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Bronzeskulpturen

Apropos Zwischenruf

Lasst den Künstler*innen ihre Freiheit!

In unserem letzten WiH-Meeting diskutierten die Redaktionsmitglieder*innen über das Thema "Widerstand und Kunst". Hier einige Meinungen und meine Kritik.

  Claudia Ermel | 16.08.2019

Die provokante Frage „Ist die Ästhetik des Widerstands längst Geschichte?“, die Jürgen Castendyk als Titel seines Journalbeitrags wählte, aber auch einige Positionen, die er in seinem Text vertreten hat, bieten viel Raum für Auseinandersetzungen mit dem Thema "Kunst und Widerstand", aber auch für Gespräche mit den Personen, die Kunst schaffen.

In unserem letzten WiH-Meeting baten wir daher die Redaktionsmitglieder, ihre Meinungen zum Thema "Kunst und Widerstand" darzulegen. Hinsichtlich des oben erwähnten Journalartikels unseres Redakteurs Jürgen Castendyk wurde erst einmal klargestellt, dass Jürgen längst nicht mit einer ausreichend großen Zahl geflüchteter Künstler*innen gesprochen hat, um seine „steile These“ zu belegen, dass viele von ihnen in ihrem künstlerischen Ausdruck politische Stellungnahmen tunlichst meiden.

Ist Kunst nicht immer politisch?
Beispielsweise moniert Jürgen, dass Künstler*innen trotz einer klaren politischen Haltung ihre Kunst nicht als politisches Statement verstanden wissen wollen. „Nie wieder will man sich einer politischen Ideologie unterstellen. Nie wieder dürfen Formen der Zensur die Freiheit der Kreativität einschränken - oder sogar unmöglich machen.“ Ist es daher nicht durchaus verständlich, dass die Künstler*innen eine Abwehrhaltung einnehmen, sobald ihre Werke in "Schubladen" gesteckt werden? Selbst eine positive Einkategorisierung macht ein einzigartiges Werk beliebig, sobald es in ein Schema passt, oder? Da gerade Künstler*innen aus autokratischen Ländern die Gefahren der schwarz-weiß-Malerei in Politik und Gesellschaft kennen, ist ihr Misstrauen durchaus berechtig, finde ich. Denn sie wollen ja keinesfalls eines Tages ihre Kunst gegenüber Obrigkeiten oder politische Gegner verteidigen müssen. Sie leben endlich in einem Land, wo die Freiheit der Kunst propagiert wird, doch ihre Erfahrungen in dieser Gesellschaft sind noch gering.

Wir diskutierten darüber, dass jede(r) Künstler*in seine (ihre) eigene ästhetische Sprache hat und dass Symboliken und versteckte Botschaften je nach Kultur unterschiedlich zu entschlüsseln sind. Jede Art von Ikonographie muss für Betrachter*innen bekannt sein, da sonst das Kunstwerk nicht vollständig verstanden werden kann. Manche Kunstliebhaber*innen finden die Werke aber auch gerade besonders interessant, wenn sie ihnen unbekannt und exotisch erscheinen. Genau dieser Aspekt macht auch die „Freiheit der Kunst“ aus. Künstler*innen müssen sich und ihre Werke nicht unbedingt erklären. Die Vielschichtigkeit von Kunstwerken, zumal aus uns fremden Kulturen, zu interpretieren (Widerstand oder kein Widerstand?), fällt dabei schwer. Unser Redaktionsmitglied Puya aus dem Iran konnte hierzu eine schöne Aussage des Dalai Lama zitieren: (Im übertragenen Sinne) „Im Schlimmen das Schöne zeigen“ Kunst als Mittel der Katharsis also.

„Entartete Kunst“ ist Widerstand

Ob Kunst per se immer eine politische Wirkung hat, wurde in unserer Gesprächsrunde nicht einheitlich entschieden. Doch ich persönlich möchte dies bejahen und daran erinnern, dass oft in autokratischen Staaten Werke verboten werden, die nicht gerade als offensichtliche Provokationen zu erkennen sind. Auch kleine unterschwellige Signale bewirken also Reaktionen in Politik und Gesellschaft. "Entartete Kunst war während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland der offiziell propagierte Begriff für mit rassentheoretischen Begründungen diffamierte Moderne Kunst." (Zitat aus Wikipedia). Die Werke zeigten seinerzeit oft keinerlei erkennbare politische Haltung. In Diktaturen wird oft allein schon die Freiheit, selbstbestimmt zu malen, schreiben, modellieren, reden oder singen, als politischer Widerstand angesehen.

Unser Arabisch-Übersetzer Abdulrahman aus Syrien bat Jürgen darum, ein wenig mehr Rücksicht auf die Künstler*innen aus Kriegsgebieten zu nehmen. Es bräuchte Jahre, bis jemand all seine seelischen Verletzungen überstanden habe. Gerade viele Literat*innen oder Poet*innen aus dem Nahen Osten schreiben vor allen Dingen (oft poetische) Texte nur für sich selbst. Künstler*innen fürchten oft Repressalien oder politische Verfolgung, wenn sie sich politisch äußern, und schrecken aus diesem Grunde davor zurück, mit einer expliziten Meinungsäußerung an die Öffentlichkeit zu treten – und das ist ihr gutes Recht. Auch über die Gefahren von Retraumatisierungen sprachen wir. Anja erinnerte in diesem Zusammenhang auch an unsere Väter und Großväter, die nach ihrer Rückkehr aus dem zweiten Weltkrieg nie über das Erlebte reden wollten. Das "Unaussprechliche" muss irgendwie verarbeitet werden, aber nicht unbedingt in der Kunst, soviel Freiheit muss sein.

Einige Redaktionsmitglieder meinten, es sollte jeder Person selbst überlassen sein, ob und auf welche Weise sie sich politisch äußern oder engagieren möchte. Und nicht jede/r geflüchtete Künstlerin/Künstler sei bereit und/oder kompetent, sich über die „großen Themen“ zu äußern. Kritisiert wurde zudem , dass sich Jürgen in seinem Text auf Beobachtungen der iranischen/syrischen Künstlerszene in Hannover stützt, genauer: auf Künstlerinnen und Künstler, die bei kargah oder im Umfeld von kargah Ausstellungen gemacht haben. Es gebe beispielsweise in Berlin oder London andere Gruppen von geflüchteten Künstler*innen, die sich sehr stark politisch äußerten und engagierten.

Iranische Künstler*innen aus London stellen bei kargah e.V. aus

Ein gutes Beispiel dafür ist die gerade geplante Ausstellung : Imagine you´re flying. Elf iranische Künstler*innen aus London stellen ihre Arbeiten bei kargah e.V. vor. Sie möchten die oft vergessene, pulsierende iranische Kulturszene aus Großbritannien sichtbar machen. Viele der Maler*innen bewegen ähnliche Themen. In ihren Werken verarbeiten sie die eigene Migrations- bzw. Fluchtgeschichte, verweisen auf politische Repressionen im Iran und setzen sich auf abstrakte Weise mit den eigenen Gefühls- und Gedankenwelten auseinander. „Wir wollen in einer Welt ohne Leiden leben und durch unsere Kunst Hoffnung geben und miteinander in einen Austausch kommen“,

Auch direkt hier in Hannover gibt es viele positive Beispiele, die zeigen, dass einige Künstler*innen Kunst und Protest verbinden. Z.B. formieren sich aktuell gerade die „Artists4future“, ihr erstes Treffen ist am 27.8.17:00 Uhr Ihmepassage 4.

Mein Fazit ist daher meine Forderung zu Beginn dieses Textes "Lass den Künstler*innen ihre Freiheit!"

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover