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Ahmad Mansour_Portrait

religiös–rebellisch–radikal?

Ahmad Mansour: Eine bessere Prävention gegen die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen ist dringend notwendig.

Mansour beschäftigt sich in seinem neuesten Buch mit einem geeigneten Umgang mit der "Generation Allah".

  Jürgen Castendyk | 04.04.2019

„Lasst sie nicht allein, die Generation Allah!“

Von seiner Statur her ist Mansour unübersehbar, er ist groß und stattlich. Seine Auftritte sind souverän, Seine Formulierungen eindeutig, manchmal auch plakativ. Er ist Psychologe und Experte für muslimischen Radikalismus und Antisemitismus. Der gebürtige palästinensische Israeli kam 2004 nach Deutschland. Mansour hat zwei stark beachtete Bücher geschrieben. Sie handeln von Gefahren bei der Integration muslimischer Jugendlicher, zumeist der männlichen. Bei Veranstaltungen wird er diskret von zwei Personenschützern begleitet. Morddrohungen gewaltbereiter Islamisten gehören für ihn zum Alltag. Er erwähnt sie nicht mehr.

Immer wieder kritisiert Mansour das widersprüchliche Verhalten seitens des Schulsystems, wenn sich muslimische Jugendliche radikalisiert haben und auffällig werden. Entweder wird die Radikalisierung als Gefahr verharmlost. Oder, wenn es unübersehbare Probleme gibt, dann sind es Probleme der Sicherheitskräfte. Für ein präventives Aufgabenfeld fühlen sich viele Schulpädagog*innen nicht ausgebildet, also nicht zuständig. „Radikalisierungsprävention zwischen Hysterie und Empathie“, so beschreibt Mansour die Situation. Dann appelliert er eindringlich: „Lasst sie nicht allein, die `Generation Allah`! Das ist ein Fall für uns alle.“ Für ihn ist es höchste Zeit für eine grundsätzliche Debatte über Wertekonflikte in der Gesellschaft. „Für unseren sozialen Frieden ist sie, auch wenn die Herausforderung schwerfallen mag, existentiell.“ Nach seinen Erfahrungen gibt es ca. 11.000 gefährdete Jugendliche. Offizielle Einschätzungen gehen von weit höheren Zahlen aus. Aber es fehlt nach Ansicht von Mansour ein bundesweites Präventionskonzept für den Schulunterricht. Das müssten Bildungspolitiker*innen, Schulbehörden und Fachkräfte jetzt liefern - und zwar schnell.

„Ich glaube nicht an Demokratie - ich glaube an Allah“

Mansour ist kein abgehobener Wissenschaftler, sondern ein gefragter Berater, der sich um praxisbezogene Lösungen vor Ort bemüht. Deswegen erhält er häufig Anfragen von Lehrer*innen und Sozialpädagog*innen. Sie möchten mit jemandem von außen sprechen, der ihnen zuhört, ihre Zweifel über die unzureichende Beschäftigung mit der Radikalisierung von Schüler*innen bestätigt. Wenn er Schulen besucht, merkt er vor allem, wie viel Neugier und Offenheit bei den Jugendlichen und ihren Lehrer*innen besteht.

Für Mansour gibt es viel Potential, mit ihnen zu arbeiten, egal ob die Sorgen über eine Radikalisierung der jungen Menschen berechtigt sind oder nicht. Häufig sind es männliche Jugendliche, die zwar den Salafismus ablehnen, aber demokratischen Werte nicht teilen wollen. Sie suchen nach einfachen Antworten auf die komplizierten Fragen, die ihnen eine fremde Lebensumwelt stellt. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, auch im Sexualverhalten, oder die gewaltlose Erziehung der Kinder, stellen sie für sich in Frage. Der konservative Islam bietet für sie einfache Antworten. „Ich rede von einem Gottesbild, das durch Angst und Strafe gekennzeichnet ist; von einer heiligen Schrift, die nicht interpretiert werden darf, sondern einfach einzuhalten ist. Ich rede von Antisemitismus, Feindbildern und Verschwörungstheorien. Jugendlichen, die sich davon gefangen nehmen lassen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit widmen. Noch sind die allermeisten zu erreichen,“ so formuliert es Mansour eindringlich.

„Die Schulen müssen kritisches Denken einüben!“

Nach Auffassung von Mansour müssen Lehrer*innen in die Lage versetzt werden, auf Islamismus und Radikalisierung ihrer Schüler*innen klug und kreativ einzugehen. Kurze Fortbildungen reichten nicht aus. Notwendig sei, schon in der Ausbildung mehr Wissen über den Islamismus erwerben zu können. Die Lehrkräfte sollten dabei sensibilisiert werden, erste Veränderungen im Denken und Handeln ihrer Schüler*innen zu erkennen. In der Schulpraxis sollte eine Diskussionskultur verwirklicht werden, „um respektvolle und gewinnende Gespräche über Werte“ führen zu können. „Es muss auch endlich einen besseren Religionsunterricht an unseren Schulen geben. Kinder dürfen nicht in der Abwehr anderer Religionen aufwachsen. Und etwa glauben, dass Christen und Juden nicht in den Himmel kommen. Oder dass das Herumlaufen ohne Kopftuch ein Mädchen zur `Schlampe` macht.“ So formuliert es Mansour. Einen an Bekenntnisse gebundenen Religionsunterricht lehnt er ab. Bei einem interreligiösen Ansatz „erfahren die Kinder voneinander, übereinander und erleben direkt in ihrer Gruppe die Vielfalt des Glaubens.“ Das Hamburger Model des „Religionsunterrichts für alle“ ist für Mansour vorbildlich. Er fordert, die Schule als zentralen Ort für die Aufklärung zu gestalten.

Die genannten Ausführungen von Ahmad Mansour entstammen einer Vortragsveranstaltung mit ihm am 27. Februar im Pavillon. Wer nicht dabei sein konnte, der kann Mansours Thesen in seinem letzten Buch nachlesen: Ahmad Mansour: „Klartext zur Integration: Gegen falsche Toleranz und Panikmache“, S. Fischer Verlag, 2018, Preis: 20 Euro.

Welt-in-Hannover.de bedankt sich herzlich für die tolle Unterstützung bei den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, sowie zahlreichen Organisationen und hofft auf weitere gute Zusammenarbeit.

Schirmherrin des Projekts Welt-in-Hannover.de ist Frau Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe.

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