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Kommentar

Sind wir noch zu retten?

Während eine Ethikinitiative in Hannover sich Sorgen um die Psyche der Jugend macht, rotten sich in Berlin Tausende zur maskenlosen Demo zusammen.

  Claudia Ermel | 02.08.2020

Eine Ethikinitiative in Hannover mahnt jetzt die verheerenden Folgen der strengen Maßnahmen in der Pandemie an. Mit der alles entschuldigenden Begründung: Während ‚Corona‘ sei vieles bewahrt (Gesundheit), aber auch wichtiges zerstört (soziales Miteinander) worden, sagen die Mitglieder. Nun sei es höchste Zeit für mehr Achtsamkeit. Mehr Achtsamkeit gegenüber ganz jungen und ganz alten Menschen, benachteiligten und ungesicherten Existenzen, vor allen Dingen aber auch gegenüber der gebeutelten Gesamtgesellschaft. Das elfköpfige Gremium setzt sich aus Theologen, Philosophen, Ärzten und auch Landtagsabgeordneten zusammen. Sie wollen erreichen, dass die Sicht von Bürger*innen bei den Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise stärker berücksichtigt wird. Einen ersten Schwerpunkt will das Team bei Kindern und Jugendlichen setzen. Jener Generation sagt die Ethikinitiative bereits eine Zukunft voraus, in der sie noch lange die Folgen des Lockdowns zu spüren bekommt.

Chancen erkennen

Endlich machen sich die ersten „Influenzer“ auch mal Sorgen. Oder sehen diese besorgten Wortführer*innen aus Politik und Gesellschaft alles zu negativ? Manche Menschen beschwören ja derzeit geradezu die großartigen Chancen der einsetzenden Veränderungen, glauben an die Vernunft der Menschheit, an eine bessere Zukunft, sehen Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und Solidarität auf dem Vormarsch. Doch wie „ticken“ die meisten Menschen wirklich?

In Berlin haben dieses Wochenende Tausende in einem Demonstrationszug gegen die Corona-Maßnahmen protestiert. In den sozialen Medien wurde zu „Tagen der Freiheit“ aufgerufen. Die Polizei ging am Nachmittag von rund 15.000 Teilnehmer*innen aus. Trotz steigender Infektionszahlen machten sich die Demonstrant*innen für ein Ende aller Auflagen stark. Nach Polizeiangaben wurden dabei die Hygienevorgaben wie Abstand und Mund-Nasen-Schutz nicht eingehalten.

Auch in anderen größeren Städten wie Frankfurt oder Stuttgart wurden Aufrufe zum „Ungehorsam“ verkündet. Von distanzlosen Party-Exzessen über Maskenverweigerung bis hin zu wilden, illegalen Raves in England wird berichtet. Rufe nach "Freiheit" und "Widerstand" werden gerade in vielen Städten laut. – Während Umwelt- und Klimaaktivist*innen unbeirrt ihre nachhaltigen Projekte vorantreiben. Nun eben mit Distanz und Masken, sie hoffen einfach auf die Vernunft der Menschen.

Pro und Contra Distanz

Die Welt scheint zweigeteilt wie Ying und Yang. Wobei die Pessimist*innen gerade immer lauter werden. Denn „die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen infolge der Corona-Pandemie gelten mittlerweile als schärfste Wirtschaftskrise nach Ende des Zweiten Weltkriegs.“ Auch mahnen Fachleute vor einer endgültigen Verödung der Innenstädte. Hierzu schreibt der SPIEGEL: "Sterbende Innenstädte in der Coronakrise. Wenn wir jetzt nichts tun, ist die Party vorbei! Die Coronakrise lässt die ohnehin kriselnden deutschen Innenstädte veröden. Stadtforscher Thomas Krüger fordert die Bürgermeister auf, die Zentren diverser zu gestalten."

Vorwärts nach Weit?

Ist jetzt also endlich die Zeit für ein - zugegebenermaßen etwas brutales - "Abschneiden der alten Zöpfe" gekommen? Gerade die junge Generation erfindet und entdeckt ihre Welt immer wieder neu. So entstehen bereits seit Beginn der Pandemie neue (alte) Formate, wie die Hannoverschen Autokonzerte, ZOOM-Workshops oder am 21. August der MachtWorte Poetry Slam im Park mit Kopfhörern, die vorab desinfiziert und kostenlos verteilt werden.

Die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt sowie der Kulturentwicklungsplan für Hannover stehen jetzt ganz unerwarteten neuen Voraussetzungen gegenüber, genau wie der Lokale Integrationsplan LIP2.0. Alles gilt es gerade, 'neu zu justieren'.

"Im Kollaps der Clubkultur, wie wir ihn derzeit erleben, spiegelt sich der Kollaps einer Globalisierung, die Menschen eben auch dabei helfen konnte, sich aus den Repressionen, der kulturellen und politischen Enge ihrer Heimatländer zu befreien." (DIE ZEIT) Ein weiterer Fallstrick der Krise für die ohnehin benachteiligten jugendlichen Geflüchteten, denen gerade auch durch das Homeschooling der Zugang zur Bildung erschwert wird.

Mit partizipativen Ansätzen durch die Krise

Die neue niedersächsische Ethikinitative in Hannover plant nun, junge Menschen durch ihre Initiativen und Organisationen (wie fridays for future) gezielt anzusprechen, um ihnen Gehör und Mitspracherecht zu verschaffen. Die Jugend wird immerhin die nachhaltigsten Folgen aktueller Entscheidungen zu tragen haben, sagen sie.

Da jüngere Menschen im Denken und Handeln oft besonders beweglich und erfindungsreich sind, sehen wir einer spannenden Zukunft entgegen. Vorausgesetzt, wir lassen endlich alle Generationen und alle Kulturen unsere Gesellschaft mitgestalten. Dann retten wir uns nämlich ganz demokratisch gemeinsam.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover