Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
FGM&

Genitalverstümmelung

Eines der letzten Tabuthemen in der westlichen Welt

Der "Internationale Tag Null Toleranz gegenüber Weiblicher Genitalverstümmelung" am 6. Februar wurde in diesem Jahr im „geschützten Raum“ von kargah e.V. mit wahrhaft großem Aufgebot begangen.

  Claudia Ermel | 09.02.2020

Die vielen geladenen Referent*innen, Organisationen, persönlich Betroffenen sowie zahlreiche -meist weibliche- interessierte Gäste drängten sich im größten Saal des gemeinnützigen Vereins.

Veranstaltet wurde dieser ausgezeichnet durchorganisierte Nachmittag von DaMigra e.V., Mein Körper gehört mir e.V., den Integrationslotsen Cloppenburg e.V. gemeinsam mit, kargah e.V. Dass FGM (englisch: female genital mutilation / Beschneidung weiblicher Genitalien) noch immer zu den letzten Tabuthemen in europäischen Gesellschaften gehört, machten die Vortragenden in ihren beeindruckenden Redebeiträgen deutlich. Durch die Masse an Informationen, Sichtweisen und persönlichen Erlebnissen wurden die Zuhörenden eindrucksvoll über die Brisanz und noch immer währende Aktualität dieses Themas aufgeklärt.

Vertreter*innen aus Politik, Beratungsstellen, Recht und Gesundheitswesen waren geladen, um den Austausch zwischen den verschiedenen Institutionen und Berufsgruppen zu ermöglichen, gemeinsame Vorgehensweisen und Lösungen zu finden. Es referierten Frau Mina Amiry (Vertreterin der Integrationslotsen Cloppenburg) Frauke Baller (Psychologische Psychotherapeutin) Uta Engelhardt (Landesgeschäftsführerin pro familia Niedersachsen e.V.), sowie der Frauenarzt und Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte BVF, Dr. Christian Albring. Als Vertreterin von DaMigra als federführender Veranstalterin moderierte Dr. Delal Atmarca den Nachmittag, der gewiss bei keiner der anwesenden Personen ohne Eindruck geblieben ist.

damigra.jpg damigra.jpg damigra.jpg damigra.jpg damigra.jpg

Betroffene zeigen Courage

Eine mutige Runde betroffener Frauen aus dem Sudan, Somalia und Eritrea berichtete über den gesellschaftlichen Druck durch Familien und auch Nachbarn, erzählte von den eigenen Erlebnissen bei der Beschneidung, die oft von Müttern oder Großmüttern ausgeführt wird. Den Zuhörenden wurde klar gemacht, wie gesellschaftlicher Druck, Stigmatisierung (Beschneidung = Reinheit) und auch Belohnungssysteme („ich habe mich über die Geschenke gefreut“) Kindern den schmerzhaften Vorgang erträglicher machen sollen. Sie erzählten von den Schwierigkeiten nach der Beschneidung bei Regelblutungen, beim Urinieren, beim Sex oder der Geburt, („Sexueller Verkehr ist sehr schwierig, weil immer Haut geöffnet werden muss, auch mein Mann hat gelitten, zum Glück hatte er viel Verständnis.“)

Infos fgm
Infos fgm

In mehreren Beiträgen und einer späteren Diskussion wurde den Zuhörer*innen die Tradition der weiblichen Genitalbeschneidung erläutert. Stammesriten, vielleicht auch Aberglaube und Überlieferungen der Vorfahren stützen sich auf den Irrglauben, die weibliche „Reinheit“ durch diesen Eingriff zu bewahren, der bereits bei kleinen Mädchen vorgenommen wird. Angebliche körperliche Sauberkeit und die Vermeidung unkontrollierbarer sexueller Gelüste wurden als vorgeschobene Erklärungen genannt.

infos2FGM
infos2FGM

Schutzbrief mit in die Heimat geben

Da derzeit noch immer die Gefahr besteht, dass Mädchen auch in Europa oder bei einem Besuch in ihrer Heimat beschnitten werden, wurden eine breite Aufklärung, aber auch einfache Schutzmassnahmen von den Diskutierenden gefordert. Ein Schutzbrief, ausgestellt vom deutschen Wohnort, sei z.B. eine sehr probate Lösung, wurde vorgeschlagen. Tatsächlich wird aber noch immer kaum etwas unternommen, um dieses Tabuthema anzugehen. Da es bisher noch immer Null Präventionsmaßnahmen gibt, sind Politik und Gesellschaft in Deutschland ebenso gefragt wie in den Ländern, in denen dieses Ritual oft im privaten Umfeld der Clans vollzogen wird. Aufklärung, Bildung und Enttabuisierung wären erste Schritte. Gleichzeitig müssen aber auch in der Ärzteschaft, in Beratungseinrichtungen, bei der BAMF besser über FGM aufgeklärt werden. Frauen, die beschnitten wurden, müssen über ihre Möglichkeiten mittels Wiederherstellungschirurgie aufgeklärt werden. Sie benötigen psychologische Betreuung, aber auch sensible Dolmetscher*innen, die sie zur Seite gestellt bekommen. Diese wiederum müssten dann aber mit dem Thema bereits vertraut sein. Auch Aufklärungsbroschüren und spezialisierte Beratungsstellen fehlen noch. „Niedersachsen ist bisher noch Niemandsland im Kampf gegen FGM“, meinten die Beteiligten der Veranstaltung.

Infos fgm
Infos fgm

Nur ein Nischenthema? Auch wenn fast niemand darüber redet, die weltweit erfassten Zahlen sprechen eine erschütternde Wahrheit aus: Auch im 21. Jahrhundert wurden aktuell noch ca. 200 Mio Frauen beschnitten. Traditionen und Aberglaube sind längst nicht ausgemerzt. Zwar wurden unterdessen auch in vielen afrikanischen Ländern Gesetze erlassen, die Genitalverstümmelung verbieten. Doch nur durch Aufklärung und Überzeugung innerhalb der Clans kann diese traditionelle Praxis abgeschafft werden.

Hilfesuchende in Hannover berät unter anderem auch Baobab

Fotos: Ani Gabrielyan

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover