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Buchbesprechung

Buchbesprechung

"Langsame Jahre" von Fernando Aramburu

Im Roman „Langsame Jahre“ von Fernando Aramburu erzählt ein Junge seine Familiengeschichte in San Sebastian in den 60er Jahren. Der Terror der baskischen ETA hat schon begonnen.

  Jürgen Castendyk | 24.02.2020

Der Autor, 1959 in San Sebastian geboren, studierte in Saragossa spanische Philologie. Er lebt seit 1984 in Hannover.

Zuerst arbeitete er als Spanischlehrer. Seit 2009 verfasst Aramburu ausschließlich Bücher sowie Beiträge für spanische Zeitungen. Vor allem sein Roman „Patria“ war in Spanien ein Bestseller. Aramburu erhielt dafür wichtige Literaturpreise. Der Roman beschreibt zwei junge Familien, die in ihr Dorf im Baskenland zurückkehren. Bei der einen Familie gibt es Opfer durch Anschläge der baskischen Untergrundorganisation ETA. Die andere Familie stammt aus dem Täterkreis der ETA. Es geht um Verstrickungen und die Aufarbeitung der Gewalterfahrungen. Aramburu stellt die in Spanien umstrittene Frage, ob nach der Selbstauflösung der ETA im Jahr 2012 eine Aussöhnung zwischen Tätern und Opfern möglich ist.

Der Roman „Langsame Jahre“ behandelt im Rahmen einer Familiengeschichte die Anfänge der ETA in San Sebastian. Eine Mutter aus einem Dorf in der Nachbarprovinz Navarro kann nach dem Fortgang des Vaters ihre vier Kinder nicht mehr ernähren. Sie schickt ihren jüngsten Sohn, acht Jahre alt, per Bus mit einem Koffer und einem Karton mit zwei lebenden Hühnern zu ihrer Schwester nach San Sebastian. Es ist das Jahr 1968. In einem Arbeitervorort erwartet den Sohn eine typisch baskische Familie aus jener Zeit. Die Tante, genannt Maripuy, hat das Sagen. Der Onkel Visentico kriegt den Mund nicht auf und hält sich aus allen Konflikten heraus. Da ist noch die Cousine Mari Nieves, siebzehn Jahre alt, wie ihre Mutter mit einem streitsüchtigen Charakter, mollig, ausgestattet mit einem maßlosen sinnlichen Appetit. Gerüchte besagen, sie treibt es gerne heimlich mit Jungen. Sie streitet sich ständig mit der Mutter, um nach der Arbeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Cousin Julen, über zwanzig Jahre alt, arbeitet, wie sein Vater, in einer Fabrik. Er spielt den Macho und sympathisiert als baskischer Patriot mit der ETA.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Priester in der nächstgelegenen Kirche, Don Victoriano, der die Messe fast ausschließlich in Euskera hält. Das ist die baskische Sprache, die keine Gemeinsamkeiten mit dem Spanischen hat. Er wandert gerne mit den jungen Männern des Viertels in den Bergen und schwört sie dabei ein auf die Einzigartigkeit der baskischen Kultur. Die Spanier verachtet er, insbesondere den Diktator Franco, der bei seinem jährlichen Besuch in San Sebastian von der Bevölkerung bejubelt wird. Das sind die wichtigsten Personen im Mikrokosmos von Txiki, wie Julen seinen Cousin aus Navarro auf Baskisch nennt, obgleich in der Familie sonst niemand Baskisch sprechen kann.

Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: Txiki beschreibt dem Autor seine Erinnerungen, damit der daraus einen Roman machen kann. Der Autor notiert in gesonderten Notaten seine Reflexionen über die Aussagen des Jungen und prüft, inwieweit sie glaubhaft sind und mit welchen Änderungen sie in den Roman einfließen können. Das ist ein geschickter Kunstgriff von Aramburu, durch den Leser*innen an der Entstehung des Romans teilnehmen können.

Der Roman endet mit zwei Schlusskapiteln. Im Kapitel „Ein Schluss“ erzählt der Junge noch eine Geschichte, die ihm wichtig ist. Es geht um Julen, der als Mitglied der ETA nach Frankreich flüchtet, plötzlich aber wieder in San Sebastian auftaucht. Erstaunlicherweise wird er von der Polizei nicht verhaftet. Deshalb hält ihn die Nachbarschaft für einen Polizeispitzel. Da die soziale Ablehnung unhaltbar wird, heuert Julen auf einem Frachter an und findet schließlich in Brasilien eine neue Heimat.

In „Ein anderer Schluss“ erzählt Txiki über ein Drama bei seinen Verwandten. Mari Nieves wird schwanger, weiß aber nicht, wer der Vater ihres Kindes ist. Um Schande von der Familie abzuwenden, wird sie gegen ihren Willen durch ihre Mutter mit Chacho verheiratet. Das neugeborene Kind mit Namen Julia ist schwer behindert und bringt das Leben der Familie durch ständige Schreikrämpfe zur Verzweiflung. Maripuy beschließt, dem Kind nicht mehr zu helfen. Es stirbt. Die Trauer der Familie hält sich in Grenzen. Don Victoriano bezweifelt die Umstände des Todes von Julia. Dafür erhält er auf der Straße von Maripuy eine schallende Ohrfeige. Dadurch wird Maripuy im Viertel berühmt.

Txiki macht Abitur in San Sebstian und kehrt zu seiner Mutter in sein Heimatdorf in Navarra zurück, um eine Lehre zu beginnen. Für das Studium fehlt das Geld. Dann kommt die unvorhergesehene Wende: Julen hat vor seiner Einschiffung nach Südamerika Maripuy für Txiki eine größere Summe für ein Studium hinterlassen.

Durch die beiden unterschiedlichen Schlusskapitel bleibt offen, ob Txiki zugleich der Autor der Langsamen Jahre ist. Wenn ja, wäre der Roman eine Biografie über die Jugendzeit von Fernando Aramburu, aber aus unterschiedlichen Phasen seines Lebens betrachtet. Es bleibt dem Leser oder der Leserin überlassen, das Rätsel zu lösen.

Die Literaturgruppe von Welt-in-Hannover.de empfiehlt das Buch, weil Aramburu ein großartiger, weil einfühlsamer Erzähler ist. Die erst mal gewöhnungsbedürftigen Notate des Autors erhöhen die Aufmerksamkeit über verschiedene Blickwinkel auf die Personen und ihre Schicksale in einer Familie.

Info: Fernando Aramburu: Langsame Jahre, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019; Preis: 20 Euro

Interview mit dem Autoren in Hannover

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