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Fettnäpfchen-Kolumne: Afghanische Männerparty

Die Fettnäpfchen-Kolumne

Afghanische Männerparty!

Zusammen oder getrennt - wie feiern Männer und Frauen ein Fest?

  Helga Barbara Gundlach | 16.09.2019

Ingrid engagiert sich in der Flüchtlingsbetreuung. Besonders kümmert sie sich um den 22-jährigen Rahmat, der alleine aus Afghanistan gekommen war. Eines Tages feierten einige afghanische Familien ein kleines Fest anlässlich des Geburtstages zweier Mädchen in deren Wohnung. Ingrid und drei weitere Flüchtlingshelfer*innen waren eingeladen. Mit Neugier ging sie zum Buffet, nahm sich ein paar der für sie fremden Speisen und fand in einem der Wohnräume Platz. Nach einem kurzen Moment hatte sie ein merkwürdiges Gefühl und stellte dann fest, wie sie von allen anderen komisch angeguckt wurde. Sie war im Männerraum gelandet.

Nicht nur die Männer, besonders auch die Frauen aus dem Nachbarraum schauten sie an. Als Ingrid später Rahmat nett aber bestimmt zur Rede stellte „Na, das hättest du mir ja auch mal vorher sagen können!“ entgegnete dieser entspannt „Ach, die sollen ruhig mal merken, wie das hier in Deutschland ist.“.

Was war passiert?

In manchen Kulturen ist es üblich, dass nach Geschlecht getrennt gefeiert wird. Die Männer bleiben unter sich, die Frauen ebenso. Natürlich wusste Ingrid, dass Rahmat aus einer Kultur mit eher großen Unterschieden in den Geschlechterrollen kommt, z.B. wenn es darum geht, wer die Familie nach Außen vertritt oder dass Jungen und Mädchen bereits sehr unterschiedlich erzogen werden. Doch bei der Feier hat sie einfach nicht daran gedacht, vermutlich auch gerade weil Rahmat ihr gegenüber sehr offen ist und Geschlechterunterschiede nicht betont. Ingrid hat sich so verhalten, wie viele es hier mit einem gefüllten Teller tun. Man/frau sucht nach bekannten Gesichtern oder einfach nach einem freien Platz.

Für die afghanischen Männer hatte sie in deren Bereich nichts zu suchen. Da sie aber Gast war, zudem sich für einen ihrer Freunde engagierte, wäre es unhöflich gewesen, sie direkt des Raumes zu verweisen.

Für die afghanischen Frauen war es vermutlich unangenehm im Sinne von „fremd schämen“, denn Ingrid gehörte als Frau zu ihnen. Manche werden ihr Verhalten vielleicht als unsittlich, lustig oder auch mutig – in jedem Fall aber nicht als „normal“ nach ihren kulturellen Maßstäben angesehen haben.

Was hätte anders laufen können?

Wer einen Vertreter oder eine Vertreterin einer Kultur kennt, sollte keine Rückschlüsse auf andere Angehörige dieser Kultur ziehen. Wer das Verhalten eines Menschen außerhalb seiner Familie kennt, sollte keine Rückschlüsse ziehen, wie es innerhalb seiner Familie zugeht.

Ingrid hätte vorher Fragen können, wie sich Rahmats Kultur bei der Feier verhalten wird, was von ihr erwartet wird oder auch wie er vielleicht wünscht, dass sie sich verhält. Rahmat hätte, um Ingrid dies Fttnäpfchen zu ersparen, seinerseits über Sitten und Gebräuche aufklären können.

Offenbar hat Ingrid für Rahmat nicht nur eine wichtige Funktion, wenn es um seine Integration in die deutsche Gesellschaft geht. Sondern auch, dass Rahmat sie – möglicherweise völlig unbedacht – benutzt, um seinen Freunden und Bekannten klarzumachen, in welchem Spannungsverhältnis er selbst lebt und welche Schritte er sich von ihnen in Richtung deutscher Kultur und Gleichberechtigung wünscht. Ein offenes Gespräch darüber zwischen Rahmat und Ingrid wäre vorab hilfreich gewesen, um Rollen und Erwartungen beiderseits zu klären. Doch das ist in der Vermischung Behördengänge/Deutschkurs/Berufsintegration/Wohnungssuche usw. ein sehr hoher Anspruch. Oft kommen solche eigentlichen Themen erst durch Missverständnisse ans Tageslicht. Damit bietet dieser kulturelle Fettnapf eine gute Lernchance für alle Beteiligten.

Ingrid ist Geologin und engagiert sich neben ihrer Arbeit in der Flüchtlingsbetreuung und in Schüleraustauschprogrammen.

Was bedeutet "Fettnäpfchen"?

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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