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V-Männer Ludil und Berger rocken_Szenenbild aus dem Stück

Theaterstück "Celler Loch"

Feuerzauber für eine wehrhafte Demokratie

Die vom Verfassungsschutz im Jahr 1978 gelegte „Staatsbombe“ an der Celler Justizvollzugsanstalt ist jetzt als Musikstück im renommierten Schlosstheater Celle zu sehen. Ein ergänzender Bericht.

  Wolfgang Becker | 14.05.2019

Knastmauer an der Aller - hier wurde im Juli 1978 ein Loch gesprengt
Knastmauer an der Aller - hier wurde im Juli 1978 ein Loch gesprengt
Knastmauer an der Aller - hier wurde im Juli 1978 ein Loch gesprengt
Knastmauer an der Aller - hier wurde im Juli 1978 ein Loch gesprengt

Eigentlich sind es drei Inszenierungen: Am 25. Juli 1978 sprengt der Verfassungsschutz mit Amtshilfe der GSG 9 ein Loch in die Außenmauer des Celler Zuchthauses. Am 25. April 1986 platzt die Bombe in Hannover durch einen Bericht in der Hannoverschen Allgemeinen (HAZ) ein zweites Mal und führt zu Parlamentarischen Untersuchungen. Im Jahr 2019 bringt Regisseur Andreas Döring mit der Celler Band „Mutz & the Blackeyed Banditz“ die Geheimdienstaffäre als realitätsnahes Musikstück auf die Celler Theaterbühne.

Zu Beginn ertönt „Gimme Some Lovin'“ von der Spencer Davis Group. Die „Knastband“ mit dem Sänger Moritz „Mutz“ Hempel – der auch V-Mann Manfred Berger spielt – ist für das Theater frei erfunden. Ansonsten orientiert sich das seit dem 22. März 2019 im Celler Schloss gespielte Stück weitgehend an den historischen Gegebenheiten, insbesondere am umfangreichen Bericht des 11. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses des Niedersächsischen Landtags aus dem Jahr 1989.

V-Mann Berger bekommt Ausgang aus dem Knast_Szenenbild aus dem Theaterstück
V-Mann Berger bekommt Ausgang aus dem Knast
V-Mann Berger bekommt Ausgang aus dem Knast_Szenenbild aus dem Theaterstück
V-Mann Berger bekommt Ausgang aus dem Knast

Die Geheimdienstoperation „Aktion Feuerzauber“ sollte Wege in die RAF schaffen

Mit der „Staatsbombe von Celle“ wollte der Niedersächsische Verfassungsschutz 1978 V-Männern den Eintritt in linksextreme Kreise verschaffen. Erst 1986 wurde die Aktion durch einen HAZ-Bericht öffentlich bekannt – und entpuppte sich schnell als Geheimdienstposse. „Wir haben Feuerzauber gemacht und in die Mauer unserer eigenen Justizvollzugsanstalt ein Loch gesprengt“, brüstete sich Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) damals, „wir haben gemeinsam bewiesen, dass das Wort von der wehrhaften Demokratie keine Phrase ist.“

Das Celler Loch steht als Plastik am Eingang der Justizvollzugsanstalt
Das Celler Loch steht als Plastik am Eingang der Justizvollzugsanstalt
Das Celler Loch steht als Plastik am Eingang der Justizvollzugsanstalt
Das Celler Loch steht als Plastik am Eingang der Justizvollzugsanstalt

Das die seinerzeit nach dem Zeitungsbericht von Albrecht und seinen Leuten wortgewaltig und nicht ohne Absicht – es war fünf Wochen vor der Landtagswahl - vorgetragenen Erfolge der Geheimdienstaktion „Feuerzauber“ eher dem Wunschdenken der eingeweihten Politiker und der Verfassungsschützer entsprach, wird eindrucksvoll in dem Theaterstück vorgeführt. Dazu wird Lindenbergs „Rudi Ratlos“ gespielt. Die V-Leute Klaus-Dieter Loudil und Manfred Berger – beides schwerkriminelle Knackis – tun sich bei Freigängen aus der Celler Justizvollzugsanstalt in linksextremistischen Kreisen wichtig. Angeblich wollen sie zur Befreiung des dort für zwölf Jahre wegen Beteiligung an Banküberfällen, mehreren Bombenanschlägen und der Bildung einer kriminellen Vereinigung einsitzenden Sigurd Debus beitragen. Nebenbei klaut Berger unter amtlicher Deckung zwei Dutzend Autos und brüstet sich auch damit bei seinen Kontaktpersonen.

Alles Lüge – in der linken Szene bleiben die V-Leute erfolglos

Von Debus und ihren angeblichen Aktivitäten zu dessen Befreiung erzählen die V-Männer auch den Frauen von der Knastgruppe „Wildes Huhn“ in Salzgitter, auf der Bühne in Flower-Power Hippieklamotten und auf dem Selbsterfahrungstrip dargestellt. Von dort werden die rührigen „Lockspitzel“ an andere linke Aktivist*innen aus dem sogenannten „terroristischen Umfeld“ weitergeleitet: Etwa nach Frankfurt, Amsterdam, Hamburg, Paris und auch nach Hannover. Überall zeigen sie Waffen und brüsten sich mit der Sprengung in Celle, dem angeblichen Befreiungsversuch von Debus. Doch die auch vom Amt erhoffte Anerkennung und Unterstützung finden Berger und Loudil nie. Dazu intoniert die Band den Rio Reiser Song „Alles Lüge“. Die Bühne rockt und bekommt Applaus.

Auch zwei Verfassungsschützer agieren auf der mit interessanten Schiebekulissen ausgestalteten Theaterbühne. In Hannover haben sie im neu erbauten Verfassungsschutzgebäude zwischen Büttnerstraße und Mittellandkanal die Aktionen „Feuerzauber“ (Sprengung in Celle) und „Neuland“ (Einschleusung von V-Personen in das Umfeld der Roten Armeefraktion) ausgeheckt. Selbstverständlich haben die Herren vom Dienst – damals noch „Abteilung 4“ des Niedersächsischen Innenministeriums – ihre Vorgesetzten eingeweiht. Bis hin zum Ministerpräsidenten Albrecht, der die Wahl 1986 mit oder trotz „Celler Loch“ gegen seinen Konkurrenten Gerhard Schröder (SPD) knapp gewann und erst vier Jahre später seinen Stuhl räumen musste.

„Ein Ministerpräsident macht kein Theater ...“

Im Theaterstück ist die damalige Stimmung in der Staatskanzlei perfekt durch die Rolle von zwei Ministerialbeamtinnen wiedergegeben. Sie sitzen mit den Verfassungsschutzbeamten zusammen und wollen lückenlos aufklären. „Ein Ministerpäsident macht kein Theater, sondern Politik“, sagt eine von ihnen. Zuvor schmettern sie gemeinsam die Karat-Ballade „Über sieben Brücken musst Du gehen“. Hits von Ton, Steine, Scherben „Der Traum ist aus“ oder etwa „Der Kampf geht weiter“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ rahmen das Bühnenstück ein. Am Ende stehen „Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel und Solomon Burke's „Everybody Needs Somebody to Love.“

V-Mann Berger bei der Knastgruppe Wildes Huhn
V-Mann Berger bei der Knastgruppe Wildes Huhn
V-Mann Berger bei der Knastgruppe Wildes Huhn
V-Mann Berger bei der Knastgruppe Wildes Huhn

Nicht erwähnt werden im Theater die Folgen von „Feuerzauber“ und „Neuland“: Der Gefangene Sigurd Debus, der wegen der angeblich seiner Befreiung geltenden Sprengung verschärfte Haftbedingungen bekam, sich immer mehr radikalisierte und 1981 an den Folgen eines Hungerstreiks starb. Oder der Freiheitskämpfer Antonio Cubillo von der kanarischen Befreiungsbewegung MPAIAC, der 1978 vom spanischen Geheimdienst bei einem Messerattentat quasi unter den Augen der niedersächsischen Kollegen zum Krüppel gemacht wurde. Auf ihn war unter Mithilfe des umstrittenen Detektivs Werner Mauss ein Kroate namens Jelko Susak angesetzt, der dritte V-Mann rund um's Celler Loch. Im Bühnenstück wird der Cubillo-Kontakt in dessen algerischen Exil fälschlicherweise Manfred Berger zugedacht.

Das mit nur fünf Schauspieler*innen besetzte Stück im barocken Celler Schlosstheater erhält Standing Ovations. Dem zumeist schon ergrauten, rund 200-köpfigen Publikum gefallen insbesondere die 24 von „Mutz & the Blackeyed Banditz“ intonierten Musikstücke. Besonders gut kommt die Pogo-Einlage einer Schauspielerin an, die zu den Klängen des Nena-Hits „99 Luftballons“ die Beine schwingt. Alles in allem eine sehens- und hörenswerte Inszenierung und ein wichtiger Beitrag zur Allgemeinbildung.

Bühnenfotos: Hubertus Blume

Außenfotos: Wolfgang Becker

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