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Willkommenstext Zweibrücken News

Zeitung Zweibrücken News

„Wir wollen auch etwas sagen"

Flüchtlinge schreiben für Flüchtlinge und andere Interessierte

  Anja Lutz | Abdulrahman Afif | 12.02.2018

Einige Mitglieder der Redaktion von Welt in Hannover waren am 16. Februar 2017 in den Redaktionsräumen der „Zweibrücken-News“ zu Gast. Wir waren neugierig auf die MacherInnen der Zeitung und wollten Genaueres über die Entstehungsgeschichte, die Arbeit der Redaktion und zu einzelnen Themen aus der Weihnachts-Ausgabe erfahren. Diese hatte uns ein Kollege gezeigt und da wir die Initiative klasse finden, fuhren wir ins dortige „Café der Begegnung“, um die RedakteurInnen zu treffen.

Besuch bei der Zweibrücken-News Team
Herr Erfanian und Olivier N. (Erster und Zweiter von links)
Besuch bei der Zweibrücken-News Team
Herr Erfanian und Olivier N. (Erster und Zweiter von links)

In Kirchrode organisieren sich Zeitungsmacher in einer Flüchtlingsunterkunft

Das Café befindet sich in den Räumen der Kirchröder Flüchtlingsunterkunft Zweibrückener Straße, in der zurzeit ca. 125 Geflüchtete wohnen. Träger der Einrichtung ist die European Homecare GmbH. Die Arbeit an der „Zweibrücken-News“ wird von der Heimleitung und verschiedenen Ehrenamtlichen unterstützt. Die Redaktion besitzt keine eigenen Räume und auch keine PCs vor Ort. Sie trifft sich im Café, es wird vereinbart, was zu tun ist, die Aufgaben werden verteilt. Die RedakteurInnen schicken sich die Texte per Mail zu und treffen sich zur Schlussredaktion wieder im Café. Wenn besprochen wurde, welche Texte und Fotos genommen werden, geht die Zeitung in den Druck.

Die erste Ausgabe der „Zweibrücken-News“ vom Oktober 2016 hatte eine Auflage von 50 Exemplaren in Papierform sowie eine Online-Version, die im Heim und der Umgebung verteilt wurden. Der Druck wurde privat getragen. Für die nächsten Ausgaben haben mehrere UnterstützerInnen Hilfe zugesagt: Der Inhaber eines Supermarktes in der Nähe wird eine Anzeige schalten und die Verteilung der Zeitung unterstützen. Der kargah e. V. wird einen Teil der Druck-Auflage übernehmen und die Redaktion von Welt in Hannover freut sich auf weitere Zusammenarbeit.

Anlass: Die Silvesternacht 2015 in Köln

Die Zeitung „Zweibrücken-News“ gibt es seit Oktober 2016. Ideengeber ist Herr Erfanian, ein belesener älterer Herr, der vor zwei Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen und ein Bewohner der Unterkunft ist. Nach den Ereignissen von Köln in der Silvesternacht 2015 beobachtete Herr Erfanian, dass die Stimmung in Deutschland umschlug. Er sah, dass viel über die Flüchtlinge geschrieben wurde, doch es war ihm ein großes Anliegen, „auch etwas sagen und selbst schreiben zu können“. So entstand die Idee, eine Heim-Zeitung zu machen.

Konzept der Zeitung

Die Zeitung ist dazu gedacht, den Bewohnern ihr neues Wohn- und Betreuungs-Umfeld näher zu bringen und den Austausch untereinander fördern. Die bisherigen Ausgaben der „Zweibrücken-News“ erschien in deutscher und englischer Sprache,
später soll auch Arabisch hinzukommen. Bei der Konzeption wurde bedacht, dass viele der Bewohner durch ihre Erfahrungen im Krieg/auf der Flucht traumatisiert sind und sich in einer psychischen Ausnahmesituation befinden. Viele der Bewohner kennen „die Presse“ als unfrei und
staatlich kontrolliert, also als eine Institution, der man nicht trauen kann. Es kann also sein, dass die Menschen, für die die Zeitung hauptsächlich gedacht ist, dieser zunächst ratlos, skeptisch oder misstrauisch gegenüberstehen. Die deutschen Sprachkenntnisse der BewohnerInnen sind sehr unterschiedlich, und es gibt Themen wie Berichte über die Herkunftsländer oder über religiöse Überzeugungen, die großes Konfliktpotential bergen. Daher konzentrieren sich die Artikel auf Informationen über das Leben in Deutschland, das Leben im Heim, auf
Portraits der BewohnerInnen des Heims und kleine Berichte über deren Aktivitäten. Ein anderer Schwerpunkt liegt auf Veranstaltungshinweisen und Informationen über neue gesetzliche Regelungen im Bereich Asylrecht.

Arbeit einzelner Redakteure

Olivier N. , Ruanda
Hier erzählt der Redakteur Olivier selbst über seine Aktivitäten: „Ich bin Fotograf und schreibe über verschiedene Themen. Ich bin ein Bewohner von hier und wir hatten im letzten Sommer einen Schwimmkurs und ich habe darüber geschrieben, wie das war. Es gab Menschen, die zum ersten Mal an einen Schwimmkurs teilgenommen hatten und sie hatten Angst, darüber habe ich geschrieben. Ich habe auch die Steckbriefe über die Menschen gemacht, mit denen wir zusammen wohnen.“

Gespräch Zweibrücken-News
Herr Erfanian erklärt etwas
Gespräch Zweibrücken-News
Herr Erfanian erklärt etwas

Herr Erfanian, Iran
„Die Sprache ist wichtig für mich, wichtiger als das Schreiben oder andere Aufgaben“, sagt Herr Erfanian. Der Redakteur hat für den Deutschkurs im Heim einen Text mit einfachen Fragen wie „Woher kommen Sie? Wie lange sind sie schon in Deutschland?“ geschrieben. Er stellt diese Fragen im Unterricht und Olivier macht Fotos der Portraitierten. Herr Erfanian hatte bereits im Iran Artikel verfasst, die aber nicht offiziell veröffentlicht werden konnten. Die Artikel orientierten sich an Legenden über Helden aus dem Epos „Shahnameh“ (ähnlich der „Ilias“ von Homer). Gegenwärtig erarbeitet Herr Erfanian neue Artikel, in denen er mit Zitaten arbeitet, die einen Bezug zum Zusammenleben haben, so beispielsweise ein Zitat von Gandhi: „Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken. Der Schwache kann nicht verzeihen“.

Außerdem ist Herr Erfanian Teil eines Sprachtandems. Seit vielen Monaten fährt er jeden Samstagvormittag zu Herrn Tilk. Herr Tilk ist 86 Jahre alt und der Vater einer Lehrerin aus dem Heim. Gemeinsam sprechen die Männer über „Gott und die Welt“. Herr Erfanian mag und schätzt seinen Gesprächspartner sehr: „Ich lerne dort sehr gut. Herr Tilk ist ein „echter Deutscher“. Er spricht grammatikalisch sehr gut und auch langsam, (so dass ich ihn gut verstehen kann)“. Beide Männer waren früher als Ingenieure tätig.

Steckbriefe der Bewohner
Eine andere Form von Portrait hat sich Olivier ausgedacht. Olivier: „Wir sind international, wir kommen aus unterschiedlichen Ländern. In den Steckbriefen geht es um „Meine Stadt“, wie und wo war mein Lieblingsort in meiner Stadt? Wie sieht das Schulsystem in meiner Heimat aus? Es geht nicht um positiv oder negativ. Es geht darum, was ich in meiner Jugend gemacht habe, welche Schule ich besucht habe. Es geht um meine Umgebung, wohin ich gerne mit meinen Freunden gegangen bin. Es geht auch um Traditionen: Welche traditionellen Feste feiern wir in unserem Land?“ Die Menschen sollen mit ihrer Geschichte besser dargestellt werden, so dass man ihnen nahe kommen kann über das, was sie selbst mögen.

Durch die Zeitung soll ein besserer Austausch mit der Umgebung erreicht werden. Es geht darum, dass diese mehr über das Heim erfährt, vor allem über die Bewohner, und dass umgekehrt die Bewohner etwas erfahren über ihre Nachbarschaft, aber auch über die Stadt Hannover.

Hier finden Sie einige Ausgaben:

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover