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frühjahrsputz

Ein neues Decamerone ?

PHASE 2. DIE RUHE

Frühjahrsputz

  Daniela Lepri | 09.10.2020

So sieh, wenn du zufrieden leben willst, niemals mehr in den Spiegel.

(Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Übers. Albert Wesselski. Bd.2. Leipzig:Insel, 1912, Seite 268)


Der Kaffee am frühen Morgen küsst mich wach und ich bin ihm dankbar. Der Nebel in meinen Gedanken vermischt sich mit seinem Dunst und verdampft mit jedem Schluck.

Was steht heute auf dem Plan? Schränke ausräumen. Seit über einer Woche bin ich – wie alle anderen im Land – zu Hause. Einem Virus haben wir das zu verdanken. Lockdown ist das neue Wort.

Ich mache die Fenster auf, alles ist still.

Nur die Vögel zwitschern, unbedarft, ungestört und wundern sich selber, wie laut ihre Stimme ist.

Kein Auto, kein Motorrad, kein Flugzeug ist zu hören. Wenn man jetzt ausgehen dürfte, würde man allein das Plätschern der Brunnen und das Rascheln des grünen Laubs, sogar das Reiben der frischen Blätter aneinander hören.

Es ist Frühling.

Komisch. Die Natur erwacht zu neuem Leben und das Leben, das wir kennen schläft ein.

Doch ich mag die Ruhe. Selbst diese Ruhe und diese Stille; von denen lasse ich mich gerne infizieren.

Ruhig einatmen, denken, ausatmen, denken.

Ausräumen, anschauen, sortieren. Wegwerfen. Behalten.

Ich steige auf die Leiter. Ganz oben auf dem Kleiderschrank finde ich Zeitungspapier, das ich vor ein paar Jahren als Staubfänger ausgelegt habe. Es hat seinen Zweck erfüllt. Feine Partikel werden aufgewirbelt und bilden eine kleine schimmernde Wolke in einem Lichtstreifen, als ich das Papier zu mir herziehe. Ich kann einen Niesanfall nicht verhindern. Das ist doch nur eine Allergie, oder? Niesen hat momentan nichts mehr Befreiendes in sich, eher was Beklemmendes.

Ich schau die vergilbten Seiten an. Kommunalpolitik, Stau auf der A2, Niederlage des örtlichen Hockey-Clubs. Wegwerfen.

In ein paar Jahren wird es spannend, die heutige Zeitung wiederzuentdecken. Pandemie. Hunderte von Toten. Weltmacht-Politiker, die die Ereignisse verharmlosen. Ob ich die neue Zeitung für die Nachwelt aufheben werde?

Weiter geht es mit den Schubfächern im Büro, da hat sich seit meinem letzten Umzug einiges angesammelt.

Alte Postkarten, Speichergeräte voller Erinnerungen an schöne Erlebnisse. Zeugen von Zeiten, in denen die Träume nur die Zukunft brauchten. Behalten.

Geburtstagswünsche von Menschen, die in einer Welt leben in der ich mal zu Hause war und die in kurzer Zeit aufgehört haben, Teil von meinem Leben zu sein, so wie ich von ihrem. Wegwerfen.

Kleine Bastelkunststücke, mit gekritzelten Herzchen und in krakeliger Schrift signiert. „Für meine Mama“ steht drauf. Als ‚Mama‘ noch ein Wort voller Lachen war und nicht mit genervten Unterton ausgesprochen wurde. Behalten. Fürs Ego.

Es ist schwerer als ich dachte. Ich mache lieber eine kleine Pause.

Dabei gehe ich kurz am Spiegel vorbei. Schon komisch, wenn man sich so unvermittelt anschaut. Ungeschminkt. Seit ein paar Tagen laufe ich so herum. Nicht einmal einen Kajal Strich. Man muss mutig sein, sich so anzuschauen.

Es sind aber nicht die neuen Falten, die ich akribisch aus der Nähe inspiziere und die - ich bin mir sicher - vor ein paar Wochen gar nicht da waren, die mich irritieren. Sondern dieses Unwohlgefühl, ohne Maske zu sein. Es ist nichts da, was man abends vor dem Bettgehen abwischen kann.

Nichts, dass mich von meinem eigenen Blick schützen kann.

Man muss den Blick im Spiegel schon aushalten können. Das ist nichts für schwache Nerven, vor allem Nerven in Corona-Zeiten.

Da ist noch der Unterschrank vom Buchregal.

Alte Versicherungsunterlagen, ein Autounfallbericht. Schleudertrauma. Ich kann mich ganz gut erinnern. Danach musste ich wochenlang einen Halskragen tragen. Es war schlimm. Meinen Kopf musste ich starr halten und ich durfte ihn nicht nach vorne neigen. Ich konnte nicht lesen und, viel schlimmer noch, nicht lernen.

Mit meiner besten Freundin habe ich damals philosophiert: nichts geschieht umsonst. So war ich ganz unfreiwillig zur Ruhe gezwungen, so hatte ich endlich mal Zeit nachzudenken. Darüber, was in meinem hektischen Leben - mit Vollzeitjob, Familie und Studium - nicht stimmte.

Ein Bruch, der Konsequenzen hatte.

Ich blättere durch die Unterlagen durch. Die Lektion habe ich gelernt.

Habe ich?

Wegwerfen.

Ich mache weiter und in den nächsten Stunden stapeln sich alte Fotokopien, gelöcherte Unterlagen, Zeitschriftabschnitte in den Ecken auf dem Fußboden.

Ich sortiere alles nochmal aus und mache drei Kartons voll, die ich bei der nächsten Gelegenheit entsorgen werde.

Ich bin müde. Es ist, als wäre ich nochmal umgezogen.

Es ist so viel mehr Platz da. Das macht mir fast Angst.

Womit werde ich meine Schränke und meine Schubfächer in den nächsten Jahren füllen?

Werde ich den Blick im Spiegel aushalten?

Ruhig einatmen, denken, ausatmen, denken.

Es ist Dämmerung. Es war ein anstrengender Tag. Alles ist still.

Jetzt brauche ich ein Glas Rotwein.

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