Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de Welt-in-Hannover.de
Kilian Kleinschmidt_Portrait

Flüchtlingspolitik

Flüchtlings- und Migrationsströme weltweit

„Aber wir reden nur über die Flüchtlinge in Deutschland!“

  Jürgen Castendyk | 02.05.2019

Der langjährige Krisenmanager des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR), Kilian Kleinschmidt, ist kein Mann diplomatischer Worte. Als Referent, ohne Mikrophon frei sprechend, ging er vor dem Publikum hin und her. Mit lebhaften Armbewegungen unterstrich er seine teilweise provozierenden Argumente für eine Transformation der traditionellen Ansätze für die Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe. Er schloss das UNHCR mit ein, für das er in Krisengebieten über zweieinhalb Jahrzehnte gearbeitet hat. Zuletzt leitete er das Flüchtlingslager Za`atari mit über 120.000 Menschen in Jordanien, dicht an der Grenze zu Syrien.

Aus einem Flüchtlingslager entstand eine autonome Stadt der Flüchtlinge.

Die Lage, die er vorfand, schilderte Kleinschmidt nüchtern: die Situation der Flüchtlinge aus Syrien in der Wüste war mehr als schwierig. Täglich kamen zu Fuß hunderte Familien an und mussten sofort in Zelten untergebracht werden. „Viele waren traumatisiert, frustriert über die ausweglose Situation und voller Hass gegen bevormundende Helfer. Eine explosive Mischung. Als ich ankam, gab es gerade eine Schlacht zwischen der jordanischen Polizei und Flüchtlingen, 17 Polizisten wurden verletzt, einer starb.“ Pragmatisch, frei von Romantik und illusionslos erzählte Kleinschmidt, wie er Schritt für Schritt Ordnung in das Chaos brachte: er führte Straßennahmen, Hausnummern und eine kostenpflichtige Wasser-und Stromversorgung ein. Flüchtlinge wurden dafür bezahlt ein Abwassersystem zu bauen. Viele schaffen sich selbst Toiletten und provisorische Duschen an. Die Frauen wollten keine Gemeinschaftsduschen benutzen um nicht von Männern belästigt zu werden. Um selbst Geld zu verdienen, durften Flüchtlinge Geschäfte aufmachen. Das Geld kam durch Arbeiten bei jordanischen Bauern und auf dem Bau oder durch Überweisungen von Familienmitgliedern aus dem Ausland. Es entstand die „Champs Elysées“ als Hauptstraße mit Geschäften und Restaurants. Dadurch wurden Arbeitsplätze geschaffen. Besonders wichtig für Kleinschmidt war die Festlegung eine Art von Verfassung, um den Flüchtlingen Möglichkeiten der Mitbestimmung zu ermöglichen.

Die Bewohner*innen wählten ihn zu ihrem „Bürgermeister“. Das erzählte Kleinschmidt nicht ohne Stolz, aber auch schmunzelnd. Za`atari wurde zum Modell für andere Flüchtlingslager und durch die Medien weltweit bekannt.

„Arroganz des Helfens“

Aus seinen Erfahrungen heraus entstand die Kritik von Kleinschmidt an der internationalen Strategie des Helfens. „Allen, die auf der Flucht sind, wird es irgendwann unwahr-scheinlich wichtig, ihre Individualität aufzubauen. Ihre Themen sind: Wie kann ich beweisen, dass ich mich um meine Familie kümmern kann, dass ich ein Mensch bin? Aber in den Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt wird versucht, genau das zu verhindern. Denn Individualität stört, sie ist chaotisch, mühsam und unpraktisch. Daraus entwickelte sich eine Arroganz des Helfens bei den Helfern.“ Das hat Kleinschmidt auch in Za`atari erfahren und zog daraus eine ungewöhnliche Schlussfolgerung: “Ehrlich gesagt haben wir die Kontrolle schlicht verloren. Die Leute haben sich von unseren Ordnungsvorschriften knallhart befreit. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich begriffen habe, dass Mut zum Chaos ein menschliches Miteinander ermöglicht.“

Da setzte auch seine Kritik an der Flüchtlingsaufnahme in Deutschland an. „Wir reden nicht mehr von Personen, sondern von Zahlen. Wie viele kommen noch? Wie viele Betten brauchen wir? Für jeden gibt es dann 2100 Kilokalorien am Tag, Wasser und eine Pritsche. Zahlen, Statistik und Logistik sind ganz große Instrumente der Entmenschlichung.“

„Ich bin dankbar für die Flüchtlinge. Sie haben uns in unserem Wohlstand aufgerüttelt!“

Das war so ein typischer Satz von Kleinschmidt, um sein Publikum einzustimmen auf die Dimensionen der weltweiten Flüchtlingsbewegungen. Laut UN sind über 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen und Naturkatastrophen. Zwei Drittel davon sind Binnenflüchtlinge im eigenen Land. „Und wir jammern über 1.4 Mio. Flüchtlinge die seit 2014 in Deutschland aufgenommen worden sind und haben dabei Angst um unseren Wohlstand“, so provozierte Kleinschmidt seine Zuhörer*innen. Dann machte er die Relationen der Kosten deutlich. Die sogenannte Weltgemeinschaft gibt jährlich 25 Milliarden US-Dollar für Hilfen bei Naturkatastrophen aus und 200 Milliarden zur Bekämpfung des Hungers in der Welt, einschließlich der Flüchtlingshilfe. Das ist nach Ansicht von Kleinschmidt „ein Tropfen auf den heißen Stein“. Zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele, wie sie im Jahr 2000 von der UN-Vollversammlung beschlossen wurden und der vereinbarten UN-Klimaziele werden in den nächsten Jahren geschätzte 2 Billion US-Dollar benötigt. Der Abbau der Ungleichheit im Handel zwischen den reichen Industrieländern und den sogenannten Entwicklungsländern blieben davon unberührt. Die Folgen der Ungleichheit sind aber für Kleinschmidt eine wesentliche Fluchtursache bei der sogenannten Arbeitsmigration.

Am Schluss seines Referates verwies er noch auf das Problem der Wanderung aus ländlichen Gebieten in die Städte - und das weltweit. Nach den Prognosen der UN werden am Ende dieses Jahrhunderts ca. 80% der Weltbevölkerung in Megastädten leben. Diese unumkehrbare Entwicklung diskutiert Kleinschmidt auf internationalen Foren. Millionen von Menschen auf allen Kontinenten ungeregelt „on the move“?. Sind das die zukünftigen „Verzweiflungsflüchtlinge“? Und die Millionenstädte, die sich zu den „Cities of Tomorrow“ zusammengeschlossen haben, beraten noch immer kontrovers über Lösungsansätze. Das treibt Kleinschmidt um, darüber will er ein Buch schreiben.

Vom Aussteiger zum Krisenmanager des UNHCR

Ein Krisenmanager mit Studium ist Kleinschmidt nicht. Nach dem Abitur schloss er sich einer Gruppe von deutschen „Aussteigern“ in den spanischen Pyrenäen an. Dort lernte er Ziegenkäse zu produzieren und als Dachdecker verfallene Häuser in Stand zu setzen. Auf einer Motorradtour durch die Wüste lernte er in Mali durch Zufall Entwicklungshelfer kennen. Ihre Arbeit überzeugte ihn. Er bewarb sich beim UNHCR und war in den schlimmsten Krisengebieten der Welt unterwegs. Die große Karriere beim UNHCR blieb ihm nach eigener Aussage wegen des fehlenden UNI-Abschlusses verwehrt. Im Sommer 2014 kündigte er schließlich und gründete in Wien das Startup Switzboard. Zielsetzung sei es durch Kooperationen zwischen weltweit tätigen Unternehmen und Flüchtlingslagern in aller Welt Sachspenden zu generieren.

Sein Referat hielt Kleinschmidt am 23. April im Leibnizhaus. Eingeladen hatte ihn das Landesbüro Niedersachsen / Bremen der Friedrich-Nauman-Stiftung für Freiheit. Er wirkte durch seine Kompetenz selbstbewusst und durch seine praktischen Erfahrungen authentisch. Angenehm waren seine heitere Selbstironie und sein Humor, auch angesichts des Scheiterns seiner Vorstellungen zur Reform des UNHCR. Bei der Diskussion über die Ängste von Zuhörer*innen in Bezug auf die „Flüchtlingskrise“ in Deutschland blieb er jovial und ein standhafter Optimist. „Es gibt natürlich Probleme, aber sie sind lösbar. Wir haben seit dem Zweiten Weltkrieg praktische Erfahrungen mit der Integration von Millionen von Migranten und Gastarbeitern. Und schließlich sind wir ein reiches Land.“

Sehenswert: die mehrteilige Serie des UNHCR auf YouTube zum Lager Za`atari: „Ein Tag im Leben“.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

kargah e. V. - Verein für interkulturelle Kommunikation, Migrations- und Flüchtlingsarbeit    Kulturzentrum Faust e. V.    Landeshauptstadt Hannover