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Szenenbild aus

Theateraufführung

"Um Himmels Willen, Ikarus!"

Eine griechische Sage wird von einer Theatergruppe aus Kairo neu gestaltet.

  Jürgen Castendyk | 27.05.2019

Auch mit kleinen Mitteln kann große Poesie entstehen.

Der Sage nach sind Ikarus und sein Vater Dädalus in einem Labyrinth auf Kreta eingesperrt. Sie finden nicht den Ausgang. Was tun, wenn die Bühne der Theaterwerkstatt Hannover zu klein ist, um ein Labyrinth als Kulisse aufzubauen? Man verlegt das Labyrinth in den Zuschauerraum. Dort werden aus Stühlen drei Kreisen gebildet. In jedem Kreis fehlen als Lücken jeweils zwei oder drei Stühle. Die Zuschauer*innen setzen sich und werden selbst zum Labyrinth. Das Spiel findet hautnah zwischen den Stuhlreihen statt. Was tun, wenn teure Requisiten nicht vorhanden sind? Man nimmt ein weißes Tuch mit aufgedrucktem Labyrinth. Ein Zirkel ist nützlich, um auf dem Tuch zu berechnen, wo der Ausgang des Labyrinths sein könnte. Wenn die Berechnung nicht einen Weg aufzeigt, hilft erst mal ein alter Lederkoffer. Aus ihm wird eine Röhre hervor gekramt, um damit Lärm zu machen. Schließlich brauchen Verirrte dringend Hilfe. Hunger und Durst melden sich immer dringlicher. Und dann sind da noch eine Handvoll Federn. Und das Wichtigste: man braucht zwei Schauspieler, die durch ihr glaubhaftes Spiel die Gegenstände spielerisch zum Leben erwecken. Dann fügt die Fantasie der Zuschauer*innen das hinzu, was nicht zu sehen ist. Aber wenn die Schauspieler nur Arabisch sprechen? Dann ist eine Simultanübersetzung mit zwei Personen notwendig. Wenn das alles professionell zusammen geführt wird, entsteht Poesie.

Der Text des Stückes konzentriert sich auf den Autoritätskonflikt zwischen Vater und Sohn.

Ikarus stellt kritische Fragen. Warum findest du nicht aus dem Labyrinth heraus, das du selbst für König Minos gebaut hast? Warum hat er uns eingesperrt? Ist das seine Rache? Für was? Kommen wir jemals nach Hause? Die beginnende Aggression wird aufgehoben durch den rettenden Einfall von Ikarus, aus Federn und Wachs für sich und seinen Vater einen Drachen zu bauen, um aus dem Labyrinth zu entfliehen.

Am 14. Mai wurde in der Theaterwerkstatt im Pavillon eine komplizierte Geschichte einfach erzählt. Aber es war auch eine sehr schöne, poetische und authentische Theaterstunde, eine Inszenierung von spielerischer Leichtigkeit. Die komödiantisch gespielten Szenen erleichtern den Zugang zu einem eigentlich dramatischen Mythos. Trotz aller Warnungen des Vaters fliegt Ikarus übermütig der Sonne, der Freiheit entgegen. Durch die Wärme schmilzt das Wachs, an dem die Federn befestigt sind. Dädalus muss zusehen, wie sein Sohn ins Meer stürzt. Der Absturz wird nur erzählerisch vom Vater angedeutet, denn eigentlich ist das Theaterstück als 360 Grad Kindertheater konzipiert.

Die deutsche Botschaft verweigerte das Visum. Ein Schauspieler konnte bisher nicht einreisen.

Es gab in der Theaterwerkstatt auch Aufführungen von "Ikarus" mit deutschen Schauspielern. Im Rahmen eines Kulturaustausches hatte man für das von deutschen Autoren geschriebene Theaterstück den ägyptischen Regisseur Ahmed Ezzat Elalfy eingeladen. Er sollte das Stück auf seine Weise interpretieren.

Nach der Aufführung kamen mein Kollege Aduhlrahman Afif und ich ins Gespräch mit dem Regisseur. Unglaubliches wurde uns erzählt. Ahmed Ezzat Elalfy musste kurzfristig die Rolle des Ikarus selbst übernehmen. Der eigentlich dafür vorgesehene Schauspieler hatte von der deutschen Botschaft in Kairo nicht rechtzeitig ein Visum für den Schengen-Raum, also für die EU, bekommen. Begründung: die Heimreise sei nicht gesichert. Und das, obgleich es Verträge gibt für weitere Aufführungen im Theater Kampnagel in Hamburg und für das Grips Theater in Berlin. Es bleibt nur die Hoffnung, dass das Visum für diese Aufführungen noch rechtzeitig ausgestellt wird. Dann können auch noch weitere geplante Veranstaltungen in der Theaterwerkstatt realisiert und angekündigt werden.

Die Verweigerungen bzw. Verzögerungen bei der Erteilung von Visa für Künstler*innen zeigen auf erschreckende und beschämende Art wie sich die Festung Europa immer weiter abschottet. Damit wird der Kulturaustausch mit sogenannten Drittländern erschwert oder schlimmstenfalls unmöglich gemacht. Ein Armutszeugnis für die EU. Und das kurz vor der Wahl zum Europäischen Parlament.

Fotos: Jürgen Castendyk

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