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Collage von Abdulrahman Afif

Hymnen eines Migranten

Lest heute alle acht Hymnen unseres Poeten

In den vergangenen Tagen hatten wir bereits die ersten Hymnen der Reihe veröffentlicht. Hier lesen Sie alle acht Hymnen unseres Redakteurs Abdulrahman Afif. Die Collage ist vom Autor.

  Abdulrahman Afif | 08.09.2017

Die Hymnen des Migranten
Abdulrahman Afif

1
Du bist die Rose und ich bin der Weg von Qamischli.
Du bist die Nachtigall und ich bin die Linde. Du bist
im Hof und ich bin im Wind. Du bist Mem û Zîn und
ich bin die Geschichte. Habe ich in dieser Welt
gelebt? Wer kann den Wind, den Nebel und den
Baum besitzen. Sei die Rose, damit ich der Weg von
Qamischli bleibe.

2
Sag zum Kaktusbusch: Hallo.
Zur siebten und sechsten Klasse: Hallo. Zu deinem
Kirîv sag: Hallo. Sag zu der Morgendämmerung und
deren Müllmänner: Hallo. Zum Frühlingsgras,
Andeco und Aprilblüte sag: Hallo. Sag dem Tal,
Tal Doda und Tal Antar und Derbo und Wathiyas
Weinberge: Hallo. Sag dem trockenen Fluss wie die
Blätter der Erinnerungen und dem Sommer, der vor
den Türen sitzt: Hallo. Sag dem Weizenkorn: Hallo.
Sprich: Wie geht es euch, o Sterne, o Mond in den
Fenstern? Wie ist die Lage, o schöne Gesichter und
schöne Hochzeiten. Wie geht es euch, o Kinder und
o Feste.

3
Zeichne das Auge der Abwesenheit in der Mitte und
die Tür, verlassen von ihrer Familie. Zeichne die
Sonnenblume, zeichne sie und ihre Tränen und die
Bücherregale. Zeichne den Ruf der Liebe zu Beginn
des Morgens und die Linde des Friedhofs und vergiss
nicht den verletzen Vogel. Zeichne die Rückkehr des
Hirten mit den Schafen von der Ferne und zeichne
den Zigarettengeschmack und die Schönheit der
Steine. Vergiss nicht die Geräusche des Schleppens
von Wasser und Wehmut der Maulbeere und Stroh
am Sommerende. Vergiss nicht den Mond zwischen
den Dornen, wo er sich an Augen und Treffen
erinnert. Vergiss gar nichts...

4
Singe die Müdigkeit und die letzten Momente der
Schule und der Felder. Singe das Essen von Bulgur
und eingelegte Gurken. Singe die Zwiebel, die du sie
ganz und gar mit dem Burgul aufgegessen hast. Singe
das Wasser, das unter den Feldern von Gurken und
Tomaten geflossen ist. Singe den Gebetsruf des
Nachmittags und des Abendgebets. Singe die
Müdigkeit und die Rast und singe und vergiss nicht
das letzte Glas Tee und die Liebe.

5
Fang die Farbe der Straßenluft. Die Insekten, die
fliegen und essen von Sommerpflanzen in Qamischli.
Dreh dich um die Schule um. Such die zartesten
Gefühle, die die Leute auf dieser Straße verlassen
haben. Fange die Zärtlichkeit der Mütter. Fange diese
große Hitze. Fange das, was du dich daran erinnerst, was
vergangen ist, Buchstabe für Buchstabe. Vergiss
sogar nicht das Brummen eines Motorrads, das am
Ende der Stadt fährt und dann verhallt. Als ob nichts
war.

6
Der kleine schöne Esel saugt Milch von seiner
Mutter. Die schmale Asphaltstraße führt durch die
Prärie. Haufen von Eisen und beschädigten
Maschinen wurden hier geworfen. Das Eisen
oxidierte und die Pflanzen wegen der Hitze des
Sommers wurden fast steif.
Es gibt Zementsäcke da, verwendet, um Räume zu
bauen. Von weitem sieht man ein Haus. Wie viele
Jahre sind vergangen, und du wiederholst diese Sätze
immer wieder und das Leben geht seinen Lauf und
der Sommer macht die Pflanzen trocken und der Rost
frisst das Eisen.

7
In jener Ecke des Hofs... Wo nachts die
Schmetterlinge fliegen und wo ein Traum erscheint über
eine Liebesgeschichte. In der Ecke, wo eine blaue Tür
gibt und nachts gehen die Sterne auf. Und die
Pflanzen schlafen und die Vögel. Die Sonne wird
leuchten und wird den Zwiebeln, die du angebaut
hast, Leben geben. Du wirst Zwiebeln mit frischem
Brot essen und das Leben wird dir seine Türen
öffnen. In jener Ecke, wo du die Zwiebeln gepflanzt
hast.

8
Du wirst nicht von deiner Reise zurückkehren,
Auswanderer. Pflanze dann einen Baum an, der den
Regen wie du liebt und hoffe, dass er lange lebt und
frische Blättern treibt und endlos Früchte trägt.
Hoffe, dass die Vögel von jeder Ecke zu ihr
kommen und ihre Lieder Tag und Nacht singen. Und
die Dichter ihr Gesang sammeln, um daraus
Gedichtbände der Liebe zu machen. Pflanze
Petersilie, Brunnenkresse und Zucchini. Weil deine
Hymnen ohne sie nicht vollständig sind.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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