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Tobias Huch_Kurdistan Buchcover

Buchbesprechung

Tobias Huch: „Kurdistan. Wie ein unterdrücktes Volk den Mittleren Osten stabilisiert.“

Der Journalist und Publizist ist Gründer der Hilfsorganisation Liberale Flüchtlingshilfe e. V.

  Jürgen Castendyk | 08.09.2020

Während des Krieges gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) organisierte und begleitete Huch Hilfslieferungen in den Nordirak. Sein Buch ist kein wissenschaftliches Werk. Es ist auch für Interessierte ohne besondere Vorkenntnisse gut lesbar und verständlich.

Huch wirft grundsätzliche Fragen auf: Gibt es überhaupt ein kurdisches Volk, mit einer gemeinsamen Geschichte, Sprache und Kultur? Woher stammen die Kurden? Was sind ihre Anliegen. Wie kann ein Volk, ohne einen eigenen Staat, den Mittleren Osten stabilisieren?

Die Kurden sind keine Türken

Huch schließt sich Wissenschaftlern an, welche die Meinung vertreten, die Vorfahren der Kurden siedelten schon seit Jahrtausenden im Gebiet zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris. Als gesichert gilt, die kulturellen Wurzeln liegen in den altindischen und altpersischen Zivilisationen. Die Kurden sind folglich ein sehr altes Volk, das lange vor den Türken in Mesopotamien lebte. Ethnische und kulturelle Verbindungen mit den Türken, die zu den Turkvölkern gehören, sind nicht nachweisbar. Diese kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit der Kurden wurden von den Sultanen des Osmanischen Reiches und den späteren Regierungen der Republik Türkei konsequent geleugnet. Die Türkei setzt alles daran, Bestrebungen der Kurden nach mehr Autonomie zu verhindern - auch mit Waffengewalt. „Die Herabwürdigung der Kurden in der Türkei [...] war Teil einer perfiden Strategie des türkischen Staates, die das Ziel verfolgte, den Kurden ihre Identität zu rauben [...] Bis heute leben Kurden in der Türkei nur dann unbehelligt, wenn sie sich als Türken ausgeben,“ fasst Huch zusammen.

Größeren Raum im Buch von Huch nimmt die jüngere Geschichte der Kurden ein. Sie beginnt nach dem Ersten Weltkrieg und daraus folgend mit dem Untergang des Osmanische Reiches. Für die Kurden wurden in den Verträgen zur Aufteilung des Reiches Versprechen auf ein selbstständiges Kurdistan gegeben und gebrochen. Die schlimmsten Auswirkungen für die Kurden hatte der vom Völkerbund ausgehandelte Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923. „Er bedeutete für sie den worst case. Sie wurden vollends übergangen. Von einem autonomen oder gar unabhängigen Kurdenstaat war nicht mehr die Rede,“ so formuliert es Huch.

Die Kurden leben verstreut im gesamten Mittleren Osten

Die geschätzten 27 Millionen Kurden, leben hauptsächlich als Minderheiten in den anatolischen Provinzen der Türkei, den autonomen Gebieten im Nordirak sowie in Nordsyrien in den Grenzgebieten zur Türkei. Ein kleineres Siedlungsgebiet gibt es im Iran an der Grenze zum Irak. Die Kurden gelten als größte Volksgruppe ohne eigenen Staat im Mittleren Osten. Ihre Bestrebungen, sich sowohl von der irakischen und der syrischen Seite loszulösen, wurden von den Machthabern beider Länder bislang unterdrückt. Blutige Auseinandersetzungen waren und sind die Folge.

Die PKK ist innerhalb der Kurden stark umstritten

Wenn in den letzten Jahrzehnten vom bewaffneten „Kurdenkonflikt“ die Rede war, ging es zumeist um Nordkurdistan in der Türkei. Die von dem Kurdenführer Abdullah Öcalan 1978 gegründete Kurdische Arbeiterpartei (PKK) verfolgte das Ziel, mit einem Guerillakrieg eine sozialistische Revolution zu erreichen und die Ausrufung eines kurdischen Staates innerhalb der Türkei voranzutreiben. Da die Unabhängigkeit mit einem Systemwechsel nach marxistischem Vorbild verbunden werden sollte, „blieb die PKK selbst innerhalb der kurdischen Bevölkerung stark umstritten. „Vor allem die anti-imperialistischen Ziele der PKK, mit denen eine Zerschlagung der traditionellen kurdischen Sozialstruktur mit ihren feudalen Clan-System verfolgt werden sollte, stießen auf Widerstand“, hebt Huch hervor.

Die autonome Region Kurdistan im Nordirak hat ein eigenes Landesparlament, eine eigene Regierung und sogar eine eigene Armee, die berühmten Peshmerga. Es waren diese Peshmerga, die als sogenannte „Bodentruppen“ der USA bei der Rückeroberung der von dem IS besetzten Gebiete im Nordirak eine entscheidende Rolle spielten. Die unkritische Heldengeschichte über die Peshmerga teilt Huch nicht. Sie hätten 2014 beim Vormarsch des IS die Minderheiten der Jesiden und Christen zunächst nicht beschützt. Huch vermutet eine ablehnende Haltung der Kurden gegenüber religiösen Minderheiten und folgert: „In solchen Momenten waren die Kurden leider nicht besser als ihre Feinde“.

Der Bruderkrieg der Kurden wirkt bis heute nach

Obgleich Huch mit den Kurden sympathisiert, kritisiert er ihre Uneinigkeit, insbesondere die Rivalitäten der beiden herrschenden Clans im Nordirak, die Familien Barzani und Talabani. Schon vor dem Beginn der Herrschaft Saddam Husseins konnten sich beide Familien nicht über ihre Herrschaftsgebiete einigen und schlossen Bündnisse gegeneinander mit Hussein, dem Iran, Syrien und den USA. Es kam Anfang der 70er Jahre zu bewaffneten Kämpfen. „Es war der Beginn eines blutigen Bruderkriegs, eines infighting, dessen Nachwirkungen den Kampf der Kurden um Einheit und Autonomie bis heute lähmen,“ stellt Huch ernüchternd fest. Auch die Rolle der Frauen wird von Huch kritisiert: „Aber von einer umfassenden gesellschaftlichen Emanzipation wird noch auf viele Generationen hinaus keine Rede sein.“

Kurdistan als Modell für den Mittleren Osten?

Trotz seiner Kritiken plädiert Huch in einem Resümee für eine Allianz der Kurden mit dem Westen: “Die Kurden könnten, mit Unterstützung des Westens, zu einem Vorbild der Aufklärung werden [...] wenn den Menschen des Mittleren Ostens in Gestalt Kurdistans das Modell einer modernen, toleranten Zivilgesellschaft vorgelebt wird [...]“ und fügt hinzu, „dies sind nicht die frommen, blauäugigen Träumereien eines kurdenbegeisterten Fantasten.“

Anmerkungen

Modellversuche für ein multiethnisches und multireligiöses Kurdistan mit demokratischen Strukturen gibt es bisher nur in den sogenannten Kantoren in Nordsyrien an der Grenze zur Türkei. Von den drei Kantonen ist Afrin von den Türken besetzt und Kobane wird von ihnen bedroht. Mit der dramatischen Situation der Kantone beschäftigt sich Huch aber nur am Rande. Er betont ständig die Eigenständigkeit der Kurden, verzichtet aber darauf, deren kulturelle Bedeutung in Bezug auf Musik, Literatur und Architektur zu beschreiben. Die im Untertitel erwähnte Erklärung, "wie ein unterdrücktes Volk den Mittleren Osten stabilisiert", bleibt unbeantwortet.

Trotz einiger Auslassungen ist das Buch informativ und lesenswert. Es kann zur Einführung in das Thema empfohlen werden.

Info: Tobias Huch: Kurdistan, Wie ein unterdrücktes Volk den Mittleren Osten stabilisiert, riva Verlag, München 2019, 224 Seiten, ca. 20,- Euro

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