Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Deutschland schafft mich

Buchempfehlung

"Deutschland schafft mich" von Michel Abdollahi

„Früher waren die Rassisten noch ehrlich. Heute binden sie dir eine Karotte vor die Nase und lassen dich im Kreis laufen.“

  Claudia Ermel | 06.03.2020

Bereits seit seinem fünften Lebensjahr lebt der in Teheran geborene Michel Abdollahi in Deutschland. Die Höhen und Tiefen der deutschen Migrations- und Ausländerpolitik erlebte er seit 1986 hautnah mit. Als Journalist, Fernsehmoderator und Mitbegründer der Veranstaltungsreihe „Kampf der Künste“ stand er immer wieder als „Vorzeigemigrant“ im Fokus der Medien. Seit dem Jahr 2000 gilt er auch in der Poetry Slam Szene als Koryphäe. Michel Abdollahi war also Zeit seines Lebens immer ganz nah dran am Leben der Migrantinnen und Migranten, immer selbst betroffen durch seine Herkunft. Nachdem der engagierte Journalist und Autor in der jüngsten Vergangenheit mit wachsender Besorgnis das erneute Aufkeimen von Hass und Ablehnung registrierte, wurde es für ihn jetzt "höchste Zeit" für dieses Buch.

In „Deutschland schafft mich“ schildert Abdollahi den Wandel der deutschen Gesellschaft von einer weltoffenen, fremden Kulturen zugwandten Gemeinschaft zu einer brandgefährlichen, verrohenden Gruppe von Hass-Brandstiftern. Er beschreibt, wie sich gerade eine Neue Rechte durch fortwährende Anpassung an Zeitgeist und politische Entwicklungen entfaltet. Spätestens seit Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ 2010 auf dem Markt erschien, begann laut Abdollahi die schleichende Verschiebung der Grenzen des Sagbaren. Die Umgangsformen wurden nicht zuletzt durch das Aufblühen der Sozialen Medien und die dadurch mögliche Anonymität hemmungslos bis brutal. Doch auch im wirklichen Leben beobachtete er die allmähliche Spaltung innerhalb unserer Gesellschaft.

Teilhabe gar nicht erwünscht?

„Als die Migranten ihre Gästerolle verließen und anfingen, an diesem gemeinsamen Leben teilzunehmen, wurden sie insbesondere für die Rechten zur Bedrohung. Eine aktive Rolle hatte man für die »Gäste« nämlich nicht vorgesehen. Wenn sie denn schon da sein mussten, dann bitte möglichst unsichtbar. Dabei haben die Migranten in den letzten Jahren eigentlich nur genau das getan, was Politik und Öffentlichkeit von ihnen im Grunde schon immer gefordert hatten: Sie verließen ihr Schattendasein am Rande der Gesellschaft und fingen damit an, sich aktiv mit ihr zu verweben. Es gibt dafür ein Wort: »Integration«.“ Dass dabei noch immer eine hinreichende Lobby für migrantische Organisationen und auch Einzelne fehlt, lässt Abdollahi nicht unerwähnt.

Dass zudem in der deutschen Gesellschaft dieser Integration immer wieder „Stöcke zwischen die Beine“ geworfen werden, belegt der Autor mit vielen Beispielen von selbst erlebten, ihm erzählten oder öffentlich bekannten Gegebenheiten. Und Abdollahi berichtet von der immer wieder aufkeimenden Islamophobie, der Angst der Biodeutschen (im AfD-Jargon gern Ethnodeutsche genannt) vor Überfremdung, vor allem Unbekannten, vor Flüchtlingen, vor ungebremstem Moscheenbau,vor Zerstörung der deutschen Kultur und Sprache…

Alles nur Einzeltäter

Gleichzeitig zeichnet der Autor eine erschreckende Zeitleiste all der rassistischen „Einzeltaten“, die von den NSU-Morden über brennende Flüchtlingsheime, Anschläge auf jüdische Einrichtungen bis hin zu Morddrohungen gegen Politiker in den sozialen Medien geht. Dass es nicht immer "nur" bei Drohnungen blieb, wissen wir aus der jüngsten Vergangenheit.

Die Erkenntnis, dass sich die Lage gerade immer weiter zuspitzt, hat nicht nur Michel Abdollahi gewonnen. Besorgte und verängstigte Menschen mit Migrationsgeschichte, die sich nach jahrelangem friedlichen Leben in Deutschland plötzlich nicht mehr sicher fühlen, wenden sich immer häufiger mit ihren Sorgen an den Autor. Auch darüber berichtet er in seinem Buch. Denn die Neue Rechte entwickelt sich immer stärker, wie er besorgt anmerkt. Sie wächst mitten in dieser derzeit für diffuse Ängste und Sorgen allzu empfänglichen Gesellschaft. “Möglich wurde dies durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, technischen Fortschritt, schlafende Politik, gesellschaftliche Ignoranz und unvorhersehbare weltpolitischen Ereignissen. Der bleibende Schaden an der Gesellschaft ist enorm. Fast grenzt es an ein Wunder, dass in dieser aufgeladenen Stimmung nicht noch viel mehr und viel Schlimmeres passiert ist“, meint Abdollahi.

Der Autor macht in seinen Schilderungen immer wieder klar, dass Politik und Medien einen immens wichtigen Anteil am gesellschaftlichen Diskurs haben. Gerade diesen beiden beteiligten Parteien dürfte der Erhalt von Demokratie und Meinungsfreiheit doch gleichermaßen am Herzen liegen, und sei es nur aus Eigennutz. Abdollahi macht an vielen Beispielen deutlich, wie perfide bei uns Ausgrenzung und „verdeckter“ Rassismus funktionieren - auch durch die Medien. Ihm ist klar, dass es keine einfache Lösung geben kann.Vielleicht wäre ein erster Ansatz, dass möglichst viele Menschen erst einmal sein Buch lesen.

Michel Abdollahi „Deutschland schafft mich“ Verlag Hoffmann und Campe ISBN 978-3-455-00893-7

Demnächst auch in der kargah-Bibliothek

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover