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Haifisch gelb mit gefletschten Zähnen

Herrenhäuser KunstFestSpiele

Ein einfallsreiches Programm voller künstlerischer Visionen

Ein glanzvolles Fest zum 10. Geburtstag!

  Jürgen Castendyk | 11.06.2019

Konzert zum Gedenken an Frank Zappa "The Yellow Shark"


Das Jubiläumsfest am 10. Mai begann um 13.00 Uhr an der Christuskirche (Nordstadt) und ging weiter im Gartentheater, Schlosshof, Galerie, Orangerie und dem Festzelt bis 24.00 Uhr. Es gab Tanz- und Performancegruppen, Konzerte und Klangobjekte für Kinder. Das Festival gab sich volkstümlich: „umsonst und draußen“. Der Intendant der FestSpiele, Ingo Metzmacher, immer für Neuheiten zu haben, dirigierte ein Platzkonzert des symphonischen Blasorchesters der Feuerwehr Hannover. Welch ein Spaß für ihn, das Orchester und das Publikum. Man sah und hörte es. Bei strahlendem Wetter und geschätzten 15.000 Besucher*innen war die kostenlose Öffnung des Festivals für alle ein Erfolg.

Greenhouse von Gudrun Baranbrock
Greenhouse von Gudrun Baranbrock

Greenhouse - ein Treibhaus der Bilder

Erst bei Dunkelheit zogen allerlei Pflanzen und Insekten in das gläserne Arne Jacobsen Foyers ein. Die begehbare Video- und Klanginstallation von Gudrun Barenbrock konnte während des gesamten Festivals vom 10. bis 26. Mai ohne Eintritt besucht werden. Die sich endlos wiederholenden Textpassagen wurden abgelöst von einheimischen und exotischen Pflanzen in meditativ wirkenden Bewegungen. Alles in schwarz-weiß. Es entstand eine vielschichtige Komposition, die alle Sinne ansprach: ein flüchtiger, fließender, umherschweifender und wuchernder Rhythmus aus Licht und Klang. Aus den Texten war das Rezept zu entnehmen, wie man aus Ananasschalen einen würzigen Saft gewinnen kann. Insektensterben und Umweltschutz wurden nicht angesprochen.

Begehbare Skulptur „Copy Service“ im Ehrenhof des Schlosses.

Ebenfalls umsonst konnte das Negativ der Schlossfassade als Gussform im originalen Maßstab besichtigt und begangen werden. Das Künstlerkollektiv YRD.Works reflektierte ironisch die Idee der Nachbildung historischer Bauwerke, indem die Skulptur eine industrielle Fertigung und damit beliebige Reproduzierbarkeit andeutete. Ohne die Interpretationen aus dem sehr informativen Programmheft des Festivals war es für die Interessierten nicht einfach, die konzeptionelle Idee der Skulptur zu entschlüsseln.

Frank Zappa, gespielt vom Ensemble Modern

Ein Höhepunkt des Festivals war sicherlich das Konzert am 18. Mai in der öden Eilenriedehalle des Congress Centrums. Zappa lästerte damals schon über die „Fabrikhalle“. Das Besondere: vor genau 40 Jahren hatte er dort ein Konzert mit eigenen Werken dirigiert. Schon damals galt das Ensemble Modern aus Frankfurt als „ultimatives Instrument“ für „unspielbare“ Musikproduktionen der Neuen Musik. Nun war Ingo Metzmacher der souveräne Dirigent. Auf dem Programm standen "The Yellow Shark" und "Greggery Peccary & Other Persuasions". Von Zappa wurde „Yellow Shark“ eigentlich für eine Rockband geschrieben. Nach seinem Tod im Jahr 1993 haben zwei seiner Mitarbeiter das Stück kongenial für das Ensemble Modern in eine orchestrale Sprache übersetzt. Das spielfreudige Ensemble glänzte mit Eleganz und Präzision. Die atemberaubenden Kompositionen mit ihrem unglaublichen Materialreichtum folgten dem Konzept von Zappa: ein „Film für die Ohren“. Wirkt der legendäre Multimediakünstler Zappa, Ikone des Underground, heute noch immer als ein musikalischer Revolutionär? Durch ein symphonisches Orchester gespielt, wirkt seine Musik heute wie gezähmt. Ohne die lässigen Provokationen bei seinen Auftritten, ohne seine Zeit, als gehofft wurde, gerade auch mit zeitgemäßen Musik könnte die Welt zum Besseren verändert werden, fehlte die als Kontext nötige Aufbruchstimmung. Frank Zappa als Klassiker der Moderne? Hätte ihm das gefallen? Eher nicht.

Complete Works: Table Top Shakespeare

Vom 11. bis 18. Mai führte das englische Künstlerkollektiv Forced Entertainment in der Warenannahme von Faust sämtliche 36 Dramen von Shakespeare auf. Dauer: jeweils 45 bis 60 Minuten. Größenwahnsinnig? Nicht ganz. Jeweils wenige Schauspieler*innen lasen die selbst formulierten Texte als Kurzfassungen der Dramen in englischer Sprache vor. Ein Tisch diente als Bühne. Hufeisenförmig waren um den Tisch einfache Regale aufgestellt mit allerlei Zutaten zum Kochen. Flaschen mit Olivenöl verwandelten sich in Könige und Salzstreuer in Diener. Inhaltlich zugespitzt und mit hinreißendem Witz wurde das Publikum von sprechenden Tassen und Senfgläsern mitgenommen in eine Welt von ernster Verspieltheit. Wie Puppenspieler hauchten die Performer*innen ihren liebevoll vorgestellten Objekten Leben ein, und führten das Publikum an die verschiedensten Orte von Shakespeares Universum. Die Vorstellungen waren zumeist ausverkauft. Nicht wenige hatten ein Abo für sämtliche Vorstellungen an neun Tagen.

Le Catalogue d´Oiseaux von Olivier Messiaen, gespielt von Pierre Laurant-Aimard
Le Catalogue d´Oiseaux von Olivier Messiaen, gespielt von Pierre Laurant-Aimard

Ein Pianist spielt vom späten Nachmittag bis zum frühen Morgen

Mit Unterbrechungen von 17.00 bis 6.00 Uhr spielte der Pianist Pierre Laurant-Aimard an vier Orten im Großen Garten alle vier Teile des „Catalogue d`Oiseaux“ von Olivier Messiaen. Es ist eine Hymne an die Natur mit ihren vielfältigen Vogelstimmen. Ein Marathon ohne Zuhörer am frühen Morgen? Erstaunlich viele hörten in Decken gehüllt bis zum Ende zu. Gut versorgt durch Speisen und Getränke aus dem bunten Festzelt. Wie es sich der Komponist gewünscht hätte, sangen in der Abenddämmerung und in der Früh die Vögel in den blühenden Gärten. Und das Wetter spielte mit, kühl, aber ohne Wolken.

Ungewöhnliche Orte wie die Turnhalle des Deutschen Hockey-Clubs an der Graft und ungewöhnliche Formen der Aufführungen sind eine Art Markenzeichen der FestSpiele geworden. Der allgegenwärtige Dramaturg, Stephan Buchberger, reist das ganze Jahr, um sich Produktionen anzusehen. Er lädt die Künstler*innen ein und trifft Vereinbarungen, wie neue Stücke, Performances, Konzerte und Installationen inszeniert oder vorhandene an die Gegebenheiten der Herrenhäuser Gärten Hannover angepasst werden könnten. Das spricht sich herum. Immer mehr Stars kommen als Akteure zu den internationalen FestSpielen.

Die FestSpiele gaben sich einladend und locker. Besucher*innen konnten im Festivalzelt, oder bei gutem Wetter davor, nach einigen Aufführungen mit den Künstler*innen ins Gespräch kommen. Die Freitagsküche aus Frankfurt bot leckere Speisen an, die auch sonst zu erschwinglichen Preisen während des Festivals zu haben waren. Auf einer Wiese neben dem Zelt standen Duzende von Liegestühle zum Verweilen.

Geschätzte 18.500 Besucher*innen kamen zu den regulären Veranstaltungen des Festivals. Das bedeutet eine Auslastung von 90%. Noch ein größerer Erfolg als im letzten Jahr. Die FestSpiele im Jahr 2020 finden vom 15. Mai bis 1. Juni statt.

Fotos: Helge Krückeberg

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover