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Banner der Ausstellung Philosophie zwischen Schwarz und Weiß

Ausstellung und Diskurs

Schwarz sein und deutsch sein

Ein Projekt des ADV Nord bietet eine Ausstellung, Lesungen und Gespräche zum Thema

  Jürgen Castendyk | 04.10.2017

I) Koloniale Zerrbilder beherrschen noch immer die Sicht auf Afrika
Einschätzungen aus der Kolonialzeit prägen immer noch die Bilder über den Kontinent. Den Afrikaner*innen wird häufig unterstellt, keinen Sinn für Kunst und Philosophie zu haben, ohne Intellekt von der Aufklärung unberührt zu sein und sich demokratischen Prinzipien zu verweigern. Die Berichterstattung in den Medien konzentriert sich auf Bürgerkriege, Hunger, Diktaturen, Korruption, Epidemien und Naturkatastrophen. Bis heute ist europäische Afrikapolitik eher Ausbeutungs- und Entwicklungspolitik als die gleichberechtigte Kooperation zwischen Staaten. Europas inhumane Abwehr afrikanischer („Armuts“-)Flüchtlinge hat die Situation von Afrikaner*innen in Deutschland zusätzlich erschwert. Sie sind im besonderen Maße täglichen Diskriminierungen ausgesetzt.

Es ist dem Afrikanischen Dachverband Norddeutschland e. V. (ADV Nord) zu danken, die ungelösten Probleme in verschiedenen Veranstaltungen aus Sicht der betroffenen Afrikaner*innen in Niedersachsen auszuleuchten.

Das Projekt „Philosophie zwischen Schwarz und Weiß“ ist vielfältig

Die Broschüre
Zusammenfassender Kern des Projektes des ADV Nord ist eine Broschüre im Umfang von 40 Seiten. Mehrere Autoren behandeln wesentliche Aspekte der Diskriminierungen im kolonialen Kontext: Vom „Hof- und Kammermohren“ über „Deutsche Kolonialgeschichte“ bis zu den Themen „Institutioneller Rassismus“ und „Schwarzsein im Deutschsein“. Breiteren Raum nimmt die Nachzeichnung des Lebens und Wirkens des „deutschen“ Philosophen Anton Wilhelm Amo Afer ein. Er wurde ca. 1704 im Alter eines Kleinkindes dem Herzog Anton Ulrich von Braunschweig von der Westindischen Compagnie geschenkt. Nichts Ungewöhnliches zu jener Zeit, da sich der Adel gerne mit exotischen Dienern schmückte. Die Biografie Amo Afers verlief aber völlig anders. Er wurde nicht „Hofmohr“, sondern getauft und erhielt aufgrund seiner herausragenden Begabung eine umfassende humanistische und sprachliche Bildung. Amo Afer durfte mit Unterstützung des Fürstenhauses Philosophie und Rechtswissenschaften studieren. Nach seiner Promotion lehrte er an den Universitäten Halle und Wittenberg. Schriften von Amor Afer sind noch heute in der Leibniz Bibliothek in Hannover zu finden. Nach 42 Jahren in Deutschland kehrte er in seine Heimat, dem heutigen Ghana, zurück. Und das mit einem Handelsschiff derselben Compagnie, die ihn verschleppt hatte. Über sein weiteres Leben ist nichts bekannt. Auf dem neuen Grabstein vor dem Fort San Sebastian bei Shama steht das Sterbedatum 1784. Die Universität hat Halle-Wittenberg hat zum Gedenken an Amo Afer ein Denkmal aufgestellt und einen Preis für Studenten*innen geschaffen.

Die Broschüre ist aber keinesfalls eine akademische Abhandlung. Es gibt darin einen aktuellen “Fragebogen: Rassismus im Alltag“, die Aufstellung „Weißsein im Widerspruch“ und Antworten auf die Frage „Was ist Rassismus?“. Auf vier Seiten beschäftigt sich die Broschüre mit der fragwürdigen „Gedächnispolitik“ in Hannover. Beispiele dafür sind Straßennamen mit kolonialem Hintergrund wie die „Walderseestraße“ und die „Woermannstraße“. Aber es gibt auch positive Veränderungen. Die Umbenennung des „Karl-Peters-Platzes“ in „Bertha-von-Suttner Platz“ und der „Lettow-Vorbeck-Allee“ in „Namibia-Allee“.

Die auch für Schulen geeignete Broschüre kann beim ADV Nord e. V. bestellt werden: Mail: info@adv-nord.org; Tel.: (0511) – 2 61 15 85

II) Die Ausstellung im Pavillon
„Schwarz.Weiß.Deutsch. Afrikaner in Niedersachsen - Eine Spurensuche“ heißt die Ausstellung im Foyer. Sie greift die Inhalte der Broschüre mit gestalterischen Mitteln wieder auf. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte und Gegenwart von Afrikaner*innen in Niedersachsen und versucht, der mangelnden Würdigung entgegenzuwirken.
Die Ausstellung im Pavillon ist in der zweiten Phase noch vom 10. bis 24. Oktober zu sehen.
Vom 13. November bis zum 15. Dezember wird die Ausstellung im Freizeitheim Vahrenwald gezeigt.

Eröffnungspodium zur Ausstellung am 13. September im Pavillon
Der Präsident des ADV Nord, Abayomi O. Bankole (gebürtig aus Nigeria), Initiator und Koordinator des Projektes, konnte auf dem Podium drei Afrikaner*innen in Niedersachsen als Gäste begrüßen: Mo Asumang, Autorin und Regisseurin (Vater Ghanaer, Mutter Deutsche), den Literaturwissenschaftler Dr. Florentin Saha Kampa (Moderation, gebürtig aus Kamerun) und den Biophysiker an der Leibniz Universität Hannover, Prof. Dr. Anaclet Ngezahayo (gebürtig aus Burundi). Die Diskussion auf dem Podium war lebhaft und kontrovers.

In seinem Eingangsstatement sagte Prof. Ngezahayo: „Natürlich bin ich Afrikaner. Als Hochschullehrer habe ich mit meinen Studenten*innen damit keine Probleme... Es kommt mir nicht in den Sinn, dass ich schwarz bin. Ich weiß nicht, was meine afrikanische Kultur ist. Was ist deutsch? Schweinshaxe und Goethe? ...Schwarze Flüchtlinge können Deutsch lernen und sich integrieren... Warum werden Rechtsradikale in den Medien herausgestellt? Warum nicht die normalen Menschen, die zu einer Zusammenarbeit bereit sind?“

Frau Asumang hat einen afrikanischen Vater und eine deutsche Mutter. Sie ist deutlich jünger als Prof. Ngezahayo. Die deutsche Gesellschaft empfindet sie als offen. „Probleme gibt es heute durch Leute, die aus dem Rassismus Kapital schlagen. Sie wollen dafür sorgen, dass ich keine Chancen habe. Der Mob will seine Privilegien verteidigen. Auch ich werde in den Sozialen Medien bedroht, `die nächste Kugel ist für dich`... Ich wollte durch mein Buch und meine Filme eine stramme Deutsche werden. Meine Verwandten in Ghana sehen mich tatsächlich als Deutsche. Ich empfand meine Heimat als zwischen den Stühlen sitzend. Mein Vater sagte: Schlage Brücken... Als Theatertherapeutin habe im Knast meinen ersten Nazi kennengelernt. Nachdem er aus dem Knast kam, ist er nach vielen offenen Gesprächen ein Freund geworden. Man muss handeln und eine Strategie des Herzens haben.“

In der Diskussion mit dem Publikum wurden die Probleme Afrikas überwiegend mit den Folgen der europäischen Kolonialpolitik erklärt. Zeitnahe Probleme der afrikanischen Staaten durch autokratische Regierungsformen, Korruption durch Eliten und Misswirtschaft würden durch die Medien einseitig hochgespielt. Afrika sei ein Kontinent im Aufbruch. Die vielen Staaten befänden sich aber in sehr unterschiedlichen Stadien der Entwicklung. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämen überwiegend durch die Ausbeutung von Rohstoffen durch die Industriestaaten des Westens und durch ungerechte Handelsverträge zwischen der Europäischen Union und afrikanischen Staaten.

III) Bemerkungen über unterschiedliche Sichtweisen über die Zukunft Afrikas
Die unvorstellbaren Menschenrechtsverletzungen durch den Sklavenhandel und der Völkermord europäischer Kolonialmächte sind eine immer noch nicht aufgearbeitete Schande. Deutschland macht da keine Ausnahme. Auch die willkürlichen Grenzziehungen der Kolonialmächte belasten immer noch die mittlerweile seit siebzig Jahren selbständigen Staaten. Natürlich sind die Handelsverträge mit Europa ungerecht. Alles richtig. Aber sind das die alleinigen Zukunftsfragen beim Aufbruch Afrikas? Ist an den nicht durch freie Wahlen hervorgegangenen Diktatoren und ihren korrupten Eliten nur der Westen Schuld? Warum verkaufen die ärmsten Länder Afrikas ihre fruchtbarsten Böden an Saudi Arabien und China? Warum spalten Terroristen mit religiösen Begründungen ganze Staaten? Darf die westliche Presse über die genannten Probleme nicht berichten?

Die Deutungshoheit über die afrikanischen Probleme ist auch eine Generationsfrage. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen zwischen afrikanischen Migranten und den Deutschen mit afrikanischen Wurzeln, die hier mit Erfolg das Bildungssystem durchlaufen haben. Der Konflikt wurde von Frau Asumang nur angedeutet („Brücken bauen“). Fühlen sich die Jungen nicht durch die Alten in den etablierten Verbänden vertreten? Interessant ist die Neugründung eines afrikanischen Vereins der jüngeren Generation in Hannover: „Afropäa“ (eine Internetseite ist noch im Aufbau). Eine Vorschau auf die geplanten Aktivitäten des Vereins gibt das kürzlich erschienene Porträt von Claudia Ermel: „"Visionen für Afrika gemeinsam denken":http://welt-in-hannover.de/index.php?article_id=6318&clang=0“

Gespräche und Lesungen im Rahmen des Projektes „Philosophie zwischen Schwarz und Weiß“
Eine Lesung des afrikanischen Romanautors Elnathan John hat bereits am 16. September im Pavillon stattgefunden.
Am 16. Oktober, 19.00 Uhr, findet ein Gespräch zwischen Peggy Piesche (Literatur- und Kulturwissenschaftlerin) und Dr. Blaise Pokos (Pädagoge) im Pavillon statt. Thema: "Freiheit, Gleichheit, Kolonialismus. Zur Entwicklung des Rassismus im Zeitalter der Aufklärung"
Am 13. November, 19.00 Uhr diskutieren im Freizeitheim Vahrenwald Dr. Florentin Saha Kampa (Literaturwissenschaftler), Dr. Gerhard Stamer (Leiter des philosophischen Instituts „Reflex“) und Dr. Blaise Pokos (Stadt Hannover) über die Aktualität der philosophischen Schriften von Dr. Anton Wilhelm Amo.
Am 12. Dezember, 20.00 Uhr, ließt die Autorin und Juristin Petina Gappah im Literarischen Salon aus ihrem Erzählband: „Die Schuldigen von Rotten Row. (Un-)Rechts-Erzählungen aus dem Strafgericht“. Die Stories spielen in der Hauptstadt von Simbawe, Harare.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover