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Seit dem Tag

Das Dröhnen der roten Sirene des Lautsprechers der Moschee erschreckte alle.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis der Befehl vom Gehirn bis in den Körper ankam, aber dann liefen alle sind schnell weg und versuchten, in irgendeinem Bunker Schutz zu suchen. In den letzten Tagen wurden mehr Luftangriffe auf Zivilisten durchgeführt. Der Platz vor der Bank neben dem Basar war normalerweise voll von Menschen und auf der Hauptstraße fuhren Busse und Taxen herum. Es dauerte nicht mal eine Minute, und die Rakete traf die linke Ecke des Platzes und erschütterte den Boden. Erst die Explosion und ihre Welle und dann der unangenehme Geruch von "TNT" bedeckten das Feld. Diejenigen,

die noch am Leben waren, rannten vergebens herum. Das ständige Stöhnen und Schreien der Verletzten, die lauten Schüsse der Luftverteidigung und die Geräusche der Sirenen des Krankenwagens waren miteinander verflochten.

Die linke Hälfte des Platzes sah schwarz und zerstört aus. Die Autos auf der Straße standen alle in Flammen und brannten aus. Als die Rakete einschlug, waren mehrere hundert Menschen noch da und unsicher, wie und wohin sie sich

retten könnten. Außer ihnen war nicht mehr viel übrig. Nur hier und da war Blut auf der Straße zu sehen und verbrannte Leichen und Asche, die noch zu riechen war.

Taghi, der Fruchtsaftverkäufer an der rechten Ecke des Platzes, stand

schockiert neben seinem Wagen da. Es kam mir so vor, als ob ich noch nicht wüsste, was passiert war. Ich war von der Explosionswelle getroffen worden und wusste nicht genau, was zu tun ist.

Natürlich ging ich und sah alles, aber alles lag in Nebel und Dunst. Ich wusste nicht, wen ich suchen sollte. Es war Donnerstagabend und normalerweise saßen die Kumpels um die Zeit auf den Plattformen vor der Bank. Einige von ihnen hatten dieses Mal Glück und waren nicht dabei, die anderen, die dabei gewesen waren, hatten es nicht überlebt.

Niemand hatte jemals daran gedacht, dass hier, mitten in der Stadt, Flugzeuge kommen könnten, um Bomben abzuwerfen. Es war oft so, man konnte sich nie sicher sein, was in ein paar Minuten noch passieren würde. Bis zum nächsten Tag wurden die verbrannten Leichen eingesammelt. Eine wurde auf dem Schulhof hinter der Bank gefunden. Ich starrte lange auf das Gebäude und überlegte, wie es sein konnte, dass eine Person mit ihrem Fahrrad über die große Bank geworfen worden war.

​In der nächsten Woche stand Taghi neben seinem Wagen und war mit seiner Arbeit beschäftigt. Sein Wagen sah sauber und restauriert aus. Einfach so ging ich zu ihm und bestellte etwas zu trinken und fragte ihn; „Herr Taghi, waren sie auch hier, als den Platz bombardiert wurde?“ „Genau hier, wie jeden Tag. Zwei Soldaten standen genauso wie du da, der erste hat einen Kirschsaft bestellt und der andere einen Granatapfelsaft. Sie waren aus Schiras und haben an der Westfront gedient. Die Armen hatten sich sehr auf ihren Erholungsurlaub gefreut. Sie waren beim Bezahlen, als die Sirene losging. Sie blieben sehr lässig und lachten, als sie gingen. Ein paar Sekunden später ging die Bombe los. Die Beine des Ersten habe ich wegen seiner Stiefeln wiedererkannt, als sie mitten im Pool da vorne rausgezogen wurden“, erzählte Taghi.

Taghi war vor dieser Erfahrung ein wenig unaufmerksam, aber diesmal war sein Geist viel entspannter. Vielleicht habe ich davon geträumt, ich weiß nicht. Einer von uns hat nach dem Bombenangriff die Welt auf eine andere Art und Weise verstanden. Das war ich oder er. Oder vielleicht haben alle Menschen, die es erlebt haben, sich verändert. Ich weiß nicht was genau, mit mir passierte, eines weiß ich aber; ich war ein paar Wochen lang glücklicher und dankbar. Vielleicht war ich an diesem Tag ein bisschen durchgedreht, vielleicht wurde ich ein bisschen erleuchtet und habe selbst nicht bemerkt. Wie auch immer, es gab eine positive Veränderung in mir. Es ist eine Veränderung, die ich immer noch nicht gut kenne.

Mohammad Puya Eslami, Frankfurt am Main, 1994

Eine Erinnerung aus der Kriegszeit im Iran, die ich neulich aus dem Persischen ins Deutsche übersetzte

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