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kulturhauptstadt hannover

Aufnahmezustand

„Nein, wir schaden der Kulturhauptstadt nicht!“

Die Freie Szene Kulturschaffender in Hannover lud am 14.8. in die FAUST Warenannahme ein, um sich über die jüngsten Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen.

  Claudia Ermel | 24.08.2019

Benedikt Poensgen und Bernd Jacobs von der Stadt Hannover, die der Runde Aktuelles zum Kulturentwicklungsplan erzählen wollten, hatten ihren, für 18 Uhr angekündigten, Termin kurzfristig abgesagt.

Ca. 25 Personen fanden sich an einem Mittwoch im August in immer größer werdendem Stuhlkreis zusammen. Viele der Teilnehmenden hatten in den letzten Monaten mit Spannung die politischen Entwicklungen in der Kulturpolitik aktiv verfolgt. Ingrid Wagemann von der LAG Soziokultur moderierte die Sitzung und bat alle um aktuelle Informationen und um persönliche Einschätzungen zu dem Engagement des Aufnahmezustandes im Kultur- und Finanzausschuss im Juni.

Zum Hintergrund:

Die Stadtverwaltung hatte zu einer Sitzung des Kultur- und Finanzausschusses geladen. Wichtigstes Thema auf der Tagesordnung war die politische Entscheidung zur Finanzierung des Kulturhauptstadtjahres und des Kulturentwicklungsplans. Nachdem der Termin im Aufnahmezustand angekündigt und verbreitet worden war, ging die Stadtverwaltung von großer Resonanz aus. Die Sitzung wurde aus dem Rathaus verlegt und fand im Freizeitheim Lister Turm statt. In der Sitzung sahen sich die Ratsmitglieder aller Fraktionen, die dem Kulturausschuss oder dem Finanzausschuss angehörten und die Verwaltungsspitze einer großen Stadtöffentlichkeit gegenüber. Der Saal war mit etwa 150 Besucherinnen und Besuchern gerammelt voll. Der Kämmerer, Herr von der Ohe, hatte die Leitung und beherrschte nach späterer Aussage einiger der Anwesenden das Verwirrspiel, geplante Geldmittel schönzureden, virtuos.

Auch wenn die Drucksache von der Politik ohne Änderungen beschlossen wurde, war das Engagement nach Einschätzung in der Gruppe erfolgreich. Die Medien berichteten, es folgte ein Brandbrief des Kulturrates, ein unterstützender Protest von Igor Levit, dem bisher einzigen Botschafter für die Kulturhauptstadt Hannovers. Letztlich sorgte ein Runder Tisch für Ausgleich: Frau Tegtmeyer-Dette (1. Stadträtin und Stellvertreterin des Oberbürgermeisters) lud alle Vorsitzenden und Stellvertretenden der Gremien Kulturrat und Kulturbeirat, Frau Beckedorf (Kulturdezernentin) und Herrn von der Ohe (Finanzdezernent / Kämmerer) zum Gespräch und vermittelte einen Kompromiss.

„Wir waren laut“

Ungefähr dreiviertel der Anwesenden am Mittwoch waren bei dem Rathaus-Termin dabei. Es gab also viele Eindrücke, die der Runde zu erzählen waren. Dass die Enttäuschung über die recht einheitliche Haltung aller Politiker*innen zur Kultur bei nahezu allen Kulturschaffenden gärt, wurde deutlich. Denn ein Fakt wurde klar: alle politischen Fraktionen – außer der PARTEI, von deren Vertreter viel Zuspruch für eine bessere Finanzierung kam, finden Kultur nicht so wichtig. Kultur ist für sie eher ein ´Bonbon nebenbei`. Aus der Zuhörerschaft gestellte Rückfragen wurden teils lapidar abgekanzelt oder eher ausweichend beantwortet. Dennoch wurde die Veranstaltung als Erfolg angesehen. Denn „wir waren laut“ „Die Politiker hatten Angst vor uns, wir haben eine `Welle´ angeschoben.“

„Je mehr über Kultur gestritten wird, desto mehr wird Kultur wahrgenommen,“ lautete ein Diskussionsbeitrag beim Treffen des Aufnahmezustand. Diejenigen, die an der Sitzung zum Kulturetat teilgenommen haben, sind jedenfalls stolz, dass die freie Kulturszene so starke Präsenz gezeigt hat. „Das Kulturbüro kann froh sein, dass es uns gibt.“ oder „Das war eine Lehrstunde für Chaospolitik“, lauteten nur einige Statements. Dass uns (der freien Kulturszene) sogar vorgeworfen wurde, dass wir der Kulturhauptstadtbewerbung schaden, weil wir den Prozess zu öffentlich machen, ist schwer nachzuvollziehen. „Es stärkt immer die Demokratie, wenn die Zivilgesellschaft sich einmischt“ meinte ein Teilnehmer.

Aufnahmezustand will eigenen Kulturrat gründen

Nun ist der Plan, dass der Aufnahmezustand einen eigenen Kulturrat gründet. Hierzu soll sich beim nächsten gemeinsamen Treffen eine Arbeitsgruppe zusammenfinden. Außerdem ist die Gruppe „Thinktank Bitbook“ zur Kulturhauptstadtbewerbung gerade sehr aktiv mit ihrem „Leuchtturmprojekt Ihmezentrum“. Sie berichtete von ihren Aktivitäten, von der teilweise zähen Vorarbeit, um die involvierten Menschen anzusprechen und zu beteiligen. Da die Bewohner*innen unbedingt mit eingebunden werden sollen, startet demnächst eine monatlich im Lindenspiegel veröffentlichte Interviewreihe mit einigen von ihnen. Außerdem werden Expert*innen eingeladen, um mit der Öffentlichkeit zu diskutieren. Drei Veranstaltungen sind geplant: Im Ihmezentrum, im Rathaus, im Contihochhaus.

Die Stadt Hannover plant, alle Bidbook- Leuchttürme (ausgearbeitete Ideen zur Kulturhauptstadtbewerbung) in einer Pressekonferenz vorzustellen. Das Ihmezentrum jedenfalls soll „Leuchtturm“ bleiben, auch wenn die Kulturhauptstadt nicht kommt. Zumindest dieser „Leuchtturm“ scheint auf einem richtigen Weg zu sein. Denn „wir brauchen einen Makel, Hannover ist zu glatt,“ meinte Tobias Kunze, als es darum ging, wie eine Stadt Europäische Kulturhauptstadt wird.

Wie stehen OB-Kandidat*innen zur Kultur?

Außerdem wurde über die Planung der Veranstaltung mit OB-Kandidat*innen im Pavillon in Kooperation mit dem Aufnahmezustand gesprochen. Geplanter Termin ist nun der 16.10.2019 Uhr. Die Fragestellung soll sich um die Kulturpolitik drehen. „Was sagen die Kandidat*innen zur Wichtigkeit einer Kulturhauptstadtbewerbung?“ An sechs Tischen, die jeweils von Akteuren im Aufnahmezustand moderiert werden, werden jeweils zwei Kandidat*innen befragt. Die Moderator*innen werden eine Liste mit möglichen Fragen erstellen und an den Email-Verteiler senden. Weitere Vorschläge sind dann sehr willkommen.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover