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Taxi

Erzählung

Freitag um 22:30 Uhr

  M. Puya | 25.03.2020

Ein Funkauftrag, Dauerkunde; Frau Krombacher. Sie kennt mich schon und auf die drei Standardfragen – wie heißen Sie, woher kommen Sie, wollen Sie hier bleiben? – habe ich ihr bereits geantwortet. Als ich ankam, stand sie draußen vor ihrem Haus. Sie ist eine sehr nette junge Frau. Heute sah sie aber besonderes festlich aus. Sie kam schnell ins Taxi, sagte sehr freundlich hallo und machte es sich auf dem Vordersitz gemütlich. „Lieber Ali, bitte schnell zu U25. Heute ist viel los und ich weiß nicht, ob ich rein komme.“ U25 war ein beliebter Technoclub. Ich fuhr los und sie beschäftigte sich mit ihrem Handy. An den Wochenenden haben wir als Nachtfahrer häufig um diese Zeit viel zu tun, obwohl der Hauptstress noch später, gegen 2:00 Uhr, anfängt, wenn die Fahrgäste stärker alkoholisiert sind. Frau Krombacher war immer höflich, auch wenn sie betrunken war. Heute war sie aber ein bisschen aufgeregt und kontrollierte ständig etwas auf ihrem Handy. Dann betrachtete sie mich eine Weile nachdenklich, als ob sie etwas wichtiges fragen wollte. „Alles klar?“, fragte ich sie. „Na klar“, antwortete sie und lächelte. „Und bei ihnen?“ „Bei mir wie immer, Arbeit, Arbeit, Arbeit“ antwortete ich und wir fuhren in Richtung U25. „Ich wollte sie mal fragen, haben sie in der Nacht keine Angst?“ Sie schaute mich neugierig an. „Wenn ich Angst hätte, könnte ich diesen Job nicht weitermachen. Wie ist es bei ihnen, haben Sie manchmal Angst?“Sie lächelte erst und sagte dann ernsthaft: „Manchmal schon, ich mache mir Gedanken um die Zukunft. Ich möchte nicht, dass unsere Zukunft noch unruhiger wird. In den letzten Jahren kamen viele Flüchtlinge nach Deutschlandund die Konservativen und die Rassisten versuchen, die Lage auszunutzen.“ Ein bisschen Angst konnte ich in ihrer Stimme spüren.“Ich glaube nicht, dass die schlimmen Nazis eine Chance haben, um noch mal an die Macht zu kommen“, sagte ich und schaute sie an. „Wissen Sie, wie viele Flüchtlinge es auf der Welt gibt? Das sind über 70 Millionen. Wie viele Geflüchtete gibt es in Deutschland?

Eine Million. In einem der reichsten Länder der Welt können eine Million gefährlich werden?“„Natürlich nicht, aber die Zahl kann schon Unruhe verursachen.“ Sie schaute ihre Augen und Lippen im Spiegel näher und genauer an. Wir waren fast am Ziel und unser Gespräch war noch nicht zu Ende. Vor dem Club standen paar Hundert Menschen in der Schlange und fast alle waren festlich und bunt gekleidet. Es sah nach einem interessanten Abend aus. Ich versuchte, an einer ruhigen Ecke anzuhalten, um noch kurz unser Gespräch zu Ende bringen. „Wissen sie was für ein Elend manche von diesen Flüchtlingen durchmachen, bis sie es hierher schaffen?“ fragte ich sie. „Können sie sich vorstellen, dass manche von den Eltern ein Kind opfern, um den Rest der Familie zu retten?“ Sie wurde nachdenklich und suchte erstaunt nach einer Antwort. „Wie meinen Sie das, ein Kind opfern?“ „Zum Beispiel, eine fünfköpfige Familie in einer Flüchtlingsunterkunft hat wenigGeld und ist unsicher, wie sie weiterkommen kann.“ „Und dann? Erzählen sie bitte weiter.“Ich wusste, dass die ganze Wahrheit für sie unerträglich sein würde, daher versuchte ich, ihr von der ein wenig verharmlosten Realität zu erzählen: „Es gibt eine Mafia für Organe der Menschen, die den Flüchtlingen ein grausames Geschäft anbietet.“„Was für ein Geschäft?“„Die Händler sagen den Eltern: „Wollt ihr weiterkommen können? Dafür gibt es eine Lösung!“„Und die wäre?“„Sie machen ihnen ein Angebot, welches die Eltern nicht einfach finden, dem sie aber vielleicht zustimmen, ein kriminelles Angebot.“„Was für eines?“„Ein Kind wird wegen seiner Organe gekauft, damit der Rest der Familie genug Geld bekommt, um ins friedliche Ausland gehen und Asyl beantragen zu können. Das haben manche Mütter erlebt“.

Ihr Gesicht wurde nach und nach sehr traurig und sie hatte keine Eile mehr auszusteigen, wahrscheinlich war ihr der Abend verdorben. Ich glaube, das war zu viel an schlechten Informationen für sie, vielleicht hätte ich die Klappe halten sollen, damit sie ihren Abend genießen konnte. Anderseits: Ist es nicht besser, auch die harten Seiten des Lebens zu kennen?

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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