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Der Verleger Samer Al Kadri

Arabische Buchausstellung

Ein Gespräch mit dem Buchhändler und Verleger Samer Al Kadri

Die Ausstellung fand am 06. und 07. Juli in Hannover-Linden statt. Obgleich Al Kadri mit interessierten Kunden Gespräche führte, war er spontan bereit für ein kurzes Interview im kargah-Café .

  Jürgen Castendyk | 22.07.2019

Erster Eindruck über den gebürtigen Syrer Al Kadri: aufgeschlossenen, gewelltes Haar mit ersten grauen Strähnen, Bart, leicht farbige Brille und ein sympathisches Lächeln (auf dem Bild vorne links).

Wie bist du auf kargah e. V. als Ort für deine Buchausstellung gekommen?

Wir sind seit vielen Jahren auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Aber wir sind noch nie in einer anderen deutschen Stadt gewesen. Das Institut „Inana“ hat für uns den Kontakt vermittelt.

Wo ist dein Verlag angesiedelt?

Mit meiner Frau und unseren zwei Töchtern wohnen wir in Avenhorn in der Mitte von den Niederlanden. Dort ist auch das Verlagsbüro.

Seit wann bist du Verleger?

Nach der Zerstörung meiner Heimatstadt Hama im Jahr 1982 sind meine Eltern nach Damaskus gezogen. Dort habe ich ein Studium der Malerei abgeschlossen. An der Akademie habe ich auch meine Frau Gulnar kennengelernt. Sie ist Illustratorin. Anfang der 90er Jahre arbeitete ich zuerst als Maler und Grafiker und wechselte dann 1998 zum ersten arabischen Kinder-Fernsehkanal „Spacetoon“. Sieben Jahre später gründete ich mit meiner Frau den auf Kinderbücher spezialisierten Verlag „Bright Fingers“. Die Bücher gestaltet meine Frau.

Du verkaufst als Buchhändler aber auch arabische Literatur. Seit wann?

Im Jahr 2012 verließen wir Damaskus, weil während einer Geschäftsreise nach Abu Dhabi unser Verlagsgebäude von Sicherheitskräften durchsucht worden war. Das Buchlager wurde völlig zerstört. Meine Frau und ich flogen gar nicht erst nach Damaskus zurück, sondern gleich nach Amman in Jordanien. Dort wohnten wir ein Jahr und verkauften Bücher von anderen Verlagen. Dazu gehörten arabische Literatur sowie arabische Übersetzungen europäischer Literatur, so zum Beispiel Kafka und Tolstoi. Von einer türkischen Kinderbuchautorin erhielten wir eine Einladung nach Instanbul. Wir fühlten uns dort so wohl, dass wir beschlossen zu bleiben. Meine Frau und ich gründeten 2015 mit Hilfe von Freunden das syrische Kulturzentrum „Pages bookstore café“ mit Buchladen, Bibliothek und einem Veranstaltungsraum für Lesungen und Ausstellungen. Auch ein Café gehört dazu. Das Pages gibt es bis heute. In Istanbul haben wir auch wieder begonnen, eigene Kinderbücher zu verlegen.

Seit wann lebt und arbeitet ihr in den Niederlanden?

Wir sind seit zwei Jahren dort. Es sind viele syrische Flüchtlinge nach Europa gekommen. Aber es gibt noch zu wenig syrische Kulturzentren. Deshalb haben wir nach dem Vorbild in Istanbul auch in Rotterdam und in Amsterdam jeweils ein „Pages Bookstore Café“ gegründet.

Auch der Kinderbuchverlag ist mit uns umgezogen. In den Niederladen ist es einfacher, unsere arabischen Kinderbücher in verschiedene europäischen Sprachen zu übersetzen. Weiterhin verkaufen wir Bücher über das Internet von anderen Verlagen. Meistens ist es arabische und europäische Literatur mit den jeweiligen Übersetzungen.

Wer liest und kauft eure Bücher? Ist es die Mittelschicht?

Es sind auch Deutsche, die Arabisch lesen können. Am meisten verkaufen wir Übersetzungen europäischer Literatur an Menschen mit Arabisch als Muttersprache. Ja, meistens kommen sie aus der gebildeten Mittelschicht. Aber auch Menschen mit wenig Geld kaufen hier ein oder zwei Bücher. Migrant*innen erwerben auch gerne arabische Kinderbücher als Geschenk für ihre Kinder und Enkelkinder. In deutschen Buchläden sind sie meist nicht zu haben. Was die Bibliotheken der Hochschulen an arabischer Literatur verleihen, weiß ich nicht. Damit haben wir noch keine Erfahrungen gemacht.

Wie steht es um die Sprachkompetenz der Kinder von Arabisch sprechenden Eltern in Europa?

Ich habe keine großen Erfahrungen mit arabischen Sprachkenntnissen von Kindern. Meine Tochter kann nachmittags in der Schule freiwillig Arabisch lernen. In den meisten Schulen in den Niederlanden gibt es keinen arabischen Schulunterricht. Aber es gibt andere Zentren wie unsere. Natürlich ist mir meine arabische Muttersprache wichtig und ich verteidige sie. Aber wichtiger als die Sprache ist mir die Kultur. Hauptsache ist, man kann sich verständigen.

Am Ende unseres Gespräches kommt Ali Omar mit seiner Oud in das kargah-Café. Ein Kollege wartet schon mit seinem Instrument, auch eine Oud, das klassische Saiteninstrument des Orients. Sie werden gleich in der Buchausstellung gemeinsam singen und spielen.

Kann man die Musik verstehen, ohne die Sprache zu kennen? Samer Al Kadri steht auf, nickt, lächelt und sagt: natürlich.

Als Übersetzer half das Redaktionsmitglied Abdulrahman Afif.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover