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Mariwan Hussein

Portrait

Die beste Deutschschülerin ist ohne sicheren Aufenthalt

Mariwan ist ein echter "Überflieger" in den kargah Deutschkursen, ihre Punktergebnisse sind kaum zu toppen. Doch ihr Aufenthalt bleibt weiter unsicher.

  Claudia Ermel | 05.08.2020

Mariwan stammt aus dem Irak und lebt jetzt bereits seit mehr als zwei Jahren in Deutschland. Zuerst war ihre ganze Familie - Vater, Mutter, drei Brüder und eine Schwester - nach Deutschland gekommen. Die im Irak vom IS verfolgten Jesiden hatten die gefährliche Reise per Boot über das Mittelmeer gewagt. Mariwan, die etwas später auf Umwegen folgte, war dann unglücklicherweise über Polen in die Europäische Union eingereist. Diese Situation kennen unterdessen viele Geflüchtete in Europa. Die Erstregistrierung zählt, in das Erstaufnahmeland kann die geflüchtete Person wieder abgeschoben werden. sobald keine Aufenthaltsgenehmigung mehr besteht. Deshalb hat Mariwan bisher auch immer noch keinen Integrationskurs verordnet bekommen - nach über zwei Jahren. Bis vor kurzem musste die Jezidin von ihrer Familie mit ´durchgefüttert' werden. Jetzt hat die junge Frau wenigstens einen sechsmonatigen Aufenthalt genehmigt bekommen und erhält Sozialhilfe. Für eine weitere Klärung ihres Status wird sie anwaltliche Beratung benötigen, erzählt sie.

Den Deutschunterricht bei kargah e.V. besucht die ehemalige Grundschullehrerin nun bereits seit zwei Jahren. Fleißig und sehr engagiert absolvierte die Sprachschülerin die jeweiligen Kurse A1, A2 und B1. Als wegen Corona von April bis August kein Präsenzunterricht mehr stattfand, schickte ihre Lehrerin Inas Karim ihr die jeweiligen Aufgaben per Whatsapp. Die letzte Sprachprüfung am 3. Juli wurde also von den Lernenden unter erschwerten Bedingungen vorbereitet. Sämtliche Prüfungen fanden anschließend immer bei der Diyalog Schule statt, Mariwan hat sie trotz aller Widrigkeiten jeweils mit höchsten Punktzahlen bestanden. "Ich bin sehr glücklich, dass ich bei kargah meinen Deutschunterricht absolviert habe. Meine Verwandten, die in anderen Kursen Deutsch gelernt haben, zum Beispiel meine Cousinen,sind fast alle durchgefallen," erzählt die Musterschülerin.

Sprachen lernen gehört allerdings auch zu Mariwans Leidenschaften. Im Irak hat sie immerhin als Englischlehrerin gearbeitet und könnte sich vorstellen, jetzt in Deutschland vielleicht als Englischlehrerin für Ausländer zu arbeiten. Arabischlehrerin oder Erzieherin in einer Einrichtung zur Kinderbetreuung wäre auch eine Möglichkeit, meint sie. Im Irak hat Mariwan ja bereits jahrelang als Grundschullehrerin gearbeitet.

Falls jetzt aber erst einmal die Jobsuche erfolglos bleibt, freut sich das Sprachgenie bereits auf den nächsten Deutschkurs bei kargah e.V. Zum Sprachkurs der Stufe B2 bei Elvira Koop hat sie sich jedenfalls schon angemeldet. "Wir sind wie eine Familie in den Kursen. Wenn ich eine Prüfung bestehe, freue ich mich natürlich, aber ich bin immer auch ein wenig traurig, weil dann der Kurs ja endet."

Die Teilnehmer*innen der Sprachkurse sind bunt gemischt. Die verschiedensten Nationalitäten reden dort miteinander Deutsch. Doch auch "Überfliegerin" Mariwan gibt zu, dass sie mehr mit deutschen Muttersprachler*innen reden muss, um noch perfekter zu werden. Die Sprachlehrerin Inas Karim erzählt, dass dies allerdings noch immer bei vielen Schüler*innen ein Problem sei. Auch die zahlreichen niedrigschwelligen Angebote von kargah e.V. oder anderen Organisationen zu kulturellen oder alltäglichen Themen würden viel zu wenig wahrgenommen. " Sie gehen da einfach nicht hin", erzählt sie. "Und wenn die Sprachlehrer*innen ein paar Aktionen einfach mal als Pflichtveranstaltung verordnen, um Gespräche mit deutschen Muttersprachler*innen zu initiieren?" Zu diesem Vorschlag lacht Inas, aber vielleicht finden sich irgendwann Lösungen, um auch diese Brücke zu schlagen.

Foto: Martin Tönnies

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