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Das Vorab-Weihnachtsgeschenk-Geschenk

Die Fettnäpfchen-Kolumne

Das Vorab-Weihnachtsgeschenk-Geschenk

Vom „richtigen“ Zeitpunkt, ein Geschenk zu öffnen

  Helga-Barbara Gundlach | 07.10.2020

Daniela ist als junge Erwachsene aus Italien nach Deutschland gekommen. Sie hatte bereits in Italien deutsche und englische Literatur- und Sprachwissenschaft studiert und kam daher in Deutschland ganz gut zurecht.

Weihnachten nahte. Die Festtage wollte sie bei ihrer Familie in Italien verbringen. Kurz vor ihrer Abreise besuchte sie ihren deutschen Verlobten und dessen Eltern. Von diesen bekam sie ein Weihnachtsgeschenk in die Hand gedrückt. Sie freut sich sehr und machte es sofort auf. Die zukünftigen Schwiegereltern, die eben noch so nett waren, schauten sie sprachlos an.

Was war passiert?

Daniela kannte es aus ihrer italienischen Heimat, dass man ein Geschenk sofort öffnet. Schließlich wollen alle sehen, wie sehr sich der oder die Beschenkte über das Geschenk freut.

Ihre „deutsch“ geprägten Schwiegereltern kannten das nicht. Sie würden ein Geschenk nie vor dem dafür gedachten Termin – also hier Weihnachten - öffnen. Manche denken auch, so etwas bringt Unglück. Oder es wirkt gierig. Die Schwiegereltern hatten extra etwas, das Daniela gut im Koffer transportieren kann, besorgt und erwartet, dass sie das Geschenk nach Italien mitnimmt, es dort zu Weihnachten öffnet und dann an sie denkt. Daher empfanden sie Danielas Verhalten irritierend und unhöflich.

Was hätte anders laufen können?

Daniela hatte zwar die deutsche Sprache gelernt und kam in Deutschland ganz gut zurecht. Das kann dazu verführen, dass man sich sicher fühlt. Doch Fettnäpfchen lauern überall. Daniela war noch nie in dieser Situation, dass sie in Deutschland ein Geschenk vor einem dafür bestimmten Tag erhält. Sie wusste auch nicht, dass es für das Öffnen kulturell geprägte unterschiedliche Verhaltensweisen geben könnte. Darum verhielt sich Daniela so, wie sie es kannte, für sie selbst ganz „normal“. Hätte sie über all das in der Situation nachgedacht, hätte sie sich erkundigen können, z. B.: „Oh, das ist ja eine schöne Überraschung! Danke. In Italien würde ich das jetzt sofort aufmachen, ich bin ja neugierig was drin ist. Und ihr wollt sicher auch erfahren, wie es mir gefällt. Macht ihr das hier eigentlich auch so?“

Ihre zukünftigen Schwiegereltern hätten vermutlich bei jemand, der/die erst ganz kurz in Deutschland ist, sich weniger über abweichendes Verhalten gewundert. Aber Daniela kannte sich doch vermeintlich ganz gut aus. Darum empfanden sie ihr Verhalten vermutlich so unhöflich. Auch sie gingen wie selbstverständlich von ihrer eigenen Kultur aus. Hätten sie darüber nachgedacht, hätten auch sie sich erkundigen können: „Das ist ja schön, dass dir unser Geschenk so gefällt. Aber sag mal, wieso hast du das jetzt schon aufgemacht? Es ist doch noch gar nicht Weihnachten. Ist das bei euch so üblich? Ach, das wussten wir gar nicht – na, wieder was gelernt!“

Solche zunächst peinlichen Situationen sollten möglichst als Lernchance verstanden werden – auf beiden Seiten. Etwas Selbstreflexion und gemeinsames Lachen helfen.

Daniela berät aktuell ehrenamtlich Kinder, die durch die Berufe ihrer Eltern ständig international unterwegs sind, wie sie in der neuen Umgebung besser zurechtkommen.

Was bedeutet "Fettnäpfchen"?

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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