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andersraum bei Faust

Andersraum im FAUST-Biergarten

Ein Sommerfest wird zur Agora

Das Queere Zentrum Andersraum nutzt in diesem Jahr sein Sommerfest, um ein öffentliches Gespräch mit den unterschiedlichsten Protagonist*innen über „das Neue Anders“ nach Corona zu führen.

  Claudia Ermel | 31.08.2020

„Reserviert“ ist in fetter Schrift auf jedem der Tische zu lesen, die im unmittelbaren Bereich vor der Bühne stehen. Wir haben uns vorher angemeldet. Also haben auch wir Anspruch auf einen davon. Immerhin sind nur 100 Personen zugelassen, wegen Corona.

Und die trudeln jetzt allmählich im FAUST Gretchen, dem beliebten Biergarten, ein. Mit Maske natürlich. Doch sobald sich die Community von Andersraum, ihre Gäste und zahleiche Interessierte am letzten Sonntagvormittag im August bei Kaffee und Kuchen vor der Bühne niedergelassen haben, fällt der Gesichtsschutz wieder. Jetzt erkennen wir die ersten, die wie magnetisch angezogen sich alle in dem Areal vor der Bühne sammeln. Eine wahrlich bunte Gesellschaft sitzt schließlich gespannt an den – liebevoll mit Blumensträußchen geschmückten-Tischen. Überraschend viele Gesichter aus der Politik ganz unterschiedlicher Parteien sind zu sehen. Die PARTEI scheint mit der gesamten hannoverschen Belegschaft gekommen zu sein. Einige von SPD, FDP und Grüne sind da. Außerdem sind Vertreter*innen aus der Kulturszene, ganz junge Engagierte, aber auch Ältere gekommen.

Der Pianist Elias spielt mit Mund-Nasenschutz
Der Pianist Elias spielt mit Mund-Nasenschutz

Die Infektionsschutzregeln sind auch hier und heute immer präsent. Die Mikrofone auf der Bühne tragen desinfizierte Schutzhüllen. Die Platzverteilung wird von allen sehr bedächtig gehandhabt, zu Unbekannten wird Abstand gehalten. Für alle Fans, die sich zur „Risikoguppe“ zählen, wird das gesamte Event per Videokamera aufgezeichnet. Immerhin.

„Ich fühle den Scheiß“

Zur Einstimmung spielt der Pianist Elias auf der Bühne die „Venezianische Gondel“ von Mendelssohn-Bartholdy. Sanft gleitet die ergreifende Musik der Gondel über die noch Eintreffenden, lässt die Gespräche verstummen. Die Agora kann beginnen. Elias liefert dann auch gleich den ersten Wortbeitrag auf der Bühne, die heute einmal mehr die Einheit in der Vielheit zeigen wird. Der Musiker erzählt, dass für ihn Herzschmerz und Romantik einfach dazugehören. Er spielt seit seinem 4. Lebensjahr Klavier. Die Venezianische Gondel gehört zu seinen Lieblingsstücken. „Ich fühle den Scheiß,“ sagt er.

Langsam füllt sich der Raum vor der Bühne
Langsam füllt sich der Raum vor der Bühne

Für ein neues „Besser“

Hannes, der heute die Veranstaltung moderiert, startet dann auch mit der Frage: „Was macht Corona mit uns? Viele sind ängstlich, einige verunsichert, manche sind wütend. So wütend, dass sie gleich den Reichstag stürmen. Ein bisschen Herzschmerz würde uns vielleicht allen guttun.“ Hannes, Corinna und Michael, ein Mit-Gründer von Andersraum, wollen heute gemeinsam mit Gästen aus der Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft ihren Verein als Fallstudie für eine Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der sozialen und aktivistischen Arbeit in Zeiten der Pandemie anbieten. Als Blaupause der demokratischen Mehrheitsgesellschaft sozusagen. Ihre Zielvorgabe ist dabei: Das „alte Normal“ kommt nicht wieder, das „neue Normal“ ist uns zu wenig. Wir wollen Innovationen und Kreativität für ein „neues Besser“.

Tobias Kunze
Tobias Kunzes Beitrag zum CSD
Tobias Kunze
Tobias Kunzes Beitrag zum CSD

„Corona kann uns nicht aufhalten“

Heute, beim Sommerfest zum einjährigen Bestehen des queeren Jugendzentrums QueerUnity erzählen Mitstreiter*innen aus unterschiedlichen Gruppen aus dem Andersraum über Erfahrungen und neue Wege und Formen der Begegnung. 22 Gruppen treffen sich derzeit digital oder auch mal ganz analog draußen im Park. Sie halten Zoom-Konferenzen ab, haben einen eigenen Blog, bieten Gesundheitsberatung online an. Gerade ist die Einrichtung eines Besuchsdienst für Menschen, die nicht mehr teilnehmen können, im Gespräch. Neue Ideen, Alternativen werden gesucht, Debatten werden angestoßen. „Corona kann uns nicht aufhalten“, sagt Corinna. Als das QueerUnity kürzlich durch homophobe Schmierereien verschandelt wurde, wurden die Betreiber mit Solidaritätsbekundungen und Hilfsangeboten überschüttet. „Der Hass verschwindet nicht mit Corona. Die AfD geht uns im Rat immer an. Sie sagen, dass es um Ideologie geht. Aber wir haben nichts mit Ideologie zu tun,“ meint Julian vom CSD-Team.

„Warum nicht künftig alles verbinden?“

Auch der Christopher Street Day (CSD) war dieses Jahr in den virtuellen Raum gedrängt worden. „2021 machen wir alles was geht. Und zur Not werfen wir alles wieder übern Haufen.“ Offline und Onlineaktionen, ein paar dezentrale „Läufe“ sind im Gespräch. „Warum sollen wir nicht alles verbinden?“ fragen die Engagierten. Seinen diesjährigen, etwas verspäteten Beitrag zum CSD kann der Poetry Slammer Tobias Kunze heute zumindest offline präsentieren. ´Du bist Du. Leave no one behind´, lautet seine Botschaft an alle.

Bei der Vielzahl und Vielfalt der Redebeiträge wurde vorab durch ein Losverfahren die Reihenfolge entschieden. Wie eine Perlenkette reihen sie sich jetzt hintereinander und Moderator Hannes sorgt immer dafür, dass jedem ein frisch übertütetes Mikro zur Verfügung steht. „Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so viele Leute gesehen habe“, erzählt Andersraum-Mitgründer Michael Schrader. Er beschreibt die Verunsicherung bei jeder geplanten Aktivität. „Können wir etwas machen? Wie hoch ist das Risiko, wenn wir etwas nicht machen?“ Doch die große Solidarität bei den Hassbotschaften am Gebäude von QuerUnity, dem neuen queeren Jugendzentrum, macht ihm viel Mut. „Auch hingehen, wenn es gerade mal nicht so gemütlich ist und schauen, was geht,“ ist sein Vorschlag.

Noam Bar
Eindrucksvolle Klänge von Noam Bar
Noam Bar
Eindrucksvolle Klänge von Noam Bar

Von Upcycling bis Tretboot fahren

Ab 31.8. ist QuerUnity wieder geöffnet. Vier Jugendliche erzählen auf dem Podium von ihrem neuen Treff: Ein wichtiger Platz für Jugendliche, die in der Gesellschaft Diskriminierung erfahren. Nach der vorübergehenden Schließung hat die Community viele neue Ideen entwickelt, Gruppentreffen möglichst im Freien abgehalten, über einen eigenen Server gechattet, ist Kanu und Tretboot gefahren. Vom bunten Sportangebot bis Upcycling-Workshop war alles dabei. Jetzt müssen nur noch die Küche und Toiletten komplettiert werden.

Der Verein Andersraum hat jedenfalls in der letzten Zeit einen erheblichen Mitgliederzuwachs erlebt. Die Vernetzungs- und Beratungsaktivitäten funktionieren jetzt online. „Wir werden immer besser“, sagt Corinna Weiler. Moderator Hannes hat es eingangs bereits auf den Punkt gebracht: Den Reichstag stürmen ist keine Option. Es gibt so viel Sinnvolleres zu bewegen.

Zwischen den Redebeiträgen sorgt Noam Bar für musikalische Abwechslung. Sie wird auch am 13.9. in der Glocksee ganz offline ein Konzert geben – draußen natürlich. Wegen Corona.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover