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Intersektionalismus

Full House im kargah-Haus am Weltfrauentag

"Wie wir Feminismus im Jahr 2020 diversitätsgerechter und inklusiver gestalten können," war das Thema des Vortrags von Leyla Ercan auf der Veranstaltung am 8. März bei kargah.

  Claudia Ermel | 09.03.2020

Foto: Dina Cavcic von kargah e.V. (links) und Leyla Ercan


„Der Corona-Virus ist ja in Hannover noch gar nicht angekommen,“ sagte die Theater- und Medienpädagogin Parisa Hussein-Nejad zu mir, als wir uns am Weltfrauentag bei kargah e.V. mit einer Umarmung begrüßten. Die gut besuchte Veranstaltung erweckte auch nicht den Eindruck, als ließen sich engagierte Frauen durch irgendetwas von ihrer Zusammenkunft abhalten.

„Ankommen“ war auch das Thema der begleitenden Ausstellung, in der Frauen aus ganz unterschiedlichen Ländern berichten, wie und ob sie in Deutschland angekommen sind. Die Mitarbeiterinnen von SUANA befragten hierfür Frauen, die erst vor kurzem - und andere, die schon vor Jahren - in ihrer neuen Heimat Deutschland angekommen sind. Auf großen gerahmten Tableaus kamen die Befragten hier selbst zu Wort, denn „Wir sollten endlich aufhören, nur „über“ anstatt „mit“ Betroffenen zu reden“, meinte auch Leyla Ercan – Agentin für Diversität im Staatstheater in ihrem Vortrag vor den ca. 50 Frauen mit ganz unterschiedlichen Lebens- und Sozialisationsgeschichten.

Das Thema "Hanau" betrifft alle

Leyla Ercan begann ihren Vortrag „Wie wir Frauenrechte und Feminismus im Jahre 2020 diversitätsgerechter und inklusiver gestalten können“ überraschenderweise mit einem kleinen Diskurs über den Anschlag in Hanau. An dem Beispiel der Berichterstattung der öffentlichen Medien erläuterte sie, dass unter den Opfern viele ganz unterschiedliche, jedoch unerwähnte, Individuen mit Migrationsgeschichte waren. Sie berichtete schließlich von Mercedes Kierpacz, die als junge Romafrau die marginalisierteste der Marginalisierten war. Leyla Ercans Thema an diesem Weltfrauentag war die Mehrfachdiskriminisierung, - auch genannt Intersektionalität - und die Notwendigkeit der Solidarität aller benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft. Der klassische Feminismus wird, so Ercan, überwiegend von einer bildungsbürgergeprägten Klientel kommuniziert und politisiert. Sie erzählte von weißen, durch chauvinistische Sozialisation geprägten Akademikerinnen, die sich auszudrücken wissen und die immer nur ihre eigene Person als Maßstab voraussetzen. „Wir sind emphatisch für die, die Ähnliches wie wir selbst erleben. Intersektionaler Feminismus muss sich mit Mehrfachbetroffenheiten auseinandersetzen.“ Wobei sie klarmachte, dass Sexismus und Rassismus miteinander verwoben sind, und dass der Kampf nicht mehr auf das „reine Frausein“ begrenzt werden kann. Als Beispiel nannte sie die hohe Vergewaltigungsrate bei behinderten Frauen in Massenunterkünften. Feminsmus solle sich auch immer mit sozialen Fragen beschäftigen. Der klassische Feminismus habe aber gerade die sozialen Fragen nur am Rande thematisiert. Spannend würde es, wenn nun auch geflüchtete Frauen an den Unis sind. Ein Paradigmenwechsel entwickele sich derzeit auf vielen Ebenen unserer westlich geprägten Gesellschaft, die im ständigen Wandel ist.

Wann sind wir endlich gleichberechtigt?

"Spannend" wurde es auch bei der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde. Gleich die erste Wortmeldung mit: „Was ist der Weg? Wann werden wir endlich völlig gleichberechtigt sein, wann werden wir es erreichen?“ lieferte einen ausgezeichneten Einstieg. Gleich mehrere Frauen fanden Beispiele negativer sowie positiver Realitäten. „Das Patriarchat vereinnahmt immer wieder, was wir erreicht haben, uns bleibt nur, weiter zu kämpfen. Aber es tut sich auch was: Weg vom Ein-Punkt-Feminismus. Wir müssen uns solidarisieren,“ meinte Leyla Ercan. Dass sich zwischenzeitlich zwar vieles verbessert, einiges aber auch wieder verschlechtert habe, erfuhr das Publikum. Doch die junge Generation mache auch Hoffnung auf Veränderung. Allianzen und Mitwirken der Männer als neue Entwicklung biete dem Feminismus eine ganz neue Perspektive.

„Oh je, jetzt muss ich schon bei jungen Männern um die 30 fragen, ob sie Kinder bekommen wollen.“ (Dieses Zitat eines Personalchefs in Sachen Elternzeit brachte eine Teilnehmerin ein.)

Feminismus kennt keine Religion

Zur Frage der Vereinbarkeit von Religion und Feminismus gab es mehreren Sichtweisen und Meinungen. Da der Islam derzeit besonders im Fokus der öffentlichen Meinung steht, betonte Leyla Ercan, dass „Frauen mit Kopftuch“ doppelt diskriminiert sind. „Wir lehnen den Islam ab, aber wir stigmatisieren die Frauen, die sich zurückziehen, weil sie nicht gewünscht sind.“

Im Bezug auf den Islam, aber auch auf andere Religionen, wurde von einigen geäußert, dass es ja auch milde, gemäßigte Mischformen gäbe. Zumindest die letzte Rednerin zu diesem Thema („Ich bin deutsch, katholisch, bayrisch,“) verkündete, dass sämtliche Hochreligionen keine Visionen für Frauen übrig haben. Soviel zum Thema Feminismus, Patriarchat und Religion. Einig war sich frau zu diesem Thema jedenfalls nicht.

Zum Ausklang des Weltfrauentags zogen die Teilnehmerinnen gemeinsam in die FAUST Warenannahme, wo sie ein Music Act des Duo Einklang erwartete.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover