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Iyabo

Iyabo für Hannover

Kann die Kulturmanagerin auch Oberbürgermeisterin?

Allmählich begeben sich die Kandidat*innen für die Oberbürgermeisterwahl in Hannover in Stellung. WiH interviewte hierzu Iyabo Kaczmarek, bisher die einzige Frau in der Reihe.

  Claudia Ermel | 09.06.2019

Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok ist zurückgetreten. Spätestens zum Jahresende werden die neuen Kandidat*innen für das Amt des Oberbürgermeisters zur Wahl antreten. Alle wahlberechtigten Hannoveraner*innen ab dem Alter von 16 Jahren haben dann die Möglichkeit, unter den Bewerber*innen der Person ihrer Wahl eine Stimme zu geben.

Iyabo Kaczmarek, die bisher als einzige weibliche Kandidatin antritt, wurde vor 45 Jahren in Hannover geboren, hat während der Vorschulzeit in Misburg gelebt und ab der Schulzeit wohnte sie in der Nordstadt. Sie war Waldorfschülerin :-) Mit 16 ist Iyabo von zu Hause ausgezogen und hat seitdem in Badenstedt, der List, Südstadt, Calenberger Neustadt und in allen Teilen von Linden (Süd, Mitte, Nord) gewohnt. Auch heute wohnt sie in Hannover-Linden. Durch ihre langjährige Arbeit als Kulturmanagerin in der Landeshauptstadt ist Iyabo gut vernetzt. Bei dem Projekt „Unter einem Dach“, das sie zusammen mit Alexandra Faruga initiiert hat, engagiert sie sich aktiv für Integration und Teilhabe von Migrant*innen und Geflüchteten im engen Austausch mit hannoverschen Unternehmen.

Iyabo ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Ihr heute 25jähriger Sohn wiederum hat einen Vater, der Halb-Pakistani ist. Iyabo ist also Hannoveranerin mit einer echt kosmopolitischen Familiengeschichte. Warum sie für das Amt der Oberbürgermeisterin brennt, erzählte sie im Interview.

Iyabo, du kandidierst in deiner Heimatstadt Hannover als Oberbürgermeisterin ohne politische Partei im Rücken. So ein Wahlkampf kostet doch auch eine ganze Menge Geld. Wie willst du das denn finanzieren?

Durch meine langjährige Arbeit bin ich so gut vernetzt, dass ich mit Freude sagen kann, dass die über Jahre gewachsene Vernetzung jetzt ganz besondres zum Tragen kommt. Ich habe aus allen Bereichen und von so vielen Menschen kostenfreie Unterstützung angeboten bekommen. Wahlkampf geht auch ohne Geld, wenn eine große Community unterstützt.

Aber auch für die Organisation eines Wahlkampfes brauchst du zumindest ein kompetentes Team.

Erst einmal bin ich selbst erfahrungsgemäß sehr multitaskingfähig. Aber außerdem hat sich bereits eine beeindruckende Menge an Unterstützer*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammengefunden. Nicht nur aus der Kulturszene, in der ich ja zuhause bin, sondern aus vielen verschiedenen Gruppierungen. Gemeinsam werden wir in Kürze also mit unserer Kampagne loslegen. Es gibt so viele Möglichkeiten, durch das Teilen von Kompetenzen kann sehr viel erreicht werden.

Auf deiner Internetseite Iyabo für Hannover kündigst du an, dass du die Bürger*innen erst einmal befragen willst, was ihnen wichtig ist, um dein Konzept zu entwickeln. Wie stellst du dir das vor?

Ich glaube, wir müssen wieder Demokratie erlebbar machen, den wirklichen Dialog mit den Bürge*innen suchen. Aufeinander zugehen, miteinander sprechen. Es muss wieder einen echten Dialog zwischen den Menschen, die hier leben und jenen, die sie verwalten geben. Ich möchte die Bürger*innen befragen, was sie bewegt, möchte hören, wie sie sich ihr Leben vorstellen. Erst dann kann ich ja ein richtiges Programm haben.

Das klingt ja sehr gut, aber wie willst du die Menschen davon überzeugen, dass du das auch wirklich hinkriegst mit dem Oberbürgermeisterjob?

Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen drum. Am Ende geht es ja auch um Sympathie. Und die Menschen wollen abgeholt werden. Sie wollen das Gefühl haben „Ich fühle mich gesehen“. Nicht die, die Politisch engagiert sind, da zählen andere Gründe. Aber ich frage mich: Was ist für die Menschen gerade wichtig? Wohnen, Altersversorgung, Mobilität. Was ist bei jedem ein spezielles Thema, wo sie abgeholt werden möchten? Mich interessiert schon immer ganz stark.: Was möchten die unterschiedlichen Menschen, die hier in Hannover leben, was bewegt sie. Ich habe mich immer wieder in ganz unterschiedliche Lebensbereiche begeben, um dort vorort nachzufühlen, Impulse zu bekommen, wie ist das Leben dort, wie fühlt sich das für die Menschen an, in der Justizvollzugsanstalt oder im Altenheim. Erst dann konnte ich hinterher zu dem Thema etwas inszenieren , zur Aufführung bringen.

Aber mal ernsthaft. Als Oberbürgermeisterin ist ja nicht nur der Austausch mit den Bürger*innen wichtig, sondern es gilt ja auch noch die andere Seite zu regeln, die ganze Verwaltungsarbeit.

Dafür habe ich doch die ganzen Mitarbeiter*innen, die dort sitzen und bereits die Kompetenzen in ihrem Job haben. Da geht es ja einfach um Personalführung, was ich seit Jahren praktiziere. Ich glaube, dass auch da Gestaltung wieder möglich sein wird. Ein Verwaltungsbüro ist ein offener Ort, es braucht auch da neue Impulse. Ideen Konzepte gemeinsam entwickeln, gemeinsame Gespräche. Das ist in allen richtig großen Firmen üblich. Es gibt ganz viele Bereiche mit denen ich durch meine Arbeit immer wieder zu tun hatte. Es gibt Formate, das machen alle anderen großen Betriebe auch, es muss einen Think Tank geben, Workshops, wir müssen miteinander reden. Die Menschen sollen sich neu hinterfragen, warum mache ich diesen Job eigentlich?

Aber dann gibt es da auch noch den Rat, dessen Mitglieder über alles abstimmen, was du dann durchsetzen musst.

Die Forderungen aus der Bürgerschaft müssen so konkret formuliert werden, dass der Rat von Notwendigkeiten überzeugt wird. Wir können unsere Stadt durchaus alle gemeinsam gestalten. Man kann ja Verbündete im Rat finden, um etwas zu erreichen. Es ist mühsam, aber wir müssen Demokratie wieder gestaltbar machen. Ideen und Vorschläge der Bürger müssen wir in den Rat als Anträge einbringen.

Und was ist mit den Bezirksbürgermeistern? Hast du da auch schon Kontakte geknüpft?

Toll. Es gibt hier großartige Stadtteilarbeit der Bezirksbürgermeister, die ja im Ehrenamt unglaublich viel leisten. Ich kenne ja einige von ihnen schon in den verschiedenen Stadtteilen. Es ist großartig, was die Bezirksbürgermeister alles schon vollbracht haben, oft machen sie zwei Vollzeitjobs gleichzeitig. Ganz großes Lob, was da in der Stadtteilarbeit geleistet wird, Hainholz ist ein sehr gutes Beispiel, aber auch einige andere. Das ist allerdings oft unglaublich, was ganz allein auf deren Schultern lastet. Hier könnte eine bessere Arbeitsteilung auch noch einiges verbessern. Die Stadtteile haben große ungenutzte Potentiale. Wir haben ja immer noch sehr viel Raum, der genutzt werden könnte. Es ist noch so viel aufzuholen. Ich habe in sehr vielen Vierteln schon in der Stadtteilarbeit mitgemacht und gesehen was gerade die Bezirksmeister gemeinsam mit den Bürgerinitiativen alles auf die Beine stellen.

Die meisten Leute, mit denen ich über dich gesprochen habe, reagierten als erstes mit: „Oberbürgermeister, das bedeutet doch auch viel Verwaltungsgeklüngel. Wie will sie das denn hinkriegen? Was meinst du denn dazu?

Ich muss halt immer alles offen ansprechen und darüber mit den Menschen reden. Außerdem war Schostok auch kein Verwaltungsmensch, er war Sozialpädagoge. Schmalstieg übrigens am Anfang auch nicht. Der ist erst mit den Jahren zum Verwaltungsprofi geworden, hat sich in über 30 Jahren da natürlich richtig gut eingearbeitet.

Es geht hier ja vor allen Dingen um Personalführung, es geht ja um Menschen. Wollen wir uns denn vordringlich verwalten? Im Rathaus passiert doch auch gerade ganz viel, immer mehr junge Mitarbeiter*innen kommen dazu. Der offene Dialog mit den Bürger*innen braucht dringend neue Impulse.

Bei der Oberbürgermeisterwahl dürfen ja auch die jungen Menschen ab 16 Jahren schon ihre Stimme abgeben. Hast du bei den ganz jungen Wählern denn auch deine Netzwerke?

Klar, ich arbeite ja auch ganz viel mit jungen Menschen, mein Umfeld ist sehr alters- und kulturübergreifend. Gerade in der Stadtteilarbeit habe ich immer wieder in der jugendkulturellen Bildung mitgearbeitet. Ob die Jugendlichen dann auch alle zur Wahl gehen, ist da noch einmal die Frage.

Am Wochenende wurde nun auch der CDU- Kandidat in der HAZ vorgestellt. Und auch er meint: Wir brauchen in der Stadtverwaltung einen Neuanfang. Die Menschen müssen mehr in den Vordergrund rücken. Nach den Interviews mit Hansmann und auch mit dir stelle ich nun fest, dass ihr alle drei ähnlich argumentiert. Wie willst du dich da abheben? Wie willst du die Leute überzeugen?

Die Menschen entscheiden ja sowieso auch nach Symphatie. Und letztendlich nach Glaubwürdigkeit. Ja, wie entscheiden die Wähler? Ist ihnen jemand nach der äußeren Erscheinung angenehm? Wie entscheide ich als Wähler? Ich muss in dem, was die Person sagt, abgeholt werden.

Ich bin jedenfalls eine Person die sich weniger in der Verwaltung sieht als auf der Straße. Immer da wo die Menschen sind, fühle ich mich am wohlsten. Ich weiß nicht, inwiefern z.B. Herr Hansmann in seiner Stadt unterwegs ist. Ein ganz starker Impuls von mir ist, immer da mitzumischen, wo die Menschen sind, ob Theater im öffentlichen Raum, fête de la musique, Faust oder das Fährmannsfest. Ich habe immer viel mit Menschen zu tun gehabt bei meinem Veranstaltungsmanagement und gesehen, wie viele Potentiale überall noch existieren. Und dabei gibt es immer wieder Überschneidungen. Es gibt ganz viele Bereiche der Stadtverwaltung, mit denen ich schon seit Jahren zusammenarbeite

Was ist das denn nun genau, die Kampagne, die ihr plant?

Unsere Kampagne startet in Kürze . Zahlreiche Unterstützer*innen haben sich bereits zusammengefunden, um gemeinsam die Möglichkeiten einer Oberbürgermeisterinkandidatur auszuloten.

Mein Plan ist, ich würde gerne Lars Wichmann von Velogold ansprechen und fragen, ob er sich das vorstellen könnte, uns ein Lastenfahrrad zu leihen. Darauf könnten wir ein Podest installieren, Damit würde ich dann mit ein paar Leuten auf Fahrrädern durch die Stadtteile ziehen. Dazu vielleicht noch ein Setting mit jemanden aus der Musikszene als Begleitung. Das schafft Atmosphäre und nimmt den Menschen vielleicht ein wenig die Berührungsängste.

Und dann würde ich gerne an mehreren Orten ein flexibles Büro Bürgermeisterin in Vorbereitung einrichten, wo ich dann überall drei Tage sitze und mit den Bürger*innen rede, im Einzelhandel, Im türkischen Lebensmittelladen, überall und immer wieder würde ich an verschiedenen Orten für die Menschen zur Befragung und Bürgerberatung zur Verfügung stehen.

Von jedem und jeder, mit dem oder der ich spreche, könnte ein kleines Interview gemacht werden: „Warum würdest du Iyabo wählen? Oder warum eben nicht?“ Das könnte dann alles verschriftet werden und mit begleitenden Fotos auf meiner Webseite Iyabo-für-Hannover.de erscheinen. Oder als Video. Auf einer Karte ist dort dann immer auch zu sehen, wo ich gerade bin, und wo ich überall schon war. Jede*r der Lust hat, könnte sich beteiligen, mit uns von Ort zu Ort pilgern. Wir könnten unser Route ja auch ruhig ein bisschen durch die etwas abgelegeneren Gebiete legen.

Und wann geht’s los?

Ich muss da jetzt zügig mit anfangen, denn immerhin muss ich ja nebenbei auch noch Geld verdienen.

Das kannst du nicht. Wahlkampf ist ein Rund-um-die-Uhr-Job. Wenn du gar keine Finanzierung hast, das geht doch nicht. Was ist denn mit crowdfunding?

Nie wieder. Das ist so viel Arbeit, wir hatten eine crowdfunding-campagne mit Unter einem Dach. Das war immens viel Aufwand. Klar, wir könnten es mit einer anderen Plattform mal versuchen. Aber auch bei irgendeiner anderen Plattform ist das wieder zu viel Arbeit.

Aber ganz ohne Geld geht das doch nicht. Jedes einzelne Plakat bedeutet doch auch Materialkosten.

Da werde ich ja wohl dann doch um eine kleine Spende bitten. Aber vielleicht finden wir ja noch Möglichkeiten. Wir treffen uns ja mit allen Unterstützer*innen am Freitag und tauschen Ideen aus.

Gehst du denn zu den ganzen Veranstaltungen im Bereich Migration und Flüchtlingspolitik im Juni? (Ich nannte Iyabo einige Daten)

Hannover Kosmopolitisch, da war ich ja eigentlich als Rednerin eingeladen, aber dann hat die Stadtverwaltung nun entschieden, dass ich bei dem Event nicht reden darf, weil ich kandidiere. Da hätten sie ja mindestens auch einem anderen Kandidaten die Chance geben müssen. Das finde ich sehr schade aber - naja, dann ist das jetzt eben so. Aber hingehen kann ich ja trotzdem.

Ok, vielen Dank für das Gespräch und Tschüss bis spätestens bei Hannover kosmopolitisch am 24.06. um 17.00 Uhr in der FAUST Warenannahme.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover