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Gayané Sureni und Hadi Alizadeh

Festivalbericht

Weltmusik in der Krise?

Davon war auf dem „creole festival“ vom 9. bis 10. November im Pavillon nichts zu hören.

  Jürgen Castendyk | 22.11.2017

Das Titelfoto zeigt Gayané Sureni & Hadi Alizadeh.

Musikalische Vielfalt durch unterschiedliche kulturelle Identitäten

Dass Musik per se verbindend und integrativ sei, ist ein naiver Glaube. Es bedarf besonderer Bedingungen für gelingende Projekte wie das „creole festival“. Der Verein "Globale Musik in Deutschland" (GLOMAD) hat schon seit über zehn Jahren Musiker*innen mit und ohne Fluchtgeschichte die Gelegenheit gegeben, miteinander zu spielen und gemeinsam aufzutreten. Zum Konzept des gleichberechtigten Musizierens gehört, die Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, nicht nur als Opfer zu sehen, sondern als Bereicherung der Musikszene. Voraussetzung dafür wäre eine selbstreflexive Haltung zur Integration, um Menschen und ihre Musik nicht als „fremd“ auszugrenzen. Das Zusammenspiel von Musiker*innen mit unterschiedlichen kulturellen Identitäten schafft dann eine ungeahnte musikalische Vielfalt.

Natalie Greffel Band
Natalie Greffel Band
Natalie Greffel Band
Natalie Greffel Band

Neue Preise für die Anerkennung

„Globale Musik in Deutschland“ gestaltet jedes Jahr einen Auswahlwettbewerb auf der Ebene der Bundesländer. Die von Jurys ausgewählten Bands treffen sich dann beim „creole festival“ zur Endauswahl. Diesmal hat der Pavillon das bundesweite Festival organisiert. Der Veranstalter GLOMAD stiftete dieses Jahr zum ersten Mal einen „creole-TOUR“-Preis. Die ausgewählte Gruppe geht 2018 auf Tournee quer durch Deutschland. Das MASALA Weltbeat Festival (Pavillon) lobte den „creole-Festival“-Preis aus. Damit können zwei ausgesuchte Bands auf den drei renommiertesten Weltmusik-Festivals in Deutschland auftreten. Hannover als UNESCO City of Musik spendierte einen Preis für herausragende musikalische Vielfalt mit einem Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro. Ebenfalls zum ersten Mal konnte auch ein Publikumspreis vergeben werden.

The Sephardics
The Sephardics
The Sephardics
The Sephardics

Hannover nutzt das „creole festival“ für die Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt 2024

Als City of Musik hat die Landeshauptstadt Hannover ein Interesse daran, dass das „creole festival“ in den nächsten vier Jahren auf Landesebene und 2019 wieder auf Bundesebene im Pavillon durchgeführt wird. In seinem Grußwort zur Eröffnung stellte Kulturdezernent Harald Härke einen Zusammenhang zwischen dem Festival und der geplanten Bewerbung Hannovers als Europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2024 her. Deshalb konnte die längerfristige Finanzierung durch wichtige Förderer sichergestellt werden: der Beauftragten der Bundesregierung für Kunst und Medien, der Stiftung Niedersachsen und des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur.

Weltmusik als Erfolgsmodell für Integration?

In einer Podiumsdiskussion mit Experten*innen wurde diese Frage kontrovers diskutiert. Angezweifelt wurde der Begriff „Weltmusik“. Er sei zu diffus, um ein breites Publikum anzulocken. Das zeige sich auch bei diesem "creole festival". Auf einen anderen Begriff konnte sich das Podium aber nicht einigen. Der Künstlerische Direktor des Rudolstadt Festivals warnte vor Veränderungen, da sich „Weltmusik“ als treffende Bezeichnung durchgesetzt hätte. Jamila Al-Yousef, Sängerin und frühere Projektkoordinatorin des Welcome Board Musikland Niedersachsen, und Katrin Werlich vom Verein Globale Musik waren eher zurückhaltend bei der zukünftigen Bewertung und Anerkennung einer transkulturellen Weltmusik. Musikveranstalter und Clubs würden nur Bands mit mehrheitlich bekannten deutschen Musiker*innen buchen und dann noch schlecht bezahlen - wenn überhaupt. Gruppen, die aus unbekannten Musikern*innen mit Fluchthintergrund bestünden und für deutsche Ohren eine ungewöhnliche „fremde“ Musik spielten, hätten ohne öffentliche Förderer kaum Chancen auf Erfolg.

Weltmusik-Festival_Diskutanten
v. l. n. r.: Ralf Graser (Moderation), Katrin Werlich, Sarah Ungan, Jamila Al-Jousef
Weltmusik-Festival_Diskutanten
v. l. n. r.: Ralf Graser (Moderation), Katrin Werlich, Sarah Ungan, Jamila Al-Jousef

Die auf diesem Festival erstmals vergebenen Preise wären für die Anerkennung wichtig, würden aber nur den bereits bekannten Bands helfen. Sarah Ungan, Head of Production WOMEX, Piranha Arts AG, war da anderer Meinung. Preise verschärften den Wettbewerb und führten zu einem unerwünschten Konkurrenzverhalten zwischen den Musikgruppen. Das widerspreche dem Konzept der integrativen Kraft von Weltmusik. Dem stimmten die anderen Podiumsteilnehmer*innen aber nicht zu.

„Das Beste der globalen Musik aus Deutschland“

Dieser vollmundige Anspruch auf der Titelseite des lesenswerten Programmheftes zum "creole festival" konnte durch die 15 Bands an zwei Abenden voll und ganz eingelöst werden. Es spielten keine zaudernden Amateure, sondern bühnenstarke Profimusiker*innen. Im Wechsel auf zwei Bühnen konnten die Sänger*innen und Instrumentalist*innen das engagierte Publikum bezaubern, begeistern und manchmal auch zum Tanzen animieren. Dafür hatten die Bands und kleineren Musikgruppen nur dreißig Minuten Zeit. Kaum warm gespielt, strebten die Besucher*innen, wie geplant, schon zur anderen Bühne. Die einzelnen Gruppen vorzustellen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Um die vielfältigen Musikstile aufzuzeigen, können nur einzelne Bands genannt werden: Leléka (Ukrainian Folk Jazz), La Marche (Balkan. Ska. Funk. Reggae), Carlos Dalelane Band (Afro Jazz Funk), Shkoon, (Oriental Slow House), Natalie Greffel Band (Brazil Crossover), Gayané Sureni & Hadi Alizadeh (Armenisch-kurdische Klangwelten) und Tworna (Deutsche Volkslieder in neuem Gewand).

Aeham Ahmad & Edgar Knecht
Aeham Ahmad & Edgar Knecht
Aeham Ahmad & Edgar Knecht
Aeham Ahmad & Edgar Knecht

Ist also alles gut? Fast. Der Pavillon hätte früher mit der Werbung für das Festival beginnen sollen. Das nächste Mal wird alles besser, wurde mir selbstkritisch gesagt. Und das Publikum? Es zeigte sich begeistert, aber es kamen zu wenig zahlende Besucher*innen. Ohne die genannten Förderer hätte der Pavillon ein schwer zu verkraftendes Defizit eingefahren. Deutschlandfunk Kultur und NDRInfo waren zwar Medienpartner des Festivals, haben aber keine Aufnahmen gemacht.

Alle Bilder von Jürgen Castendyk.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover