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theater und Politik

Interview

Theater und Politik als Weg zur Integration

Das aktuelle Buch von Amalia Sdroulia und Christiane Lemke erklärt, warum
Theater ein "lebendiges Verhältnis zur Demokratie“ vermitteln kann. Ein Interview mit den Autorinnen.

  Claudia Ermel | 03.06.2020

Amalia Sdroulia und Christiane Lemke, Euer erstes gemeinsames Buch wird in Kürze veröffentlicht. Es handelt von Theater und politischer Bildung und von der Integration junger Menschen. Stellt Ihr Euch bitte beide kurz zu Beginn des Interviews vor?

Amalia: Ich bin Dozentin für Deutsch im Fachsprachenzentrum der Leibniz Universität Hannover, freie Dozentin für Deutsch als Fremd-und Zweitsprache, Theaterpädadogin und Autorin. Ich habe an unterschiedlichen Universitäten und Hochschulen in Deutschland, Leibniz Universität Hannover, Stiftung Universität Hildesheim, Technische Universität Chemnitz, Universität Koblenz, Pädagogische Hoschule Schwäbisch Gmünd und Hochschule Harz unterrichtet und geforscht. Zu meinen Schwerpunkten gehören Sprache, Politik, Theater und Medien.

Ich studierte in Griechenland Journalismus, in Deutschland Germanistik und Politische Wissenschaft. Ich promovierte als Stipendiatin der Onassis-Stiftung in der Germanistischen Sprachwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover. Prof. Christiane Lemke war die Betreuerin meiner Magisterarbeit über das Thema „Frauen in der Politik“. So haben wir uns kennengelernt.

Christiane: Ich bin Professorin für Politikwissenschaft an der Leibniz Universität Hannover, wo ich Internationale Politik lehre. Zu meinen Schwerpunkten gehören europäische Politik und die transatlantischen Beziehungen; ich bin mehrfach in den USA gewesen und habe dort auch in New York, Boston und Chapel Hill unterrichtet. Dort habe ich auch das politische Theater kennen gelernt. In unserem Buch haben wir so auch einen Artikel mit aufnehmen können, den eine Projektmitarbeiterin, die als Gaststudentin in Hannover war, über ihre Erfahrungen im afroamerikanischen Theaterspiel geschrieben hat. Unter anderem hat sie dort an einem Theaterstück über Polizeigewalt mitgespielt.

Amalia Sdroulia
Amalia Sdroulia
Amalia Sdroulia
Amalia Sdroulia

Was hat jede von Euch beiden ganz persönlich dazu bewegt, die Thematik Eures neuen Buches eingehender zu behandeln?

Amalia: Ich hatte mit meinem Projekt: „Die Sprache auf die Bühne bringen“ im Rahmen des 9. Ideenwettbewerbs des GFZ (Gesellschaftsfonds Zusammenleben) einen Preis gewonnen. Ich habe mich immer in meinen Deutschsprachkursen viel mit Migrant*innen beschäftigt. Bei den Arbeiten mit Geflüchteten und Migrant*innen, die schon länger hier leben, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die jungen Menschen immer wieder sehr politisch waren. Wir diskutierten auch häufig und schrieben gemeinsam Ideen und Gedanken auf. Viele, die aus nicht-demokratischen Ländern stammten, sind ja aus politischen Gründen nach Europa gekommen. Ich erkannte: Diese Menschen brauchen eine Möglichkeit, sich politisch zu äußern, die deutsche Sprache zu lernen, um sich in Deutschland zu intergrieren „Theater und Politik – Ein lebendiges Verhältnis zur Demokratie“ war dann der Arbeitstitel des nächsten Buchprojekts, das ich gemeinsam mit Christiane Lemke plante.

Christiane: In meinen Vorlesungen zur Einführung in die internationale Politik behandele ich jedes Jahr Themen der Friedens- und Konfliktforschung, darunter auch die Problematik von Krieg, Flucht, und internationaler Migration. In meinen Seminaren und Vorlesungen habe ich auch häufig Studierende mit Migrationshintergrund aus Kriegs- und Krisengebieten, so dass ich mich schon länger mit dem Thema beschäftigt habe. Amalia hat den Anstoß zu dem gemeinsamen Projekt gegeben, da sie schon ein anderes Projekt zum Spracherwerb über das Theaterspielen durchgeführt hatte. Sie war die Initiatorin und Ideengeberin für unser gemeinsames Projekt.

Wieso heißt das Buch Theater und Politik als Weg zur Integration ? Diese beiden Bereiche gehören ja nicht unbedingt zusammen.

Christiane: Theater ist ja eine sehr kreative und schöpferische Form, sich mit bewegenden, kontroversen und schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Die Integration einer großen Zahl von Geflüchteten und Migrant*innen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind und hier Zuflucht suchen, ist so ein großes und zugleich schwieriges gesellschaftliches Thema. Wir wollten in dem Projekt zeigen, dass man über das Theaterspielen die Integration fördern kann, indem junge Leute zusammenkommen, die sich über die gemeinsame Arbeit am Theaterstück kennen und besser verstehen lernen und sich über politische Themen austauschen. Die Ausschreibung der Landeshauptstadt Hannover im Rahmen des Lokalen Integrationsplans hat uns dann ermöglicht, mit den Mitteln aus dem Gesellschaftsfond Zusammenleben das Projekt zu realisieren.

Amalia: Ich hatte in Griechenland schon in der Schule immer wieder vermittelt bekommen, dass Theater bereits zu Aristoteles‘ Zeiten ein Ort war, wo sich Menschen demokratisiert haben. Bei dem Theaterprojekt „Die Insel“ wurde die Auseinandersetzung unter den Mitspielenden auch oft gleich sehr politisch. Aus diesem Projekt habe ich sehr viel mitgenommen. Diesmal war ich mittendrin, weil ich den Lernprozess durch Theater miterleben und reflektieren wollte. Denn ich hatte gleichzeitig die Leiterrolle und eine Spielerrolle.

Richtig, Du hast dich ja zwischenzeitlich auch noch im Theaterbereich weitergebildet.

Amalia: Genau, ich habe mich in der Theaterpädagogik an der Leibniz Universität Hannover weitergebildet. Unter den 12 Schauspieler*innen im Theaterstück „Die Insel“ waren dann auch drei deutsche Studierende, der Rest waren Flüchtlinge und Migrant*innen. Die Ansichten der Einzelnen über das Leben in Deutschland waren sehr unterschiedlich. Meine Interviews in dem Buch, die ich anschließend mit ihnen geführt habe, zeigen viele verschiedene Sichtweisen auf das gesellschaftspolitische Leben und die sprachliche und politische Integration hier.

Christiane Lemke
Christiane Lemke
Christiane Lemke
Christiane Lemke

Wie habt Ihr beide unter Euch die Arbeit aufgeteilt?

Amalia: Während des gesamten Entstehungsprozesses haben wir uns immer wieder über verschiedene Themen und Passagen des Buches ausgetauscht. Als Professorin hat Christiane ja ganz andere Arbeitsschwerpunkte als ich, daher war die ständige Auseinandersetzung über die Inhalte des Buches sehr wertvoll und effektiv.

Christiane: Amalia hat vor allem den praktischen Teil des Theaterspielens betreut; sie war ja zugleich Projektleiterin und Mitspielerin. Sie hat auch die Interviews mit den Spieler*innen durchgeführt. Ich habe als Projektleiterin die organisatorische und finanzielle Seite über unsere Universität in der Hand gehabt. Das Konzept des Buches haben wir gemeinsam entwickelt und uns auch beim Schreiben des Manuskriptes gut ergänzt.

Wie lange habt Ihr an dem Buch gearbeitet?

Amalia: Von August 2018 bis Mai 2019. Insgesamt waren es neun Monate. Wir konnten uns oft nicht persönlich treffen, Christiane war zwischenzeitlich auch einige Wochen zum Forschungsaufenthalt in den USA.

Christiane: Wir haben uns während des Schreibprozesses immer wieder Emails mit den entsprechenden Kapiteln geschickt, diese gegenseitig korrigiert und dann gemeinsam fertig gestellt.

Wer ist denn Eure Zielgruppe? An wen richtet sich das Buch?

Amalia: An Lehrer, Dozenten an der Uni, Theaterpädagogen, aber auch an Institutionen und Vereine, die sich mit dem Thema politische Bildung beschäftigen, auch an die Medien, Studierende, Schüler und Pädagogen, alle könnten erfahren, dass Politik auch etwas Schönes und Positives sein kann. Ein Zitat von Platon in seinem Werk Politeia sagt: “Politik heißt die Beteiligung an der Gesellschaft, um etwas Gutes zu erreichen.“ Metaphorisch sozusagen aus dem Schlechten etwas Gutes machen.

Politik also theatralisch unterrichten?

Amalia: Ja, Politik lernen mit mehr Spaß und Gefühl. Ich nenne es „Theater mit allen Sinnen“. Viele sagen „Politik ist eigentlich sehr langweilig.“ In unserem Theaterprojekt haben wir zusammen Texte gelesen, gemeinsam reflektiert, in Gruppen geschrieben. Und dann wollten wir das Ganze auf die Bühne bringen. Das hat allen sehr viel Spaß gemacht. Einige Teilnehmer*innen haben hinterher gesagt: „Das kann man doch mit allen Fächern so machen.“ Und durch die Sprechübungen, das oftmalige Wiederholen von Texten, verbesserten sie auch gleich nebenbei ihre Sprachkompetenz.

Christiane: Es ist eine Methode, um politische Themen zu bearbeiten. Sicher nicht die einzigste, denn Politikwissen erfordert auch andere Aneignungsformen. Aus unserer Sicht ist es aber eine besonders kreative und innovative Methode.

Und in den Interviews für das Buch haben sich die Mitspielenden aus dem Projekt geäußert?

Amalia: Genau, das sind alles Mitspielende. Teilweise waren die einzelnen noch stark traumatisiert von dem, was sie in ihrer Heimat erlebt hatten. Ich habe am Anfang nur Notizen von den Theaterproben gemacht. Ich merkte schnell, dass die jungen Menschen immer wieder sehr politisch wurden. Dann habe ich sie in Interviews befragt. Die Antworten fielen ganz unterschiedlich aus. Von „Hier ist das Paradies, ich habe kein Problem mit den Deutschen,“ bis zu „Hier werde ich niemals richtig anerkannt.“ Es sind starke Kontraste, auch die Biografien sind ja ganz unterschiedlich.

Und wie war es mit den hier geborenen deutschen Studierenden?

Amalia: Nachdem sie sich mit der Gruppe getroffen haben, haben sie eine ganz andere Empathie entwickelt, erzählten sie im Interview. Jetzt können sie die anderen viel besser verstehen und reflektieren. Die Selbst- und die Fremdwahrnehmung hat sich verändert.

Christiane: Wir arbeiten ja im Theaterspiel mit der biografischen Methode, d. h. die eigenen Erfahrungen sind der Ausgangspunkt für das Stück, das dann auf der Bühne aufgeführt wurde. Uns war es wichtig, dass wir auch die Erfahrungen der Mitspielenden mit Integration in der Gesellschaft und ihr politisches Interesse ermitteln und festhalten. Dazu haben wir dann die Interviews durchgeführt.

Wie wollt Ihr mit dem Buch denn Eure Leser erreichen? Plant Ihr auch Lesungen zu geben?

Amalia: Bisher wollte der Verlag nur ein paar Zeitschriften- und Medienvorschläge, um die Nachricht über die Veröffentlichung des Buches zu streuen. Das mit der Lesung ist aber eine gute Idee.

Christiane: Wir würden gern Lesungen veranstalten, auch um andere Lehrende im Bildungbereich zu ermutigen, kreative Formen des Lernens zu erproben und die Integration auch aktiv, durch das gemeinsame Spielen von Menschen aus unterschiedlichen Kultur- und Sprachkreisen zu fördern. Wir haben das Projekt auf der Homepage des Instituts für Politische Wissenschaft beschrieben und werden dort auch nach dem Erscheinen das Buch ankündigen.

Amalia, ist das wieder der gleiche Verlag wie bei deinem Buch „Die Sprache auf die Bühne bringen?“

Amalia: Ja genau, es ist der Tectum-Verlag. Das Buchprojekt wurde übrigens ebenfalls aus dem Gesellschaftsfonds Zusammenleben der Landeshauptstadt Hannover gefördert. Hier der Link zum Buch..

Text zur Premiere von "Die Insel"

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