, aber Kunst gehört uns alleine, Kunst ist nur menschlich. Sie zeigt, in ihrer höchsten Form, was wir mit unserer Intelligenz und mit unserem Talent in der Lage sind zu kreieren, für alle. Selbst in den schwierigsten Zeiten, in den dunkelsten Stunden, in der tiefsten Stille. Die Coronazeit ist noch nicht vorbei. Wir wissen nicht, wie lange uns das Virus noch beschäftigen wird. Lass uns unsere menschlichen Fähigkeiten an das Beste in uns orientieren, nach dem Besten streben und nicht aufgeben.

Als Beethoven die Neunte Sinfonie komponierte, war er schon komplett taub.

Die Musik hat er nur in seinem Inneren gehört.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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